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Ein DJ legt Techno-Musik auf, während junge Freiwillige die Trümmer eines durch eine russische Rakete zerstörten Gebäudes im Dorf Jahidne in der Region Tschernihiw beseitigen. In dem Dorf in der Nordukraine, das erst vor wenigen Monaten von der russischen Besatzung verwüstet wurde, hat eine Techno-Party in einem zerbombten Gebäude mehr als 200 junge Menschen zusammengeführt, die einen neuen Weg gefunden haben, um beim Wiederaufbau ihres Landes zu helfen. Quelle: Vasilisa Stepanenko/AP/dpa

Junge Ukrainer nutzen Techno-Partys für Wiederaufbau nach russischen Angriffen

Jahidne. In einem vor wenigen Monaten unter russischer Besatzung verwüsteten Dorf im Norden der Ukraine ist eine Techno-Party in vollem Gange. In einem ausgebombten Gebäude haben mehr als 200 junge Menschen einen neuartigen Weg gefunden, um beim Wiederaufbau ihres Landes zu helfen. Der tagsüber stattfindende „Aufräum-Rave“ in Jahidne ist von jungen Ukrainerinnen und Ukrainern organisiert worden, die auf Tanzpartys setzen, um Schäden zu beheben, die bei russischem Bombardement entstanden.

Mit Schaufeln in der Hand arbeiten sich die Freiwilligen durch die Überreste eines dörflichen Kulturzentrums, das im März bei einem russischen Raketenangriff zerstört wurde. Die Trümmer werfen sie auf einen an einem Traktor befestigten Schaufellader. Ein DJ, der seine Anlage auf einem Stapel Munitionskisten aufgebaut hat, spielt dazu Techno und Housemusik ab. Einige pausieren ihre Arbeit, um zu tanzen.

„Freiwilligenarbeit ist jetzt mein Lebensstil“, sagt Tanja Burjanowa, eine der Organisatorinnen von der Initiative „Repair Together“. „Ich mag elektronische Musik und bin früher Feiern gegangen. Aber jetzt ist Krieg und wir wollen helfen. Und das machen wir mit Musik“, sagt sie.

Musik mit Wiederaufbau verbinden

Die pulsierende Clubszene der Ukraine kam mit der russischen Invasion vom 24. Februar plötzlich zum Stillstand. Jetzt, mit einer nächtlichen Ausgangssperre in der Hauptstadt Kiew und der allgegenwärtigen Gefahr weiterer russischer Raketenangriffe versuchen Anhänger der ukrainischen Partykultur, den Spaß und das Freiheitsgefühl eines Musikfestivals mit dem Wiederaufbau des Landes zu verbinden, das sie lieben.

Burjanowa sagt, die Aufräum-Raves brächten jene zusammen, die ihre Club-Community während des Krieges verloren hätten. Das helfe ihnen dabei, ein Gefühl von Normalität und Spaß zurückzugewinnen, während zugleich den beschädigten Städten geholfen werde. „Wir vermissen (Partys) und wir wollen zum normalen Leben zurückkehren, aber unser normales Leben ist jetzt Freiwilligenarbeit“, sagt die 26-jährige Burjanowa der Nachrichtenagentur AP.

Das beschädigte Kulturzentrum liegt am Rand von Jahidne, wo unter der russischen Besatzung der Provinz Tschernihiw fast alle 300 Dorfbewohner wochenlang in einen Keller gezwungen wurden. Die 68-jährige Anwohnerin Nina sagt, sie habe diese schrecklichen Wochen in dem Keller zugebracht, bevor die russischen Soldaten abgezogen seien. Mehrere Menschen seien dort wegen der schlechten Bedingungen gestorben. „Sie haben bereits unsere Fenster, Türen und Eingänge repariert“, sagt Nina über die Freiwilligen. „Wir könnten es mit unseren Gehältern oder Renten nicht selbst schaffen. Ich bin dankbar, dass sie uns geholfen haben.“

Freiwillige aus Kiew und dem Ausland

Die meisten der Freiwilligen sind in ihren 20ern oder 30ern und aus dem etwa zwei Fahrstunden entfernten Kiew angereist. Andere kommen aus Lwiw im Westen des Landes oder aus dem nahe gelegenen Tschernihiw. Einige Freiwillige sind auch aus dem Ausland angereist, sie stammen etwa aus Portugal, den USA oder Deutschland.

Der Einsatz am Kulturzentrum war das achte Projekt der Gruppe bislang. Sie hat bereits dabei geholfen, 15 beschädigte Häuser in Jahidne zu reparieren. Die Gruppe will expandieren und in der nahe gelegenen Stadt Lukaschiwka ein Aufbau-Camp veranstalten und dort zwölf Häuser für Menschen bauen, deren Unterkünfte zerstört wurden, wie Burjanowa sagt.

Nach dem Ende eines DJ-Sets sagt DJ Oleksandr Butschinskij, alle Freiwilligen verbinde ein Gefühl von Optimismus und Verantwortung. „Das sind alles junge Menschen, die noch eine Leidenschaft für das Leben haben, aber sie leiden und sind sehr traurig und wütend wegen des Krieges“, sagt er. „Aber sie verspüren ein Bedürfnis, an diesem historischen Moment teilzuhaben und Menschen zu helfen und die Ukraine mit einem Lächeln auf ihren Gesichtern zu einem besseren Ort zu machen.“

RND/AP