Montag , 5. Dezember 2022
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Die Flaggen der USA und von Südkorea. (Symbolbild) Quelle: picture alliance / Yonhap

Der späte Sieg der südkoreanischen Sexarbeiterinnen

Peking. Es ist das vielleicht dunkelste Kapitel in der US-südkoreanischen Militärallianz, und sie wirft sowohl auf die Regierung in Washington als auch in Seoul ein beschämendes Licht: Nach Ende des Koreakriegs (1950) haben sich außerhalb der US-Militärbasen sogenannte Prostitutionscamps angesiedelt, im Koreanischen „Gijichon“ genannt. In ihnen arbeiteten junge Frauen, viele von ihnen kaum volljährig, um die sexuelle Lust der stationierten G.I.s zu befriedigen.

Doch ihr Dienst, nicht selten unter Zwang, wurde von den Behörden nicht nur geduldet, sondern aktiv gefördert. Ihre Körper waren fremdbestimmt – eine patriotische Ware, um der südkoreanischen Regierung Dollar zu besorgen und die Militärallianz mit den alliierten USA zu festigen.

Am Donnerstag nun, Jahrzehnte nachdem die Gijichon ihren Betrieb eingestellt haben, konnten die ehemaligen Sexarbeiterinnen nun einen verspäteten Sieg erzielen: Südkoreas oberster Gerichtshof hat entschieden, dass der Staat den 95 Klägerinnen Entschädigungen in Höhe von bis zu sieben Millionen Won zahlen muss, was umgerechnet knapp 5000 Euro sind.

Klage bereits vor acht Jahren eingereicht

Angesichts der seelischen Schäden mag die Summe gering erscheinen. Dennoch geht mit dem Urteil mindestens ebenso wichtig eine rechtliche Anerkennung einher: Die Autoritäten haben endlich anerkannt, dass sich der Staat bei der flächendeckenden Prostitution fürs US-Militär der Vermittlung und Beihilfe schuldig gemacht hat. Oder anders ausgedrückt: als Zuhälter agiert hat.

„Allein, dass die Regierung Prostitution in jenen Dörfern entlang der Militärbasen gefördert und gerechtfertigt hat, stellt schon eine Verletzung gegen die Achtung der Menschenrechte dar“, urteilte das Gericht am Donnerstag. Doch damit nicht genug: Die Regierung habe jene Prostitutionsdörfer überhaupt erst gebildet und auch betrieben.

Die bereits vor acht Jahren eingereichte Klageschrift der Frauen im gehobenen Alter zeichnet das Bild einer Industrie, die weniger wirtschaftlichen Wohlstand produzierte, als vor allem menschliches Leid. Mittelsmänner unter der Ägide der damaligen Regierung rekrutierten demnach seit Ende der 50er Jahre ungebildete und verarmte Mädchen – oftmals minderjährig – aus einschlägigen Bars, um sie in die Campdörfer zu schicken.

Dort organisierten die Behörden verpflichtende Gesundheitschecks und schickten diejenigen Frauen, die sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten angesteckt hatten, zur Genesung in Zwangsquarantäne. Ebenso sollen sie Englisch- und Etikettekurse für die Südkoreanerinnen organisiert haben.

25.000 Fälle von Geschlechtskrankheiten in einem Jahr

Die Existenz der Gijichon-Frauen war durchaus ein offenes Geheimnis. Sie wurden von der damaligen Militärdiktatur als heldenhafte Patriotinnen zelebriert, die sich aufopferten, um dem bitterarmen Staat US-Dollars zu ergattern und auch dafür zu sorgen, dass das US-Militär – als Schutzschild gegen die Bedrohung aus Nordkorea – im Land bleiben würde.

Wie weit verbreitet das Problem war, belegt ein Blick ins Archiv: 1965 gaben 85 Prozent der befragten G.I.s in Südkorea an, schon mal Kontakt mit einer Prostituierten gehabt zu haben. Und Anfang der 1970er registrierte das US-Militär unter seinen rund 35.000 Streitkräften knapp 25.000 Fälle von Geschlechtskrankheiten in einem einzigen Jahr.

Die Prostitutionscamps wurden in den folgenden Jahren geschlossen, das älteste Gewerbe der Welt verlagerte sich zunehmend auf sogenannte Juicy Bars in den Ausgehvierteln – benannt nach den überteuerten Säften, die die amerikanische Kundschaft kauft, um sich eine intime Gesprächszeit mit aufreizend gekleideten Bardamen zu reservieren. Zudem hat das US-Militär seit der Jahrtausendwende seine Disziplinarverfahren deutlich verschärft und geht härter gegen Prostitution vor.

Es mussten mehrere Jahrzehnte vergehen, ehe die ehemaligen Sexarbeiterinnen ihr Anliegen vor Gericht bringen. Schließlich wurden sie hochgradig stigmatisiert, als „Yankee Huren“ diffamiert und von der Politik ignoriert. Mittlerweile jedoch scheint die südkoreanische Gesellschaft reif genug, sich auch den unbequemen Kapiteln ihrer komplizierten Vergangenheit zu stellen.

Von Fabian Kretschmer/RND