Samstag , 3. Dezember 2022
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Ein von den starken Winden der äußeren Bänder des Hurrikans „Ian" entwurzelter Baum, liegt auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums in Cooper City. Quelle: Wilfredo Lee/AP/dpa

Meterhohe Überschwemmungen: Hurrikan „Ian“ fegt über Florida hinweg

Washington. Hurrikan „Ian“ ist mit heftigen Winden, Regen und Sturmfluten auf die Westküste des US-Bundesstaates Florida getroffen. Mit Windgeschwindigkeiten von 240 Kilometern pro Stunde lag „Ian“ am Mittwochnachmittag (Ortszeit) dabei nur knapp unterhalb der Schwelle zur höchsten Hurrikan-Kategorie. Auf seinem Weg ins Landesinnere Floridas schwächte sich der Sturm dann ab. In der Nacht zum Donnerstag erreichte er Windgeschwindigkeiten von bis zu 150 Kilometer pro Stunde. Meteorologen stuften den Hurrikan damit zunächst auf die niedrigste Stärke eins von fünf herab.

Auf einem mehr als hundert Kilometer breiten Landstreifen tobten heftige Unwetter. Meteorologen rechneten weiterhin mit Überschwemmungen durch starke Regenfälle. „Ian“ dürfte in die Liste der fünf schwersten Hurrikans in Florida kommen, sagte Floridas Gouverneur Ron DeSantis. Mehr als zwei Millionen Haushalte waren in der Nacht zeitweise ohne Strom, wie die Website Poweroutage zeigte. Das Ausmaß der Zerstörung dürfte erst mit Sonnenaufgang am Donnerstag klarer werden.

Laut Meteorologen befand sich der Sturm in der Nacht rund 110 Kilometer südlich von Orlando. Er bewegte sich nur mit einer Geschwindigkeit von rund 13 Kilometern pro Stunde in nordöstlicher Richtung übers Land. Das machte ihn angesichts der starken Winde und Regenfälle noch gefährlicher. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie Regen durch Straßen peitschte, von Autos nur die Dächer aus den Fluten herausragten und Trümmer durch die Luft flogen.

Sturmfluten erreichten zum Teil eine Höhe von rund 3,5 Metern, sagte DeSantis. Wetterexperten befürchteten, dass sie in der Spitze mehr als fünf Meter hoch werden könnten. Die Behörden rechneten mit schweren Schäden an Infrastruktur und Kommunikationsleitungen.

Menschen sollen in Häusern bleiben

Einwohner wurden eindringlich gewarnt, auch am Donnerstagmorgen nicht ihre Häuser zu verlassen, um etwa die Schäden zu begutachten. Auch wenn der Wirbelsturm abziehe, bestehe weiter Gefahr durch Trümmer, kaputte Stromleitungen und dergleichen. Für rund 2,5 Millionen Menschen in der Region galten Evakuierungsanweisungen. Einige von ihnen entschlossen sich trotzdem, in ihren Häusern zu bleiben.

Das Zentrum des Wirbelsturms der Stärke vier von fünf traf am Mittwochnachmittag (Ortszeit) bei der vorgelagerten Insel Cayo Costa nahe der Stadt Cape Coral auf die Küste, wie die Meteorologen mitteilten. „Ian“ hatte zuvor über dem Golf von Mexiko an Kraft gewonnen.

Erste Fotos und Videos in sozialen Medien zeigten im Bereich der Städte Fort Myers Beach, Cape Coral und Naples heftige - teils meterhohe - Überschwemmungen.

„Ian“ überschwemmt Krankenhaus

Der Hurrikan führte zu einer Überschwemmung eines Krankenhauses in Port Charlotte von unten und von oben. Während die Sturmflut Wassermassen durch die tiefer gelegene Notaufnahme des HCA Florida Fawcett Hospital trieb, rissen heftige Winde Teile des Dachs von der Intensivstation im vierten Stock ab, wie eine dort arbeitende Ärztin mitteilte. Dr. Birgit Bodine, die die Nacht in der Erwartung in dem Krankenhaus verbrachte, dass es geschäftig zugehen werde, erklärte: „Wir hatten nicht damit gerechnet, dass das Dach im vierten Stock weggeblasen würde.“

Dadurch drang auch von oben Wasser in das Gebäude und auf die Station mit den besonders überwachungsbedürftigen und schwerkranken Patienten ein, von denen einige an Beatmungsgeräten angeschlossen waren. Sie wurden auf andere Etagen verlegt. Mit Hilfe von Handtüchern und Plastikbehältern versuchten Mitarbeiter, das von oben eindringende Wasser aufzunehmen. Das mittelgroße Krankenhaus umfasst vier Etagen, war jedoch wegen des von unten und von oben eindringenden Wassers und der entstehenden Schäden gezwungen, die Patienten auf nur zwei davon unterzubringen.

Bodine plante eine weitere Nachtschicht ein, in der im Zuge des Sturms Verletzte eintreffen und die Lage verschlimmern könnten. „Die Krankenwagen könnten bald kommen und wir wissen nicht, wo im Krankenhaus wir sie (die Patienten) derzeit unterbringen sollen“, sagte sie. Trotz der Überschwemmungen seien die Patienten größtenteils verständnisvoll und zuversichtlich gewesen, sagte sie. Wenngleich es schrecklich und das Personal erschöpft sei, sei das Entscheidende, dass es den Patienten gut gehe.

Mehr als 40.000 Monteure halten sich bereit

DeSantis erklärte, die Behörden in Florida stünden für Bergungs- und Reparaturarbeiten bereit, sobald das Wetter diese zulasse. Auf Twitter schrieb er, rund 7000 Soldaten der Nationalgarde und 179 Flugzeuge oder Hubschrauber könnten eingesetzt werden. Zudem hielten sich bereits mehr als 40.000 Monteure der Versorgungsunternehmen bereit, um Stromleitungen zu reparieren. Dem US-Hurrikanzentrum zufolge können Stromausfälle infolge der „katastrophalen Schäden“ eines Hurrikans der Kategorie vier Wochen oder Monate andauern, ganze Landstriche könnten unbewohnbar sein.

100 Jahre keinen solchen Hurrikan erlebt

Der Direktor des Nationalen Hurrikanzentrums, Ken Graham, betonte, es werde nach dem Eintreffen an Land vermutlich 24 Stunden dauern, bis der Wirbelsturm über Florida hinweggezogen sei. Das bedeute 24 Stunden heftiger Regenfälle.

Deanne Criswell von der US-Katastrophenschutzbehörde Fema sagte, die voraussichtlich von dem Sturm betroffene Region habe seit rund 100 Jahren keinen solchen Hurrikan mehr erlebt. Experten beunruhigt auch, dass in den vergangenen Jahrzehnten in der Region immer näher am Wasser gebaut wurde.

UN-Generalsekretär António Guterres bezeichnete „Ian“ als „ein weiteres Beispiel dramatischer Klima-Aktivitäten, wie wir sie auf der ganzen Welt mit zunehmender Frequenz und zunehmender Zerstörung sehen“.

„Ian“ werde den Meteorologen zufolge zunächst weiter über Florida ziehen. Am Donnerstag werde der Sturm den Atlantik erreichen, bevor er dann voraussichtlich nach Norden in Richtung der US-Bundesstaaten Georgia und South Carolina weiterziehen werde.

Am Dienstag war „Ian“ als Hurrikan der Kategorie drei von fünf in Kuba auf Land getroffen. In dem Staat mit gut elf Millionen Einwohnern fiel der Strom zeitweise landesweit aus. Ein Boot mit Migranten aus Kuba sank unterdessen am Mittwoch vor der Küste Floridas. Die US-Küstenwache suchte zunächst nach 23 Menschen, wie sie auf Twitter mitteilte. Drei wurden dabei gerettet. Zuvor hatten vier Migranten von dem Boot schwimmend die amerikanische Stock Island neben Key West in stürmischen Wetterverhältnissen erreicht.

RND/dpa/AP