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Bekannte #MeToo-Täter drängen wieder in die Öffentlichkeit. Quelle: IMAGO/ZUMA Wire/Invision/Pexels/Montage Nadler

Louis C. K., Kevin Spacey und andere: das Comeback der #MeToo-Täter

Der Mann trägt einen blauen Schlabberpulli und ein schiefes Grinsen. Hinter ihm auf der Bühne im ausverkauften Hulu-Theater im New Yorker Madison Square Garden stehen fünf riesige, rote Leucht­buch­staben: „SORRY“ steht da. Aber um eine Entschuldigung geht es Louis C. K. wahrlich nicht in seinem neuen Comedyspecial. Bob Dylan singt vom Band: How does it feel? / To be without a home / Like a complete unknown?, und dann reißt es die Fans von den Sitzen. Standing Ovations. Sie lachen schon, wenn C. K. sich nur räuspert.

Louis C. K., der alte Zyniker, gibt sich kurz optisch zerknirscht im Rahmen seiner Möglichkeiten. Jeder im Saal weiß, dass er vor fremden Frauen masturbiert hat. Aber dann beginnt er zu sprechen. Und es herrscht kein Zweifel mehr: Hier beharrt ein Entertainer auf seinem Recht, Gnade und Gehör zu finden. „Meine Lieblingsposition beim Sex“, lautet gleich sein erster Satz, „ist Reverse Cowgirl – aber ich sitze oben.“ Ein Sexwitz zum Auftakt.

Und gleich noch zehn Minuten Pädophilen­gags hinterher. Man müsse selbst bei Pädophilen Abstufungen machen, findet er. „Nehmen wir Michael Jackson. Was ist besser: Ein Pädophiler, der wunderbare Musik macht, oder einer, der es nicht tut?“ Der Mann ist so schmerzfrei wie eh und je. Die Frage ist nur, ob das angemessen ist als einer der bekanntesten #MeToo-Täter.

Louis C. K. war der König des kalkulierten Tabubruchs, ein Meister der Provokation, berstend vor fröhlichem Entsetzen über den Irrsinn der Welt. Dann zerbrach 2017 seine Karriere. Die „New York Times“ berichtete von sexuellen Übergriffen. Louis C. K. hatte vor Kolleginnen, Autorinnen, Komikerinnen onaniert. „Ich habe nie einer Frau meinen Penis gezeigt, ohne vorher zu fragen“, verteidigte er sich lahm – bis er alles einräumte und aus dem Rampenlicht verschwand. Sein frisch abgedrehter Film „I love you, Daddy“ mit Chloë Grace Moretz wurde eingestampft. Die TV‑Konzerne Netflix, FX und HBO kündigten alle Verträge. Louis C. K. wurde zur Persona non grata. Zum Paria unter den Provokateuren.

Doch hoppla! Nur neun Monate später stand er schon wieder auf der Bühne. Im Comedy Cellar in Manhattan. Das Publikum soll verzückt gewesen sein. Nur wenige verließen den Raum. Im April 2020 veröffentlichte er eine neue Show, die er für ein paar Dollar über seine eigene Homepage verkaufte. Kollegin Amy Shumer gab zu: „Ich habe viel gelacht. Es ist schwer, nicht daran zu denken, was er getan hat, was er gelernt hat und was nicht. Aber ich habe definitiv gelacht.“ Im November 2021 war C. K. dann sogar wieder für einen Grammy nominiert. Den Skandal, die Opfer, seine Taten erwähnt er in keiner seiner Shows auch nur mit einem Wort des Bedauerns. Der gigantische Showtitel „SORRY“ ist ohne Zweifel Ironie. „Ich weiß“, soll das wohl bedeuten – „ihr erwartet von mir ein Wort des Bedauerns. Aber ihr werdet es nicht bekommen.“ Schließlich sei auch er, sagte er in einem Gespräch, „durch die Hölle und zurück“ gegangen.

Und Louis C. K. ist nicht der einzige gefallene Star, der aus der Asche wieder ans Licht zu kriechen versucht. Schon lange vor dem Prozess Johnny Depp versus Amber Heard, dessen Ausgang zugunsten des Mannes und zuungunsten der Frau sich ohne Zweifel als Wende­punkt der #MeToo-Bewegung lesen ließ, streckten die ersten blamierten Kerle mal mehr, mal weniger zerknirscht die Köpfe wieder aus dem Fenster und blinzelten prüfend ins Sonnenlicht. Ist die Zeit schon reif? Gönnt uns die Öffentlichkeit ein Comeback?

Kevin Spacey zum Beispiel. Der Superstar („American Beauty“) muss sich aktuell wegen Vorwürfen sexueller Übergriffe auf drei Männer in vier Fällen verantworten. Das Old Vic Theatre in London, dessen künstlerischer Direktor er zwischen 2004 und 2015 war, hatte 2017 von 20 Beschwerden wegen „unangemessenen Verhaltens“ berichtet. Spacey verlor seine Rolle in der Netflix-Hitserie „House of Cards“. Er musste zudem der Produktions­firma MRC knapp 30 Millionen Euro für entgangene Einnahmen zahlen. Alle Szenen mit Spacey wurden nachträglich aus Ridley Scotts Film „All the Money in the World“ entfernt. Spaceys Rolle übernahm damals der im Februar 2021 gestorbene Schauspieler Christopher Plummer.

Spacey dürstet es nach einem Comeback

Dann aber bald: zaghafte Comeback­versuche. Nach kleinen Auftritten in immerhin acht Produktionen seit 2017 standen in diesem Frühjahr zwei neue Spacey-Filme beim Filmfestival in Cannes zum Verkauf: „Peter Five Eight“ und „1242 – Gateway to the West“. Auch wenn der „Peter“-Trailer überwiegend beißenden Spott und Häme erntete: Spacey dürstet es nach einem Comeback.

Als Pionier erfolgreicher Wieder­auferstehungs­strategien taugt dabei Mel Gibson, der zwar nicht zu den #MeToo-Verdächtigen zählt, sich aber vor einem guten Jahrzehnt mit antisemitischen und rassistischen Äußerungen ins Abseits geschossen hat. Alkohol, Vorwürfe häuslicher Gewalt, weitere Ausfälle. Es schien, als könne sich Gibsons Karriere davon nicht mehr erholen. Aber schon 2011 übernahm er in Jodie Fosters Film „Der Biber“ wieder eine Hauptrolle. 2016 kehrte er mit „Hacksaw Ridge“ selbst als Regisseur zurück. Sein kommerzielles Comeback erlebte er 2017 in der Komödie „Daddy’s Home 2“ neben Stars wie Will Ferrell und Mark Wahlberg. Gibson is back.

Fünf Jahre ist es her, dass das Magazin „Time“ die „Silence Breakers“ als Personen des Jahres ausgewählt hat. Diejenigen Frauen und Männer also, die das Schweigen über Jahrzehnte der sexuellen Ausbeutung und Erpressung in Hollywood gebrochen haben. Spektakuläre #MeToo-Urteile hat die Welt seither gesehen – gegen den Miramax-Produzenten Harvey Weinstein, gegen Sänger R. Kelly, gegen den US‑Sportarzt Lary Nassar.

Nun aber scheint es, als kündige sich eine Renaissance der Beschuldigten an. Das Imperium schlägt zurück. Mit den gesell­schaftlichen Verhältnissen ist es, steht zu befürchten, wie mit Bimetall: Unter Hitze und Reibung ist es formbar, kann sich verändern und entwickeln. Aber sobald mit der Zeit die Hitze nachlässt, springt es zurück in die alte Form. Und alles scheint wie immer.

Möglich, dass mancher der #MeToo-Täter sich herausgefordert fühlt, angesichts der Tatsache, dass nur wenige #MeToo-Anschuldigungen tatsächlich in gerichtsfesten Urteilen münden, einen beruflichen Neustart zu wagen. Denn das ist die bittere Lehre aus den #MeToo-Jahren: „Es ist für viele Menschen offenbar wahrscheinlicher, dass eine Frau eine groß angelegte Kampagne gegen einen Mann fährt, um ihn zu ruinieren, als dass der Mann tatsächlich gewalttätig ist“, sagte die Autorin Veronika Kracher dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND).

Hoffen auf die milde Gnade der Öffentlichkeit

Und mehr noch: Die Bereitschaft der Zuschauer, Leser und Hörer, mit ihren erratischen, genialischen, andersartigen und anti­langweiligen Helden gnädig zu verfahren – wenn sie sich nicht gerade eines Kapital­verbrechens schuldig gemacht haben –, ist gewaltig. „Das Publikum ist mit der Vergebung des Prominenten­titels sehr großzügig, es hat gegen heikle Begleit­umstände wie Ehebruch, Mitgiftjägerei, Trunkenheit, Fausthiebe und Schamlosig­keit nichts einzuwenden“, schrieb Friedrich Sieburg schon 1954 in der „Zeit“. Und so setzen die Beschuldigten nicht bloß auf die milde Gnade der Öffentlichkeit. Sie hoffen sogar auf einen Karrierebooster durch ein Comeback.

Denn kaum jemand schillert so hell wie ein Star, der aus der Gosse kommt. „Wir kennen die Routine“, sagte US‑Comedian Jerry Seinfeld in einem „New York Times“-Interview zum Fall Louis C. K.: „Die Person macht etwas falsch. Die Person ist gedemütigt. Sie wird verbannt. Sie leidet, wir wollen, dass sie leidet. Wir lieben den Sturz, wir lieben den Aufprall und das Geräusch des Sturzes. Wir wollen, dass sie kriecht. Wird sie kriechen? Wie lange wird sie kriechen? Wird sie weinen? Und wir, das Gericht der öffentlichen Meinung, verlangen nach Leid und Schmerz.“ Dann aber sei ein Comeback denkbar.

Genug gekrochen also? Richard Dreyfuss, dem die Autorin Jessica Teich 2017 Missverhalten vorgeworfen hatte, war seither in immerhin sechs größeren Filmen zu sehen. Dustin Hofmann, von sechs Frauen der sexuellen Übergriffigkeit bezichtigt, kann seine Filmkarriere ebenfalls unbeirrt fortsetzen. John Lasseter, renommierter Trickfilmregisseur („Toy Story“, „Cars“, „Die Eiskönigin“), dem ebenfalls jahrelange Übergriffigkeit vorgeworfen wurde, zog sich trotz dieses offenen Branchen­geheimnisses für gerade einmal sechs Monate von seinen Arbeitgebern Pixar und Disney zurück, erhielt dann einen Beratervertrag – und leitet inzwischen die Firma Skydance Animation.

Den Opfern nützt die Nachsicht der Fans wenig

Startenor Placido Domingo zog sich ebenfalls nur für wenige Monate zurück – obwohl Untersuchungen der Oper in Los Angeles und des US‑Verbands der Musikkünstler (AGMA) Vorwürfe des „unangemessenen Verhaltens“ gegenüber mehreren Sängerinnen für glaubwürdig hielten. Domingo war im Oktober 2019 als Chef der Oper in Los Angeles zurückgetreten. Und im Fall des deutschen Regisseurs Dieter Wedel, dem in einem „Zeit“-Artikel vom 3. Januar 2018 mehrere Schauspielerinnen gewalttätige und sexuelle Übergriffe vorgeworfen hatten, erhob die Staats­anwaltschaft München im März 2021 zwar Anklage. Noch ist aber nicht entschieden, ob es auch zu einem Prozess kommt.

All diese Signale lassen nur den Schluss zu, dass Fans im Austausch für Nachschub jenes Stoffes, der sie einst zu Fans gemacht hat, außer­ordentlich nachsichtig sein können. Die Opfer freilich, deren Anschuldigungen oft verhallen, bevor ein Gericht sie überprüft, nützt das wenig.

„Wenn es ein Verbrechen gab, ist das eine Frage der Gesetze“, sagte Seinfeld der „New York Times“. „Das Gesetz der Comedy aber erfinden wir ständig neu. Und zum Entertainment gehört eben auch das wahre Leben der Person. Wir wollen, dass man uns auch mit der eigenen Biografie unterhält. Wir mögen Ihre Show, wir mögen Ihr verkorkstes Leben. Auch das macht uns Spaß!“ Im Fall Louis C. K. fragten die Menschen eher „Wie geht es ihm? Wie geht es dem Täter“, als „Wie geht es dem Opfer?“.

Im Übrigen seien Comedians ohnehin dickfelliger, was Gegenwind angehe, sagte Seinfeld. „,Wir hassen dich! Geh runter von der Bühne!‘ – daran sind wir gewöhnt“, sagte er. „Jeder Komiker kennt das, es ist Teil seines Lebens. Ausgebuht werden, angebrüllt werden, gehasst werden. Du kriegst das kaum noch mit. Entweder, man hält das aus – oder eben nicht.“

Ablehnung als Treibstoff

Auch das ist eine mögliche Erklärung dafür, warum mancher sich vorschnell aus der Deckung wagt und keine übertrieben große Einsicht in sein Fehlverhalten zeigt: Auf Ablehnung zu stoßen ist Teil ihres Treibstoffs. Für Louis C. K. gilt das ohne jeden Zweifel. Im Oktober tritt er in der Ovo Arena Wembley in London auf. Vor bis zu 12.500 Zuschauern.

Von Imre Grimm/RND