Freitag , 18. September 2020
Barcelona: Menschen, manche von ihnen mit Mundschutz, gehen auf der langen Promenade La Rambla entlang. Quelle: Europa Press/dpa

Spanien gerät in Panik: Das Virus ist wieder da

Die Zahl der registrierten Neuinfektionen in Spanien steigt sprunghaft an. Der Großteil konzentriert sich dabei auf die Regionen Aragón und Katalonien. Nach einer kurzen Phase der Erholung gilt die größte Sorge den wirtschaftlichen Schäden.

Am Montagnachmittag sprach Spaniens oberster Seuchenschützer, Fernando Simón, über die Quarantänepflicht für britische Spanienreisende. “In gewisser Weise kommt uns das zugute, weil es verhindert, dass Leute aus dem Vereinigten Königreich kommen”, sagte der Direktor des Koordinationszentrums für Sanitäre Notfälle in gewohnter Gelassenheit. Und auch den Belgiern ist er dankbar dafür, dass sie nicht mehr nach Spanien reisen: “Das ist ein Problem, das sie uns nehmen. Weniger Risiko des Imports von Fällen.”

So kann man das auch sehen. Ministerpräsident Pedro Sánchez sieht es anders. Er versteht die Welt nicht mehr. Einen ganzen Tag lang verhandelte seine Regierung mit der britischen – mit dem Erfolg, dass das britische Außenministerium am Montagnachmittag, kurz nach Fernando Simóns Pressekonferenz, bekannt gab, dass nun auch Besucher der Balearen und der Kanaren nach ihrer Rückkehr nach Großbritannien einer 14-tägigen Quarantänepflicht unterliegen. In einem Fernsehinterview sprach Sánchez von einer “unangemessenen Entscheidung” der Briten. Man verhandele weiter.

Größte Touristengruppe muss zu Hause bleiben

Großbritannien ist gewöhnlich Spaniens wichtigste Quelle im Tourismusgeschäft. Die ist jetzt mit einem Schlag versiegt. Im vergangenen Jahr kamen knapp 18 Millionen Briten, das waren 21,6 Prozent aller ausländischen Besucher. Mit großem Abstand folgten Deutsche und Franzosen mit jeweils gut 11 Millionen Spanienreisenden. Das Auswärtige Amt in Berlin empfiehlt, drei Regionen auf dem Festland – Katalonien, Aragón und Navarra – zu meiden. Ansonsten weiß es, dass die beliebten Inseln im Mittelmeer und im Atlantik zurzeit so gefährlich oder ungefährlich wie Deutschland selbst sind.

Tatsächlich ist in Spanien die Zahl der registrierten Neuinfektionen mit dem Coronavirus in den genannten Regionen sprunghaft gestiegen. Von gut elf Fällen pro 100.000 Einwohner Ende Juni auf gut 50 Fälle Ende Juli. Zum Vergleich: In Deutschland sind es zurzeit gut acht Fälle pro 100.000 Einwohner. Fast zwei Drittel der Neuinfektionen in Spanien während der vergangenen Woche konzentrieren sich auf Aragón und Katalonien. Viele Ansteckungen gab es in schlecht ausgestatteten Wohnheimen für Saisonarbeiter in der Landwirtschaft, bei Familienfeiern und durch jugendliche Unbekümmertheit.

Das System der Nachverfolgung funktioniert nicht

Auch die Zahl der behandlungsbedürftigen Covid-19-Kranken steigt, ohne bisher das Gesundheitssystem an seine Grenzen zu bringen wie zum Höhepunkt der ersten Welle Ende März, Anfang April. Die Zahl der Krankenhauseinlieferungen innerhalb einer Woche hat sich von 137 Ende Juni auf 386 Ende Juli knapp verdreifacht. Die Zahl der wöchentlichen Corona-Toten hält sich konstant im einstelligen Bereich.

Von einer zweiten sanitären Krise ist Spanien zurzeit noch weit entfernt. Doch um ein immer weiteres Ansteigen der Infiziertenzahlen zu verhindern, braucht Spanien ein deutlich besseres System der Nachverfolgung der Ansteckungsketten. Hier hat die Politik bisher versagt.

Wirtschaft hängt vom Tourismus ab

Doch der Fokus der Sorgen vieler Spanier hat sich verschoben. “Es ist nicht nur die Pandemie, die wir bekämpfen müssen, es geht auch um die Ökonomie”, sagt der Wirt der deutschen Kneipe “Zur Krone” an der Playa de Palma, Christian Lafourcade. Und wie seine ganz persönliche, so hängt auch die spanische Wirtschaft vom Tourismus ab. Im vergangenen Jahr trug er fast ein Achtel, 12,3 Prozent, zum Bruttoinlandsprodukt bei. Nach dem gut dreimonatigen Alarmzustand, der am 21. Juni auslief, hatte sich der Fremdenverkehr gerade vorsichtig wieder zu erholen begonnen.

Noch gibt es keine guten Covid-19-Daten, aber erste Eindrücke: etliche volle oder mindestens halb volle Hotels, Flugzeuge am Himmel von Mallorca, gut besetzte Terrassen. Die britische Quarantänepflicht ist da ein herber Schlag ins Kontor. Die spanische Tourismusindustrie teilt nicht die Gelassenheit des Seuchenschützers Simón. Die Mesa de Turismo, ein Lobbyverband, fordert seinen Rücktritt, “weil er den Ruin des Sektors feiert”.

Von Martin Dahms/RND