Dienstag , 22. September 2020
Spaniens ehemaliger König Juan Carlos. Quelle: imago images/alterphotos

Der König der spanischen Demokratie wird aus dem Land gejagt

Ermittlungen gegen Spaniens Ex-König Juan Carlos wegen angeblicher Schmiergeldzahlungen hatten nicht nur ihn in Verruf gebracht, sondern auch dem Königshaus geschadet. Mit 82 Jahren zieht er nun ins Ausland – nicht ganz freiwillig.

Madrid. Der Text ist von höchster Brisanz. “Majestät, lieber Felipe”, schreibt Spaniens ehemaliger König Juan Carlos an seinen Sohn, den derzeitigen König, “mit demselben Bestreben, Spanien zu dienen, das meiner Regentschaft zugrunde lag, und angesichts des öffentlichen Echos gewisser vergangener Ereignisse aus meinem Privatleben möchte ich dir meine vollkommene Bereitschaft erklären, dazu beizutragen, dass du deine Aufgaben mit der angesichts deiner großen Verantwortung nötigen Ruhe und Gelassenheit erfüllen kannst.” Daher teile er seinem Sohn “meine gründlich bedachte Entscheidung mit, zu diesem Zeitpunkt aus Spanien fortzuziehen”.

Am Montagabend machte das spanische Königshaus dieses Schreiben öffentlich. Wie immer man die Sache dreht und wendet: Juan Carlos, der König der spanischen Demokratie, wird aus dem Land gejagt. Das ist keine wahrhafte Revolution. Aber beinahe.

Sein makelloser Ruf in Spanien bekam Sprünge

Bei den “gewissen vergangenen Ereignissen aus meinem Privatleben” geht es einerseits um die Liebe zu einer deutschen Geschäftsfrau, Corinna zu Sayn-Wittgenstein, und andererseits um Finanzgeschäfte, bei denen es sich möglicherweise um illegale handeln könnte. Es gibt bisher nur Vermutungen, Durchstechereien, Ermittlungen. Keine Gewissheiten. Aber genügend Leute haben ihr Urteil gefällt, um diese revolutionäre Stimmung zu erzeugen, die Juan Carlos ins Ausland treibt. Wohin er gehen wird und wann genau, hat er noch nicht erklärt.

Der heute 82-jährige Juan Carlos war von dem 1975 gestorbenen Diktator Francisco Franco zu seinem Nachfolger als spanisches Staatsoberhaupt bestimmt worden. Gegen den Willen seines Mentors half der junge König Spanien auf den Weg in die Demokratie. Seit der Verabschiedung der demokratischen Verfassung von 1978 war Juan Carlos legitimer – und sehr geschätzter – König aller Spanier. Bei einem Staatsstreichversuch 1981 stellte er sich klar vor die Verfassung.

Erst in den Zehnerjahren dieses Jahrhunderts bekam sein makelloser Ruf in Spanien Sprünge. Ein Korruptionsverfahren gegen seinen Schwiegersohn Iñaki Urdangarin, den Ehemann seiner Tochter Cristina, weckte erste Zweifel auch an Juan Carlos‘ Lauterkeit. Eine Anekdote, die zu anderen Zeiten kaum für Aufsehen gesorgt hätte, kostete ihn schließlich den Thron: Ein Elefantenjagdausflug nach Botswana an der Seite seiner deutschen Freundin zu Sayn-Wittgenstein im Jahr 2012, inmitten einer schweren Wirtschaftskrise, bei der er sich eine Hüfte brach, nötigte ihm eine öffentliche Entschuldigung ab. Zwei Jahre später erklärte er seinen Verzicht auf die Krone. Der König ging, um das Königtum zu bewahren.

König Felipe erklärt seinen Vater zum potenziellen Kriminellen

Doch unter der vorerst beruhigten Oberfläche rumorte es weiter. Und am 15. März dieses Jahres – als Spanien gerade in den Corona-Alarmzustand eintrat – tat es einen gewaltigen Knall: König Felipe gab in einer Erklärung bekannt, dass er notariell auf jedes Erbe verzichtet habe, dessen “Ursprung, Eigenschaften oder Zweck nicht im Einklang mit der Legalität stehen könnten”. Damit erklärte er seinen Vater zum potenziellen Kriminellen. Anlass für diese Erklärung war eine von seiner ehemaligen Freundin zu Sayn-Wittgenstein gestreute Information, dass Juan Carlos über ein undurchsichtiges Millionen-Stiftungsvermögen in Panama verfüge.

Es vergingen noch ein paar Monate, bis die spanische Presse Anfang Juli zur Jagd auf Juan Carlos blies. Regierungschef Pedro Sánchez nannte die Nachrichten über den alten König “beunruhigend”. Eine solche öffentliche Einmischung der Exekutive in die Angelegenheiten des Königshauses hatte es noch nie gegeben. An diesem Montag nun ließ Felipe VI. seinen Vater endgültig fallen – um nicht selbst in einen Strudel der Verdächtigungen zu geraten.

Von Martin Dahms/RND