Freitag , 2. Dezember 2022
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„So neigt sich die Zeit dem Ende zu“: Eckhardt Heukamp, der letzte Bauer von Lützerath, beim Auszug aus seinem Hof. Quelle: Thorsten Fuchs

Der letzte Bauer von Lützerath packt ein

Lützerath. Die Kontoauszüge aus den Neunzigerjahren? Können weg, linker Stapel. Die Briefe seines Großonkels aus dem Krieg? Behalten natürlich, rechter Haufen. Der Briefwechsel mit seiner Mutter? Auch rechter Haufen. Die Unterlagen aus dem Prozess, den sein Großvater einst gegen den preußischen Staat geführt hat? Spannende Geschichte, sagt Eckardt Heukamp.

Also auch rechter Haufen, klar.

Bauer Eckardt lässt die Ordner auf den Boden fallen, Staub wirbelt auf, schwebt, sinkt langsam hinab.

Grauer Wollpullover, braune Jacke darüber, so steht er in seinem Schuppen und sortiert, was mitkommt und was nicht. Draußen tragen Helfer Taschen, Regale, Schränke in einen gelben Transporter, „miet mich für 75 Euro am Tag“. Es hat sich viel angesammelt in 58 Lebensjahren und den Generationen vor ihm, und Eckardt Heukamp findet, es hat einen Wert an sich, wenn Dinge die Zeiten überdauern, auch deshalb sammelt er alte Möbel, Autos, Dinge.

Nur das Wichtigste wird Eckardt, der Bauer, nicht mitnehmen können: seinen Hof. Baujahr 1763. Der wird, wenn nicht etwas passiert, mit dem auch Eckardt Heukamp nicht mehr rechnet, bald weggerissen von einem gewaltigen Bagger, der sich immer näher heranfrisst.

„So neigt sich die Zeit nun langsam dem Ende zu“, sagt Heukamp und blickt auf seinen Hof.

Lützerath ist eine kleine Siedlung, ein Weiler zwischen Düsseldorf und Aachen, am Rand des Braunkohle-Tagebaus Garzweiler II. Früher lebten hier 90 Menschen, jetzt ist es nur noch einer: Eckardt Heukamp. Der letzte Bauer von Lützerath. Das heißt: Auf seiner Wiese, in Zelten und Baumhäusern, leben noch mehr Menschen, etwa 100 sollen es sein.

Die anderen sind gegangen

Der letzte Lützerather jedoch: Das ist er. Die anderen sind gegangen, als der Energiekonzern RWE die Häuser kaufte und der Braunkohlebagger immer näher rückte, haben woanders neu angefangen. Heukamp blieb. Weil er an den guten Böden hing, auf denen er Möhren, Zwiebeln, Kartoffeln anbaute, an dem Ort, in dem er aufgewachsen ist, an dem Hof. Er blieb, weil er nicht zufrieden war mit dem, was RWE ihm als Ersatz anbot an Geld, Grund und Haus, und weil ihm Trotz nicht wesensfremd ist. Und er blieb auch, weil er nicht einsah, für diese klimaschädlichste Kohle zu weichen.

Also prozessierte er, auf jedem nur erdenklichen Weg. So lange, bis das Oberverwaltungsgericht Münster im März auch die letzte Klage zurückwies. Und so ist es jetzt so weit: Auch Bauer Eckardt geht. Er zieht fort, auf den Weyerhof, nicht weit von hier. Am ersten Sonntag im Oktober übergibt er RWE seine Schlüssel. Und weil am 1. Oktober auch die Rodungssaison beginnt, der Energiekonzern also die großen Bäume entfernen darf, steht dem Verschwinden von Lützerath nun nicht mehr viel entgegen.

Der Weiler und Bauer Eckardt können nun nur noch auf Begnadigung hoffen. Auf Gespräche, die die Landesregierung mit RWE führt. Nur dass sie sich, um im Bild zu bleiben, ja auch gar nichts haben zuschulden kommen lassen. Außer natürlich, dass sie auf einem riesigen Berg Braunkohle lagen und lebten.

Wie es ihm nun geht? „Ich wäre lieber geblieben“, antwortet er nur. „Aber noch habe ich so einen Brass.“ Dieser Brass, Ärger also, verhindert, dass es hier übermäßig sentimental zugeht, während Bauer Eckardt seine Sachen packt. Er richtet sich gegen die, die aus seiner Sicht hätten verhindern können, dass es so weit kommt, und die dies, aber das ist nicht sicher, vielleicht noch immer könnten. Und so richtet sich Bauer Eckardts Brass also vor allem, ob es fair ist oder nicht, gegen: die Grünen.

„Lützi“, das Symbol

Denn die Geschichte von Lützerath handelt nicht nur von Wut und Wehmut eines einzelnen Bauern. Sie handelt auch von einem Symbol für den Willen oder Unwillen zum Klimaschutz, zu dem „Lützi“, wie Aktivisten den Ort nennen, seit dem Besuch der schwedischen Klimaikone Greta Thunberg im vergangenen Jahr über Deutschland hinaus geworden ist. Wer es ernst meint mit dem Klimaschutz, muss die Bagger vor Lützerath stoppen: Das ist ihre Botschaft. Tatsächlich gibt es eine Studie, die ergibt, dass der Braunkohleabbau an einer imaginären Linie vor dem Ort aufhören muss, falls Deutschland seinen Beitrag zur Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad einhalten will.

So ist die Abkehr von der Braunkohle inzwischen längst Konsens. Deutschland hat beschlossen, möglichst schon 2030 aus der Kohle auszusteigen. CDU und Grüne, die seit Juni in Nordrhein-Westfalen die Landesregierung bilden, haben in ihrem Koalitionsvertrag die Rettung von fünf anderen Dörfern am Tagebau Garzweiler II beschlossen. Keyenberg, Kuckum, Unterwestrich, Oberwestrich und Berverath heißen sie. Auch sie sind größtenteils menschenleer, längst verlassen von den Menschen, die Rettung kommt reichlich spät, aber sie sollen nun bleiben. Von Lützerath aber ist im Koalitionsvertrag keine Rede.

Aber haben der Krieg Russlands gegen die Ukraine und die Energiekrise nicht ohnehin alle Bedingungen verändert? Kann es sich Deutschland noch leisten, einen von seinen ursprünglichen Bewohnerinnen und Bewohnern längst schon fast vollständig verlassenen Flecken zu erhalten – und auf die darunter liegende Kohle zu verzichten?

RWE scheint genau so zu argumentieren. Aber in einem Interview im Februar mit der „Zeit“ antwortet RWE-Chef Markus Krebber auf die Frage nach Lützerath mit dem Hinweis, das Unternehmen sei dabei, Kohle und Kernenergie so schnell wie möglich durch erneuerbare Energien zu ersetzen. Aber es kann nicht alles über den Haufen werfen, sagt Krebber da. „Die nötige Debatte ist nicht, ob wir jetzt sofort alles abschalten, sondern wie wir das Alte ersetzen können, um die Energieversorgung zu erhalten.“

Studie: Mehr Vorräte als benötigt

Dem steht eine Studie gegenüber, die Forscherinnen und Forscher der TU Berlin, der Universität Flensburg und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung im August erstellt haben. Auftraggeber ist die Initiative „Europe Beyond Coal“, die sich für den Ausstieg aus der Kohlenutzung einsetzt. Berechnet haben sie darin, wie weit man mit den jetzt verfügbaren Kohlevorräten in Hambach und Garzweiler II kommt. Ergebnis: „Selbst wenn die Kraftwerke noch in der zweiten Hälfte der 20er-Jahre mit unwahrscheinlich hoher Auslastung betrieben werden, stehen auch ohne Inanspruchnahme von Lützerath mehr Vorräte zur Verfügung als benötigt.“ In Zahlen: 301 Millionen Tonnen seien vorhanden, 271 Tonnen würden benötigt.

Im Juli hat sich sogar der Bundestag für den Erhalt von Lützerath ausgesprochen – und für den Verzicht auf die Kohle darunter. „Die Energiesicherheit Deutschlands ist gewährleistet, auch wenn Lützerath stehen bleibt“, so sagt es Kathrin Henneberger, grüne Bundestagsabgeordnete, die selbst aus dem Rheinischen Revier stammt. Und doch wäre es möglich, dass Lützerath ausgerechnet jetzt verschwindet, wo die Grünen in Düsseldorf mitregieren. Wobei es nicht nur darum gehen würde, ein paar Häuser verschwinden zu lassen.

Die Backsteinmauern der Lützerather Häuser sind mit Parolen besprüht, „Gerichte sind zum Essen da“ steht an einem, an einem anderen erinnern Bilder an die Opfer des Attentats von Hanau. „Zerreiß deine Pläne. Sei klug. Halte dich an Wunder“, so ist es auf dem zugemauerten Fenster eines Einfamilienhauses zu lesen. Aus dem abgelegenen bäuerlichen Flecken ist ein Treffpunkt linker Aktivistinnen und Aktivisten geworden, offen und manchmal vermummt laufen sie die zwei, drei Straßen entlang, zwischen Ortseingang und der „Mawa“, der Mahnwache, ein paar Holzbänke mit Blick auf Schaufelradbagger und Abbruchkante. Auf der Wiese neben Bauer Eckardts Hof: Baumhäuser, aufwendig in die Kronen gebaut, Baracken, Sessel und Tische unter großen Dächern. Eine „UnräumBar“ betreiben sie hier, es gibt eine Küche und ein „Awareness“-, also „Bewusstheits“-Zelt, wo eine Gruppe all jene Fälle diskutiert und ahndet, in denen sich jemand wider alle Theorie als Rassist oder Frauenfeind erweist.

Eine Art alternatives Gemeinwesen haben sie hier aufgebaut, und einer, der hier in den vergangene zwei Jahren einen Großteil seiner Zeit verbracht hat, ist der 31-jährige Florian, der als einer der wenigen Aktivisten in solchen Camps nicht nur seinen echten Vor-, sondern auch seinen Nachnamen nennt: Özcan.

Florian hat Philosophie studiert, arbeitet bei einer Gewerkschaft und hat neben seinem WG-Zimmer in Heidelberg hier einen Platz im Baumhaus. Er kann hier lange darüber berichten, wie sie versuchen, auch die weit größeren Nöte der Menschen im globalen Süden zu beachten, wie sie hier den kolumbianischen Menschenrechtler Juan Pablo Gutierrez zu Gast hatten, es klingt nach einer guten Zeit hier, in den Bäumen vor Bauer Eckardts Hof.

Und wovon er dann zumindest indirekt erzählt, ist der Bruch zwischen denen, die hier leben, und denen, die sich doch eigentlich als ihre politische Vertretung verstehen. „Der einzige Grund, warum Lützerath und die Flächen hier abgebaggert werden, sind die Profitinteressen von RWE“, so formuliert er es. Die Grünen wiederum hätten „ihre Ideale verraten und sich den Profitinteressen von RWE unterworfen“. Und wenn, vielleicht irgendwann in diesem Herbst, die Polizei dieses Camp räumen will? „Dann werden wir uns dem Abriss mit unseren Körpern in den Weg stellen.“

Mehr als 9000 wollen zur Räumung kommen

Es wäre, nach der Räumung am Hambacher Forst 2018, der nächste ex­trem schwierige Großeinsatz mit problematischer Außenwirkung in Nordrhein-Westfalen. Nur dass ihn diesmal die Grünen mit befehligen müssten. Und dass es noch größer werden könnte als damals. Bis jetzt haben im Netz rund 9400 Menschen zumindest per Klick angekündigt, im Falle der Räumung nach Lützerath zu kommen.

Die Grünen wollen diese Eskalation nun offenbar verhindern. Es gebe Gespräche zwischen Land, Bund und RWE, erklärt ein Sprecher der stellvertretenden Ministerpräsidentin Mona Neubaur. Das Ziel: „Trotz der herausfordernden Lage den Kohleausstieg 2030 hinzubekommen, aber auch, dass niemand mehr umgesiedelt werden muss.“ Wie die Gespräche verlaufen? Wann sie enden? Zu all dem sagt der Sprecher nichts.

Ein Zweckbündnis auf dem Hof

In Lützerath geht Bauer Eckardt noch mal in sein Haus, zeigt auf die alten Schränke, die sie am nächsten Tag raustragen wollen, „da ist noch viel zu tun“.

Oder doch noch kämpfen, mit den Aktivisten? Wohl eher nicht. „Bürgerlich-konservativ“ nennt er sich, er hat mit ihnen politisch sonst nicht viel gemein. Es ist ein Zweckbündnis, das sich da auf seinem Hof zusammengefunden hat. „Sicher, ich kann mich auch wegtragen lassen“, sagt er. „Aber was habe ich davon?“

Ob er noch Hoffnung hat? Wenn schon nicht zu bleiben, so zumindest zurückzukehren? „Nein“, sagt Heukamp im Ton des nüchternen Realisten und winkt ab, „ich fürchte, das Ding ist durch.“ Nur um im nächsten Moment hinzuzufügen: „Aber weiterkämpfen werde ich doch.“

Von Thorsten Fuchs/RND