Donnerstag , 29. September 2022
Anzeige
Abgestorbene Nadelbäume zieren die Landschaft nahe des Örtchens Ulrichstein in Hessen. Quelle: Matthias Schwarzer/RND

Wenn die Heimat vertrocknet

Nidda. Hans-Otto Wack stapft durch das Bett eines kleinen Baches. Wobei: Bett kann man das eigentlich nicht mehr nennen. Ausgetrocknet ist der Eichelbach in der Nähe des kleinen hessischen Orts Nidda. „Hier ist noch ein bisschen Feuchtigkeit“, sagt Wack, während er mit seinen Fingern den Boden abtastet. Es klingt nach Freude – dabei hat der Ökologe die Hoffnung längst verloren.

„Zwei Trockenjahre würde das Bachleben überstehen“, sagt Wack. Darauf sei die Natur vorbereitet, damit käme sie klar. Rund um den Bach ist noch grünes Schilf zu sehen, das deutet darauf hin, dass im Boden noch Wasser vorhanden ist. „Inzwischen sind wir aber im vierten Dürrejahr“, sagt Wack. „Dieser Bach dürfte im kommenden Jahr biologisch weitestgehend tot sein.“

Es ist eine ernüchternde Erkenntnis, und bei Weitem nicht die einzige ihrer Art in der hessischen Region rund um den Vogelsberg. Die Landschaft gleicht an diesem Sommertag im August einer Steppe. Die Gräser an den Wegesrändern sind völlig vertrocknet, die Landwirte haben ihre Ernte mehrere Wochen früher eingefahren als üblich. Aus den Wäldern ragen kranke oder abgestorbene Bäume. Es sind nicht nur die Nadelbäume, sondern auch die sonst so robusten Laubbäume, die leiden.

Ende Juli ist schon Herbst

„Sie werfen die Blätter und Früchte ab, weil sie schlichtweg kein Wasser mehr haben“, sagt Wack. An ihren Spitzen seien schon Ende Juli verfärbte oder vertrocknete Blätter zu erkennen gewesen, als habe der Herbst längst eingesetzt. 200 Jahre alte Buchen in den Wäldern kämen selbst mit ihren tief gewachsenen Wurzeln nicht mehr ans Grundwasser. Die Folge: Die Wurzeln wachsen nach oben, um Regenwasser abzufangen. „Dadurch verlieren die Bäume ihre Standfestigkeit und fallen beim nächsten Wind um“, beklagt der Ökologe.

Und dann sind da eben noch die Bäche und Flüsse, die viel zu wenig Wasser führen. In den Oberläufen sei das auch früher schon vorgekommen, sagt Wack, im August oder September. Mittlerweile trockneten sie schon im Mai aus – und zwar sogar unten am Berg. „Das ist völlig ungewöhnlich.“ Die Stelle, die Hans-Otto Wack zeigt, sei erstmals im Herbst 2018 trocken gewesen. In diesem Jahr sei das noch früher geschehen.

Warum ist das so? Zum einen trifft auch den Vogelsberg die wochenlange Dürre, die dieser Tage der gesamten Bundesrepublik zusetzt. Landschaften vertrocknen, Wälder leiden, Biotope sind kaum wiederzuerkennen. Doch der Vogelsberg hat noch ein ganz anderes Problem: Er ist Hauptlieferant von Trinkwasser für die Metropole Frankfurt und andere Kommunen im Rhein-Main-Gebiet. Ein Umstand, der schon seit vielen Jahrzehnten für Unmut unter Anwohnerinnen und Anwohnern sorgt – seit Beginn der scheinbar unaufhörlichen Trocken­perioden aber in Wut umschwenkt.

Protestplakate und viel Wut

„Die Stimmung schaukelt sich hoch“, sagt Wack. Hausbesitzerinnen und ‑besitzer würden angesichts des Grund­wasser­spiegels Alarm schlagen, Fahrzeuge mit Frankfurter Kennzeichen würden im Ort mittlerweile skeptisch beäugt oder abfällig kommentiert. Der Ton werde zunehmend schärfer, Pläne für Protestaktionen würden vielerorts geschmiedet.

Frankfurt pumpt der Region praktisch das letzte bisschen Wasser ab, lautet der Vorwurf der Menschen am oberen und unteren Vogelsberg. Fährt man durch die kleinen Ortschaften der Region, finden sich hier große Plakate auf denen der Satz „Weniger Grundwasser nach Rhein-Main“ steht. Aufgestellt wurden sie von der Schutz­gemeinschaft Vogelsberg, einem Verein, der bereits seit den Achtzigerjahren auf das Problem aufmerksam macht – insbesondere seit den Dürrejahren aber steigende Mitglieder­zahlen verzeichnet. Auch Wack engagiert sich im Verein.

Der Klimawandel verschärft die Situation

Die Wasserförderung in der Region reicht zurück bis in die 1870er-Jahre. Damals wurden die ersten Leitungen verlegt, um Grundwasser in die wachsende Großstadt Frankfurt zu pumpen. Der Grund: Der Vogelsberg ist eine der wasserreichsten Regionen des Landes – und Frankfurt braucht viel Trinkwasser.

Jährlich fließen rund 40 Millionen Kubikmeter Wasser durch die unterirdischen Rohre in die hessische Banken­metropole. Nicht immer ohne Widerstand. Schon in den Siebzigerjahren protestierte die Bevölkerung der anliegenden Dörfer. Zeitweise kam es sogar zu Sabotage­versuchen, wie Wack erklärt. Im Örtchen Nidda sank der Grund­wasser­spiegel zeitweise so massiv ab, dass die Fundamente mehrerer Wohnhäuser nachgaben. Betroffen waren auch Moore und Biotope, die austrockneten. In den Neunzigerjahren wurde die Förderung umgestellt und die Menge deutlich reduziert.

Doch inzwischen kommt ein Problem hinzu, das es in dem Ausmaß vor 30 Jahren noch nicht gab: der Klimawandel und die endlosen Dürrejahre, von denen eines dem anderen folgt. Wird die Wasser­gewinnung nicht an die veränderte Situation angepasst, sieht Hans-Otto Wack bereits eine ökologische Katastrophe nahen: Immer mehr Auen­land­schaften in der Region würden sterben – und damit die Lebensräume zahlreicher Tier- und Pflanzenarten. Immerhin: Zu einer Wasser­knappheit in der Bevölkerung dürfte es langfristig wohl nicht kommen, glaubt Wack. Die Bürgerinnen und Bürger in der Region dürften ihre Heimat aber bald kaum noch wieder erkennen.

Kampf ums Wasser in vielen deutschen Regionen

Zwar hat sich die mittlere Niederschlags­menge in Deutschland seit 1881 nicht signifikant verändert. Regen fällt aber deutlich unregelmäßiger; die immer heißeren und trockeneren Sommer lassen zudem den Wasserbedarf gleichzeitig steigen.

Ein Umstand, der auch in anderen Regionen Deutschlands Verteilungs­kämpfe ums Wasser auslöst. Zum Beispiel in Bremen. Die 500.000-Einwohner-Stadt bezieht einen Großteil ihres Trinkwassers aus den naheliegenden Gemeinden in Niedersachsen. Flüsse wie die Halse führen an manchen Stellen die meiste Zeit des Jahres gar kein Wasser mehr, Umweltverbände vor Ort beklagen, dass der Grund­wasser­spiegel mancherorts massiv abgesunken ist. Die Folge: kranke Bäume, trockene Flüsse, verschwindende Auenland­schaften, auch Schäden an Häusern.

In der ohnehin wasserarmen Region Brandenburg sorgen derweil große Konzerne für Unmut, die ohnehin schon jeden Tag im ganzen Land zig Millionen Liter Wasser aus den Böden pumpen. Der US‑Konzern Google, der im ostbrandenburgischen Neuenhagen ein Rechenzentrum errichten wollte, musste seine Pläne auf Eis legen – die Technik hätte nicht ausreichend mit Wasser versorgt werden können. In Grünheide steht der Autobauer Tesla im Fokus der Kritik: Trotz großen Wassermangels in der Region wurde der Betrieb hier angesiedelt.

Immer mehr Rechtsstreits

Die Folge ist eine steigende Zahl von Rechtsstreits. In elf von sechzehn Bundesländern nehmen Gerichtsverfahren um die Wasser­versorgung zu, hat das Rechercheprojekt Correctiv herausgefunden. Umwelt­aktivistinnen und ‑aktivisten bemängeln derweil, dass der Politik konkrete Pläne fehlen, um das Wasser, im Falle einer drohenden Krise, fair zuzuteilen. Laut der Correctiv-Recherche sei bisher völlig unklar, wer dann Vorrang haben würde – die Industrie, die Landwirtschaft, die Umwelt oder Bürgerinnen und Bürger? Die öffentliche Wasser­versorgung sei zwar in der Theorie gesetzlich abgesichert, aber nicht in allen Bundesländern sei die Trink­wasser­versorgung Priorität.

Wie soll all das weitergehen? Und wie wird der Streit ums Wasser enden?

Was ist die Lösung?

Am Vogelsberg ist man sich einig, dass es dringend nachhaltige Lösungen braucht. Nach Ansicht der Schutz­gemeinschaft müsste das vorhandene Wasser gerechter verteilt werden. Warum sollen die Menschen auf dem Lande darben und die Großstädter unbeschwert genießen?

„Durch Frankfurt fließt ein großer Fluss“, sagt Cécile Hahn, Vorsitzende des Vereins. Das Wasser aus dem Main könne in vielen Bereichen das Wasser aus dem Vogelsberg ersetzen, das zuvor viele Kilometer quer durchs Land gepumpt wird. Teilweise passiere das auch schon: „Aber es werden bei Weitem nicht die Möglichkeiten ausgeschöpft, die vorhanden sind.“ Hahn nennt das „verantwortungslos“.

In Frankfurt könnten neue Anlagen errichtet und die Fördermengen der eigenen Wasser­werke hochgefahren werden, meint die Schutz­gemeinschaft. Zudem könne das Wasser in vielen Bereichen durch Nicht-Trinkwasser ersetzt werden. In Neubauten könnten WCs, Wasch­maschinen, Pools und die Bewässerung über ein zweites Leitungssystem mit Regen-, Grau- oder Mainwasser versorgt werden. Dass all das noch nicht konsequent passiert, schiebt Hahn auf das gute Geschäft mit dem Wasser. Die Stadt und ihr Lieferant Hessen­wasser würden „verschweigen, wie viele Millionen Euro sie jährlich durch den Handel mit Fernwasser einnehmen“. Dieses lukrative Geschäft sei den Verantwortlichen „offensichtlich wichtiger als ihre Verantwortung für die Gewinnungsg­ebiete ihres Trink­wassers“, meint Hahn.

Stadt Frankfurt arbeitet an Plänen

Die Stadt Frankfurt sieht all das etwas anders. Die Erträge von Hessen­wasser gingen ein in die Haushalte der Kommunen, Gewinn werde mit dem Verkauf des Wassers vom Vogelsberg nicht erzielt, erklärt eine Sprecherin auf Anfrage des Redaktions­Netzwerks Deutschland (RND). Die Vorschläge der Schutz­gemeinschaft hält sie für schwierig: „Wegen der intensiven Flächennutzung und des Untergrunds ist eine Ausweitung der Trink­wasser­gewinnung im Stadtgebiet nur bedingt realisierbar.“ Auch eine direkte Umwandlung von Mainwasser in Trinkwasser sei wegen der „extrem aufwendigen Wasser­aufbereitung“ nicht praktikabel.

Die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger am Vogelsberg nehme man dennoch ernst. Verabschiedet worden sei deshalb Anfang des Jahres ein neues Wasserkonzept der Stadt. Dieses beinhaltet den Ausbau der Infrastruktur – mitunter sollen bestehende Wasserwerke saniert und die Anlagen von Transport­leitungen und Hochbehältern optimiert werden. Zudem will die Stadt mit einer Informations­kampagne Bürgerinnen und Bürger zum Wassersparen animieren.

Auch die von der Schutz­gemeinschaft geforderte Verwendung von mehr Betriebs- und Brauchwasser steht im Konzept. Geht es nach der Stadt, soll dies in größeren Neubaugebieten künftig zur Pflicht werden. Allerdings würden dafür aktuell noch beim Land Hessen die rechtlichen Möglichkeiten geprüft, das Ergebnis stehe noch aus. „Eine Vorgabe von Betriebs­wasser­systemen bei allen Bebauungs­plänen ist nicht geplant, da dies nicht überall zweckmäßig ist“, so die Stadtsprecherin. „Dagegen wird die Regen­wasser­bewirtschaftung mit den Zielen auf Rückhaltung, Verdunstung und Versickerung bei Bebauungs­plänen mit betrachtet und festgelegt.“

Wenn die Heimat vertrocknet

Die Menschen am Vogelsberg begeistert all das aktuell nur wenig. „Das hört sich auf dem Papier gut an“, sagt Cécile Hahn. Ernsthaft umgesetzt würden die Pläne dann aber trotzdem nicht. Man beobachte das schon seit vielen Jahren: „Es passiert einfach nichts.“ In Frankfurt würden an jeder Ecke neue Büro­gebäude gebaut. Dafür müsse es zwingend die Vorgabe geben, dass nur mit einem Zwei­leitungs­system für Brauch­wasser gebaut werden dürfe: „Sonst nützt das schönste Papier nichts.“

Hans-Otto Wack blickt derweil auf den ausgetrockneten Eichelbach: „Hier habe ich mich gerne hingesetzt – das ist eine Stelle, wo man gerne die Seele baumeln lässt.“ Plätscherndes Wasser habe schließlich eine beruhigende Wirkung. „Auch Frankfurter kommen übrigens gerne hierher in die Natur“, ergänzt Wack.

Heute plätschert an Wacks Lieblings­platz nichts mehr. „Die Missstände sind so deutlich sichtbar – mit der Entspannung ist es hier vorbei.“ Es dürfte nicht das letzte Natur­paradies am Vogelsberg sein, das stirbt.

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Von Matthias Schwarzer/RND