Freitag , 2. Dezember 2022
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Das Jahrhunderthochwasser im Ahrtal hat riesige Schäden hinterlassen. Quelle: imago images/Future Image

Landesamt warnte spät und uneindeutig vor Hochwasserkatastrophe im Ahrtal

Mainz. Das Landesamt für Umwelt (LfU) hat nach Einschätzung eines Sachverständigen am Tag der Flutkatastrophe im Sommer 2021 spät und „nicht konsistent“ vor dem Hochwasser gewarnt. Die Pegel-Prognosen seien relativ spät gekommen und hätten dann noch das Ausmaß unterschätzt, sagte Thomas Roggenkamp am Freitag im Landtags-Untersuchungsausschuss Flutkatastrophe in Mainz. Dies könne dazu geführt haben, „dass das Hochwasser bis zuletzt unterschätzt wurde“.

Die höchste Warnstufe 5 sei erst um 17.17 Uhr ausgerufen worden und sie warne auch nur vor einem Hochwasser, das seltener als alle 50 Jahre vorkomme, sei also nach oben völlig offen, sagte Roggenkamp. Schon einige Stunden früher habe die Prognose für den Pegel Altenahr aber bei fünf Metern und damit bereits um 1,30 Meter über dem Pegel 2016. Erst um 17.17 Uhr sei klar gewesen, dass sich in extremes Hochwasser entwickelt, sagte Norbert Demuth vom LfU.

2016 und 2021 völlig unterschiedliche Hochwasser

Anders als beim Jahrhunderthochwasser 2016 an der Ahr hätten sich die Ereignisse im Sommer 2021 „außerhalb des planbaren Hochwasser-Schutzes bewegt“, sagte der Direktor des Instituts für Wasserbau und Wasserwirtschaft der Rheinisch-Westfälische Technischen Hochschule Aachen, Holger Schüttrumpf. 2016 und 2021 seien völlig unterschiedliche Hochwasser gewesen.

Schon 2016 sei klar geworden, dass es auch wegen der zahlreichen Ahr-Nebenbäche „einen gewissen blinden Fleck“ bei den Pegelstrukturen gebe, sagte Roggenkamp. „Das hätte man danach berücksichtigen können“, sagte der 37 Jahre alte Bonner Sachverständige. Und: „Die Gefahreneinschätzung im Vorfeld des Hochwassers war viel zu gering.“

Abflussgröße der Ahr bei bis zu 1200 Kubikmeter pro Sekunde in der Juli-Nacht

Die Flutkatastrophe habe das Hochwasser von 2016 um den Faktor Vier bis Fünf übertroffen. „Und 2016 war keine Kleinigkeit“, betonte Roggenkamp. Schon damals hätten Menschen mit dem Hubschrauber von einem Campingplatz gerettet werden müssen, Tote habe es aber nicht gegeben.

Die „schieren Wassermassen“ seien eine Ursache der Flutkatastrophe im vergangenen Sommer mit mindestens 134 Toten gewesen, sagte der Fachmann. So habe die Abflussgröße der Ahr in der Juli-Nacht bei 1000 bis 1200 Kubikmeter pro Sekunde gelegen, 2016 seien es nur 236 Kubikmeter gewesen und normalerweise nur etwa sieben Kubikmeter.

Fließgeschwindigkeit war extrem erhöht

Eine andere Ursachen seien die Verklausungen von Treibgut, also Verstopfungen an Brücken, gewesen. Dazu kämen die zahlreichen Nachbarbäche der Ahr, sagte Roggenkamp. Die „überraschend hohe“ Fließgeschwindigkeit der Ahr sei noch dazu gekommen. Sie betrage normalerweise einen halben Meter pro Sekunde, in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli seien es aber drei bis fünf Meter gewesen. Das entspreche bis zu 13 Kilometern pro Stunde.

Auf die „extreme Geschwindigkeit“ von „mehreren Metern pro Sekunde“ gebe es an der Ahr viele Hinweise, sagte auch Schüttrumpf. Auf einem der Handyfotos aus der Flutnacht, die Innenminister Roger Lewentz (SPD) nach eigenen Worten vorlagen, sieht der Hydrologie-Professor anhand von Farben und Schlieren eine solche hohe Fließgeschwindigkeit. Die Fotos zeigten ein Überschwemmungsgebiet, das sich mit den Hochwasser-Karten hätte vergleichen lassen. Allerdings sei es in engen Gebieten schwerer eine Aussage zu treffen als in breiten Flussgebieten.

Videos zeigen extrem hohe Strömungsgeschwindigkeit

Auch auf den erst kürzlich bekannt gewordenen Videos eines Polizeihubschraubers aus der Flut-Nacht sind Schüttrumpf zufolge die extrem hohe Strömungsgeschwindigkeit, extrem hohe Wasserstände und überströmte Brücken zu erkennen. Lewentz hatte diese Filme nach eigener Aussage erst im Untersuchungsausschuss Ende September gesehen, also gut ein Jahr später. Die Polizei hat eingeräumt, die Filme zu spät an die Staatsanwaltschaft und den Untersuchungsausschuss übermittelt zu haben. Ob die Hubschrauber-Besatzung im Gespräch mit dem Lagezentrum in der Nacht der Sturzflut über die Fließgeschwindigkeit gesprochen hat, war zunächst unklar. Die Videos hatten sich in der Nacht aus technischen Gründen nicht überspielen lassen.

„Es war klar, dass ein Hochwasser kommt“

Rund 80 Prozent der 114 Brücken seien bei der Flutkatastrophe zerstört worden und einige komplett eingestürzt, sagte Schüttrumpf. Dazu kämen die Verklausungen der Brücken durch Baumstämme, Campingwagen, Gartenhäuser, Autos, Möbel und Öltanks. Allgemein lasse sich dazu sagen: „Bäume sind die Nummer eins.“ Denn: Je länger die Baumstämme, desto größer die Verklausung. Zudem hätten die gesättigten Böden zu der Flutwelle geführt.

„Es war klar, dass ein Hochwasser kommt“, sagte Schüttrumpf mit Blick auf die vom Deutschen Wetterdienst (DWD) vorhergesagten 200 Milliliter Niederschlag pro Quadratmeter. Der DWD warne aber vor Niederschlag und nicht vor Hochwasser-Ereignissen. Dazu kämen die Pegel-Messungen und -Warnungen. Allerdings gebe es in Deutschland „ein großes Defizit bei kleinen und kleinsten Einzugsgebieten“, weil Methoden und Verfahren dafür fehlten. „Für diese Gewässer fehlt uns das entsprechende Frühwarn-System.“

RND/dpa