Mittwoch , 30. November 2022
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An einem buddhistischen Tempel wurden Angehörigen am Freitag die Leichen übergeben. Als die kleinen, weißen Särge geöffnet wurden, schrien einige, andere fielen in Ohnmacht. Quelle: Getty Images

Nach Kita-Bluttat mit 36 Toten: Thailand befindet sich im Schockzustand

Uthai Sawan. Nach dem Blutbad in und außerhalb einer Kindertagesstätte im Nordosten Thailands steht das südostasiatische Land weiter unter Schock. Freunde und Verwandte versuchten am Freitag vor der Kita, den Angehörigen der Toten - mindestens 24 davon waren Kinder - nach ihrem unfassbaren Verlust Trost zu spenden. Vor dem Haupteingang des Gebäudes legten neben Angehörigen auch Vertreter des Königshauses und der Regierung Kränze nieder, darunter Ministerpräsident Prayut Chan-o-cha. Später wurden auch noch König Maha Vajiralongkorn und Königin Suthida erwartet, um mit Verletzten zu sprechen. In einem zentralen Park der Hauptstadt Bangkok war eine Mahnwache geplant.

Ein gefeuerter Polizist hatte am Donnerstag in der Kita das opferreichste Schusswaffenmassaker in der Geschichte des Landes angerichtet. Die Polizei ging zunächst davon aus, dass der 34-Jährige die Kita möglicherweise nur deswegen als Ziel aussuchte, weil er in der Nähe wohnte. Ein Interviewpartner sagte einem thailändischen Fernsehsender jedoch, der Sohn des Ex-Polizisten habe die Kindertagesstätte besucht, sei aber seit etwa einem Monat nicht mehr dort gewesen. Eine Erzieherin sagte, der Junge sei zuletzt krank gewesen.

„Ich habe geweint, bis keine Tränen mehr aus meinen Augen kamen“

Nach dem Angriff tötete der Mann auch seine eigene Frau und sein Kind, bevor er sich das Leben nahm. Am Freitag hätte er wegen Drogenvorwürfen vor Gericht erscheinen müssen. Zu seinen Opfern gehörten zahlreiche Kinder, die schliefen, als der Mann mit einem Messer und Schusswaffen das Gebäude in einer der ärmsten Regionen des Landes, der Provinz Nongbua Lamphu, stürmte. Zehn weitere Menschen wurden verletzt, sieben davon waren am Freitag noch im Krankenhaus in Behandlung.

„Es war einfach zu viel, ich kann das nicht akzeptieren“, sagte die 51-jährige Oy Yodkhao, deren vierjähriger Enkel getötet wurde. Sie mache sich Sorgen um seine Geschwister.

„Ich habe geweint, bis keine Tränen mehr aus meinen Augen kamen“, sagte der 28-jährige Seksan Sriraj, dessen schwangere Frau Erzieherin in der Kita war. „Meine Frau und mein Kind sind an einen friedlichen Ort gegangen. Ich bin am Leben und werde weiterleben müssen.“ Auf die Frage, ob er die Kindertagesstätte für ausreichend gesichert befunden habe, verwies Seksan darauf, dass der Täter ein Polizist gewesen sei. „Er kam, um das zu tun, was er sich vorgenommen hatte, und war entschlossen, es zu tun. Ich denke, jeder hat sein Bestes gegeben.“

Schütze schoss und trat sich den Weg frei

Zeugen sagten aus, der Angreifer habe einen Mann und ein Kind vor der Einrichtung erschossen, bevor er hineingegangen sei. Mitarbeiter verriegelten den gläsernen Haupteingang, doch der Schütze schoss und trat sich den Weg frei. Bilder von Ersthelfern zeigten die Körper der kleinen Kinder, die vom Mittagsschlaf noch auf ihren Decken lagen. Auf einigen der Bilder waren Schnittverletzungen und Schusswunden an den Köpfen der Opfer zu sehen.

Eine Mitarbeiterin der Kindertagesstätte, Satita Boonsom, die dem Sender Amarin TV die Szenen schilderte, berichtete, wie sie mit drei weiteren Mitarbeitern über einen Zaun flüchtete, um die Polizei zu rufen und Hilfe zu suchen. Als sie zurückgekommen sei, seien die Kinder bereits tot gewesen. Ein Kind, das unter einer Decke lag, habe überlebt, offenbar weil der Angreifer gedacht habe, dass der Junge tot sei.

Deswegen waren weniger Kinder in der Kindertagesstätte

Gewöhnlich seien etwa 70 bis 80 Kinder in der Einrichtung. Zum Zeitpunkt der Attacke seien es jedoch weniger gewesen, weil der Betreuungszeitraum für ältere Kinder beendet gewesen sei und ein Schulbus wegen Regens nicht habe eingesetzt werden können. „Sie hätten nicht überlebt“, sagte sie.

Einer der jüngsten Überlebenden ist ein dreijähriger Junge, der in der Nähe seiner Mutter und seiner Großmutter Dreirad fuhr, als die Attacke begann. Die Mutter starb an ihren Verletzungen, der Junge und die Großmutter wurden lokalen Medienberichten zufolge in Krankenhäusern behandelt.

Beileidsbekundungen trafen aus aller Welt ein. Der australische Premier Anthony Albanese kondolierte bei Twitter im Namen aller Australier. US-Außenminister Antony Blinken nannte die Gewalt „sinnlos und herzzerreißend“. Papst Franziskus wollte für die Betroffenen der „unaussprechlichen Gewalt“ beten. UN-Generalsekretär António Guterres nannte die Tat „abscheulich“. Sein Beileid gelte den Angehörigen der Opfer und den Menschen in Thailand.

RND/AP