Montag , 26. Oktober 2020
Tauben kämpfen um Brotreste, die ihnen ein Passant in Hannover zugeworfen hatte. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa

“Die Taube ist verhasst”: Tierschützer retten geschundene Vögel

Sie werden als „Ratten der Lüfte“ geschmäht und mit Stacheln von Fassaden vertrieben. Dabei gibt es auch sanfte Methoden, die verhindern, dass sich verwilderte Haustauben unbegrenzt vermehren. In Hannover helfen dabei ehrenamtliche Taubenretter.

Hannover. Noch immer ist sie Friedenssymbol, doch im Alltag ist das Image der Taube ramponiert. Hunderte flattern in den Innenstädten herum, sie lauern auf der Suche nach Futter rund um Bäcker und Imbissbuden, verdrecken mit ihrem Kot Fassaden und Plätze. „Ratten der Lüfte“ werden die verwilderten Haustauben auch genannt. Hartnäckig hält sich das Vorurteil, dass sie gefährliche Krankheiten übertragen können – auch wenn die Behörden sie nicht als Gesundheitsschädling einstufen.

Tauben sind hungrig

Tatsächlich kommen die Tauben Menschen oft nur so nah, weil sie hungrig sind. In der Corona-Zeit mit geschlossenen Geschäften und leeren Fußgängerzonen hat sich ihre Lage verschlimmert. „Ihr Leben in der Stadt ist nicht optimal“, sagt Eleonora Tilse. „Die Taube ist verhasst.“ Die Biologin und Tiermedizin-Studentin ist im Vorstand des Netzwerkes Taubenrettung Hannover, das ein Notfalltelefon betreibt.

Die ehrenamtlichen Taubenschützer päppeln kranke und verletzte Vögel wieder auf, darunter auch gestrandete Brieftauben, die ihre Besitzer nicht zurückhaben wollen. In einer Voliere auf dem Vereinsgelände am Stadtrand werden über 60 Tauben gepflegt. Dort sitzen graue, weiße und braune Vögel gurrend auf Ästen und Balken – meist zu Paaren. „Es ist faszinierend, wie liebevoll sie miteinander umgehen“, sagt Ines Röbbecke, die wie Tilse im Vereinsvorstand arbeitet. „Sie adoptieren sogar fremde Küken.“

Strenges Tauben-Fütterungsverbot

Auch die Retter haben das Ziel, die Zahl der Tauben einzudämmen – und ihr Leid in der Stadt zu verringern, wo nach ihnen getreten, sie angefahren oder sogar illegal geschossen werden. Unterstützung bekommen die Tierschützer von der Stadt Hannover. In diesem Jahr finanzierte die Stadt mit rund 5500 Euro zwei Taubenhäuser, die die Vögel von Brücken und Bahnsteigen locken sollen. In den artgerechten Unterkünften mit gesundem Futter und Brutmöglichkeiten werden die Eier gegen Kunststoff-Attrappen ausgetauscht. Ansonsten herrscht in der Landeshauptstadt ein strenges Tauben-Fütterungsverbot.

Das Netzwerk Taubenrettung betreut den Schlag in der Nähe des Hauptbahnhofes. Aus Sorge davor, dass Taubenhasser ihn zerstören könnten, bleibt der Standort geheim. „In anderen Städten wurden Taubenhäuser erheblich beschädigt und die Tauben bei der Eingewöhnung immer wieder gestört“, sagt Stadtsprecher Udo Möller. Man sei auf der Suche nach weiteren Standorten für betreute Unterkünfte in Kooperation mit Gebäude-Eigentümern und Tierschutzorganisationen.

Positive Auswirkung auf das Immunsystem der Tiere

In Braunschweig gibt es seit Ende 2019 ebenfalls einen betreuten Taubenschlag. Dort hatte die Stadtverwaltung das Füttern der Stadttauben wegen der Corona-Krise unter Auflagen vom 26. März bis zunächst zum 22. Juni gestattet, wie Beate Gries vom Verein Stadttiere Braunschweig berichtet. Das artgerechte Futter wirke sich positiv auf das Immunsystem der Tiere aus, sagt sie: „Wir finden nur noch vereinzelt kranke beziehungsweise verendete Stadttauben.“ Für die Vögel engagieren sich auch Tierschützer beispielsweise in Lüneburg, Göttingen, Salzgitter sowie Buchholz in der Nordheide.

In der Vergangenheit hatten Kommunen mancherorts Tauben dagegen getötet, etwa mit der Hilfe von Falknern oder Giftködern. „Betreute Taubenschläge und die Geburtenkontrolle über das Tauschen der Eier hat sich als humanstes und nachhaltigstes Modell für stabile Populationen erwiesen“, sagt Lars Düster, der 2007 in Essen die erste deutsche Stadttaubentagung organisiert hat. Es verfolgten aber noch nicht genug Städte dieses Modell, kritisiert der Umweltwissenschaftler, der inzwischen die Stadttaubenhilfe Koblenz unterstützt. Aus seiner Sicht sollten die Kommunen städtische Taubenwarte einstellen, statt die Betreuung der Taubenschläge Ehrenamtlichen zu überlassen.

RND/dpa