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Papst Franziskus am Dienstag mit Indigenen im kanadischen Lac Ste. Quelle: Nathan Denette/The Canadian Pres

Kanada versucht zu vergeben

Quebec. Die Erlösung für Papst Franziskus kam in Quebec, der zweiten Etappe seiner Kanada-Reise. Während ihm nach seiner Landung in Edmonton am Sonntag noch eine eisige Atmosphäre entgegengeschlagen war, säumten in Quebec Zehntausende jubelnde Menschen die Straßen.

Am Donnerstag zeigte sich im kanadischen Nationalheiligtum Sainte Anne de Beaupre, wo der Papst eine Messe feierte, wie widersprüchlich die kanadische Gesellschaft den Papstbesuch aufnimmt.

Papst Franziskus hatte nach dem schwierigen Auftakt befürchtet, dass er eine ganze Woche lang in Kanada einem heftigen Gegenwind ausgesetzt sein würde. Angesichts der Tatsache, dass die katholische Kirche knapp 100 Jahre an einem System beteiligt war, das über 150.000 Kinder in Internatsschulen gezwungen hat, in denen nach Schätzungen 6000 Kinder durch Gewalt, Krankheiten und Hunger zu Tode kamen, schien das auch alles andere als ein Wunder.

Massaker an Kindern und Jugendlichen werden als „Völkermord“ eingestuft

Erneut erklärte der Papst in Quebec, wie sehr ihn der Horror „beschäme“, dem die Kinder in den Internatsschulen ausgesetzt waren. Doch die kanadische Gesellschaft zeigt sich zerrissen, was die Bitte um Vergebung des Papstes angeht.

Der Vatikan hatte sich auf einen schwierigen Streit vorbereitet. Da sowohl die katholische Kirche als auch der kanadische Staat für die mittlerweile als „Völkermord“ eingestufte Massaker an den Kindern und Jugendlichen verantwortlich war, fürchtete der Papst, dass die Schuld dem Vatikan zugeschoben werden würden. Vor allem der Besuch beim kanadischen Premier Justin Trudeau am Mittwoch in Quebec galt als ganz besonders heikel.

Schließlich hätte Trudeau darauf verweisen können, dass die Kirche und nicht der Staat die eigentlichen Täter waren. Denn die absolute Mehrheit der Schuldigen waren Nonnen und Priester, keineswegs Staatsangestellte. Bisher konnten 4120 Opfer zweifelsfrei in Gräbern identifiziert werden. Sie waren in aller Eile rund um die Internatsschulen von Mitgliedern des Klerus verscharrt worden.

Trudeau kniet vor Franziskus – Demonstranten gelangen nahe an Papst heran

Zudem erinnerte der Papst in seiner Rede daran, dass die Kirche nicht allein an dem Desaster schuldig geworden sei, sondern die Schuld auch den kanadischen Staat treffe. Doch statt die Schuld jetzt dem Papst zuzuschieben und ihn hart zu attackieren, kniete der Premier zum Auftakt des Besuchs vor dem Rollstuhl von Papst Franziskus. Tiefer hätte sich der junge Premier nicht verbeugen können.

Vergessen ist aber gleichzeitig der Horror keineswegs. Einer Gruppe Protestierender gelang es, ganz nahe an den Papst heranzukommen. Die kanadischen Sicherheitskräfte, die gepanzerte Fahrzeuge, Scharfschützen und Sprengstoff-Spürhunde für die Sicherheit des Papstes aufgeboten hatten, sahen in diesem Moment nicht gut aus.

Die Demonstranten kamen mit ihrem Plakat, das den Widerruf der katholischen Lehre forderte, so nahe an den Papst heran, dass man ihn mit einem Wurfgeschoss leicht hätte treffen können.

„Ich war sechs Jahre alt, als sie mich holten“

Im Nationalheiligtum Sainte Anne warteten am Donnerstag auch die beiden Cousins William Neven (72) und William Paul (65). Die beiden Indigenen des Stamms der Mi’kmaq gelten in Kanada als echte Berühmtheiten, weil William Paul einer der letzten Schüler überhaupt war, der in das Terrorsystem der Internatsschulen gezwungen worden war, bevor die Verbrechen aufgedeckt und die Schulen geschlossen wurden.

„Ich war sechs Jahre alt, als sie mich holten. Sie sagten meinen Eltern, dass es nur zwei Möglichkeiten gab: Entweder sie kamen beide ins Gefängnis oder sie ließen mich in die Internatsschule gehen, damit ich nicht als Wilder aufwachse“, sagte William Pau dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) in der Sainte-Anne-Kirche in Quebec.

Er braucht eine Weile, bis er weitersprechen kann. „Wissen Sie, wovor ich immer so viel Angst hatte: Mich einfach zu verlaufen auf dem Gelände der Schule. Denn wenn die Nonnen glaubten, dass eines der Mädchen oder einer von uns Jungs versuchte zu fliehen, schleppten sie uns in die Schule, rissen uns die Hosen herunter und prügelten mit einer etwa einen Meter langen Latte auf den Hintern, bis er blutig war. Das hat so furchtbar wehgetan, weil die Haut aufplatzte. Ich träume heute noch davon. Das geht einfach nicht weg. Ich versuche mir zu sagen, denke nicht daran, vergiss es einfach, aber das kann ich nicht“, sagte William Paul dem RND.

„Der Priester hat mich im Beichtstuhl vergewaltigt“

Sein Cousin William Neven (72) ist ein „Sundancer“. Er gehört zu den heiligen Männern der Mi’kmaq, die während einer religiösen Zeremonie bis zu vier Tage in einer Art Ekstase tanzen. „Meine Mutter Rose war in einer Internatsschule. Sie hat jedes einzelne Mal geweint, wenn sie sich an die Zeit daran erinnerte. Ich habe nie den Mut gehabt, sie zu fragen, was ihr da eigentlich zugestoßen ist, aber es war ganz offensichtlich, dass das entsetzlich gewesen war.“

Am Mittwoch hatte am See der heiligen Anna bei Edmonton Evelyn Roberts (76) den Mut zu sagen, was ihr in einer Internatsschule zugestoßen war. „Ich bin vergewaltigt worden, mit sechs Jahren. Der Priester hat mich im Beichtstuhl vergewaltigt. Ich habe mit 14 Jahren die Internatsschule verlassen. Ich war so voller Hass, mein Leben lang. Wenn ich mit meiner Mutter darüber sprechen wollte, sagte sie: Erzähl nicht solche Sauereien. Erst die Kommission zur Aufarbeitung hat mir zugehört und versucht, den Täter zu finden, aber er war schon tot. Ich war doch, verdammt noch mal, erst sechs.“

Nach einem Abstecher an den Nordpolarkreis zu den Inuit in Iqaluit wird der Papst zurück nach Rom fliegen, wo er am Samstagmorgen erwartet wird.

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Von Andreas Englisch/RND