Dienstag , 6. Dezember 2022
Anzeige
Zerstörung durch Hurrikan „Ian" in Fort Myers in Florida. Quelle: IMAGO/ZUMA Wire

„Historische Schäden“ durch Hurrikan „Ian“: Städte in Florida überflutet, viele Tote befürchtet

Der Hurrikan „Ian“ hat im US-Bundesstaat Florida enorme Schäden angerichtet. „Die Auswirkungen dieses Sturms sind historisch“, sagte Floridas Gouverneur, Ron DeSantis, am Donnerstag. „Und die Schäden, die entstanden sind, sind historisch.“ Dies basiere nur auf den ersten Einschätzungen, das ganze Ausmaß werde erst in den kommenden Tagen abzusehen sein. „Wir haben noch nie ein solches Hochwasser erlebt“, sagte DeSantis. „Wir haben noch nie eine Sturmflut dieses Ausmaßes gesehen.“ Bestätigte Todesfälle durch den Sturm gebe es bislang jedoch nicht.

Unterdessen befürchtet US-Präsident Joe Biden, dass Hurrikan „Ian“ zahlreiche Menschenleben gefordert hat. „Dies könnte der tödlichste Hurrikan in der Geschichte Floridas sein“, sagte Biden am Donnerstag in Washington bei einem Besuch in der Zentrale der US-Katastrophenschutzbehörde Fema. „Die Zahl der Opfer ist noch unklar, aber wir hören erste Berichte über möglicherweise erhebliche Verluste an Menschenleben.“

Die Lage sei weiter gefährlich, mahnte Biden. „Wir erleben weiterhin tödliche Regenfälle, katastrophale Sturmfluten, überflutete Straßen und Häuser“, sagte er. „Wir sehen Millionen von Menschen ohne Strom - und Tausende, die in Schulen und Gemeindezentren Schutz suchen.“ Diese Menschen fragten sich, was übrig bleibe von ihrem Zuhause oder ob sie überhaupt noch ein Zuhause haben würden.

Windgeschwindigkeiten von bis zu 240 Kilometern pro Stunde

„Ian“ war am Mittwoch als einer der stärksten Hurrikans in der Geschichte Floridas auf Land getroffen und hatte heftige Winde, Starkregen, Sturmfluten und Überschwemmungen verursacht. Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 240 Kilometern pro Stunde erreichte der Sturm die Westküste des Sonnenstaates und lag dabei nur knapp unterhalb der Schwelle zur höchsten Hurrikan-Kategorie, wie das Nationale Hurrikanzentrum mitteilte. Auf einem mehr als hundert Kilometer breiten Landstreifen tobten in der Nacht heftige Unwetter.

Auf seinem Weg ins Landesinnere Floridas schwächte sich der Sturm dann ab. Am frühen Donnerstagmorgen (Ortszeit) erreichte „Ian“ Windgeschwindigkeiten von bis zu 100 Kilometern pro Stunde. Meteorologen stuften den Hurrikan damit zu einem Tropensturm herab. Die Experten warnten aber weiter vor katastrophalen, gar lebensbedrohlichen Überschwemmungen in Teilen Floridas. Auch DeSantis mahnte, die Lage sei weiter sehr gefährlich.

Überflutete Straßen, entwurzelte Bäume

Am Donnerstag ließ sich das Ausmaß der Verwüstung, das „Ian“ hinterließ, nach Sonnenaufgang nur allmählich erkennen: überflutete Straßen, entwurzelte Bäume, umgestürzte Ampeln und Strommasten, herumliegende Trümmer. Behördenvertreter aus verschiedenen Teilen des Bundesstaates sagten, sie seien gerade erst dabei, in schwerer betroffene Gebiete vorzurücken und sich ein Bild von der Lage zu machen. Einsatzkräfte schwärmten nach Angaben der US-Küstenwache mit Hubschraubern aus, um Menschen von Häuserdächern zu retten.

Auf Fernsehbildern und in bei Twitter geteilten Videos war zu sehen, wie Regen durch Straßen peitschte, von Autos nur die Dächer aus den Fluten herausragten und Trümmer durch die Luft flogen. Teile der Innenstadt von Fort Myers und Naples standen unter Wasser. In Naples zerstürte der Hurrikan auch einen historischen Holzpier. Der Wirbelsturm habe sogar die Pfähle aus dem Untergrund gerissen, sagte ein Mitarbeiter der Bezirksverwaltung am Donnerstag. Sechs Meter hohe Wellen seien auf die Konstruktion geprallt. „Im Moment gibt es keinen Pier“, sagte Penny Taylor von der Verwaltung in Collier County. Naples liegt im Südwesten des US-Staates an der Golfküste.

Das Hochwasser in der Region um Daytona Beach sei historisch, sagte der Sheriff im Landkreis Volusia, Mike Chitwood, am Donnerstag in einer Pressekonferenz. Er rief die Menschen auf, in ihren Häusern zu bleiben. Die Behörden verhängten ein Ausgehverbot bis Freitagmorgen um 7 Uhr.

„Das ist für Volusia County beispiellos“, sagte auch der Leiter des örtlichen Katastrophenschutzes, Jim Judge. Im Landesinneren wurde am Morgen die Bewohner eines Pflegeheims in Orlando in Sicherheit gebracht. In einem benachbarten Wohnkomplex standen die Autos auf dem Parkplatz bereits unter Wasser.

Tausende Notrufe

Carmine Marceno, der Sheriff von Lee County, eine der am schwersten betroffenen Regionen an der Südwestküste Floridas, sagte dem Fernsehsender CNN, über Nacht seien in dem Bezirk Tausende Notrufe eingegangen. Manche Gebiete seien bislang aber noch nicht zugänglich für Rettungskräfte. „Wir wurden sehr, sehr hart getroffen.“

Die Leiterin der Katastrophenschutzbehörde Fema, Deanne Criswell, sagte CNN, es gebe noch keine genaue Einschätzung zu den Schäden. „Aber es wird katastrophal sein.“ Ihre Behörde stelle sich darauf ein, dass Tausende Familien nicht in ihre Häuser zurückkehren könnten und vorübergehend eine Bleibe bräuchten.

DeSantis sagte, in den kommenden Tagen werde es mehr Klarheit über die Schäden, aber auch über mögliche Todesfälle geben. Es seien momentan lediglich zwei Todesfälle bekannt, bei denen noch nicht klar sei, ob diese unmittelbar mit dem Sturm zusammenhingen.

Infrastruktur zerstört

„Ian“ dürfte nach Angaben von DeSantis auf die Liste der fünf schwersten Hurrikans in Florida kommen. Am Donnerstagmorgen seien weiter rund zwei Millionen Haushalte ohne Strom gewesen, sagte der Republikaner. Die beiden Bezirke Lee County und Charlotte an der Südwestküste Floridas seien derzeit praktisch komplett vom Stromnetz abgeschnitten. Die Infrastruktur dort müsse wieder aufgebaut werden, betonte DeSantis. Es gehe um weit mehr als nur darum, eine Leitung wieder an einen Mast anzuschließen.

Zehntausende Monteure waren zuvor aktiviert worden, um Stromleitungen möglichst schnell wieder zu reparieren. Auch 100 Ingenieure seien bereits unterwegs, um Brücken zu inspizieren, die Sturmschäden davongetragen hätten, sagte DeSantis. An manchen Orten werde es Jahre dauern, wieder aufzubauen, was der Sturm zerstört oder beschädigt habe. „Dies wird ein sehr, sehr langer Prozess sein.“

Am Dienstag war „Ian“ als Hurrikan der Kategorie drei von fünf bereits in Kuba auf Land getroffen und hatte dort ebenfalls große Schäden angerichtet. Am Donnerstag bewegte sich der Sturm langsam weiter Richtung Nordosten. Das Nationale Hurrikanzentrum warnte vor starken Winden und Überschwemmungen in den benachbarten Bundesstaaten Georgia, South Carolina und North Carolina. DeSantis sagte, der Sturm sei noch nicht fertig damit, Schaden anzurichten.

RND/dpa