Sonntag , 20. September 2020
Mallorca im Corona-Sommer 2020 ist eine sehr entspannte Insel. Quelle: Martin Dahms/RND

Stille Tage in Palma: Mallorca hält sich mit Mühe aufrecht

Kein Massentourismus, keine erhöhte Corona-Gefahr: Mallorca ist in diesem Sommer eine Insel der Seligen – jedenfalls für die wenigen Urlauber, die hier die ungewohnte Ruhe genießen. Wie aber kommen die Mallorquiner mit der Flaute im Geschäft zurecht?

Vier Möwen stehen im Sand und schauen aufmerksam wie Rettungsschwimmer aufs Meer hinaus. Eine wirft den Kopf in den Nacken und reißt den Schnabel auf, dass man ihre Zunge sieht. Sie gähnt.

Ende Juli an der Playa de Palma: Ein paar Schritte vom Strand entfernt, in der Sonnenbäckerei, trinkt René Schlag einen Kaffee und sagt: “Das Schöne ist, wenn du jetzt dort hinten vorbeiläufst: Es stinkt nicht mehr nach Urin.”

“Dort hinten”, am Balneario 5, auf Höhe des verrammelten Megaparks, hält ein Streifenwagen der Lokalpolizei gerade vor ein paar Jungs. Die trinken mit langen Strohhalmen Sangria aus einem Eimer. Das gibt es noch. Als die Beamten sie dazu auffordern, stehen die jungen Leute auf, ziehen sich ihre Masken über Mund und Nase und schlendern davon. Ihren Eimer dürfen sie mitnehmen.

Das ist Mallorca im Corona-Sommer 2020. Eine sehr entspannte Insel. Eine Insel der Seligen am Rande eines Landes, das die wieder steigenden Infektionszahlen gerade das Fürchten lehren. Nur: Ist die Ruhe Fluch oder Segen für die Insulaner?

Englisch spricht keiner mehr

“Vor einem Jahr hättest du hier keinen Schritt tun können, so voll war es”, sagt Christian Lafourcade, der uruguayische Wirt der deutschen Kneipe Zur Krone. “Heute kannst du über die Uferpromenade spazieren.” “In einer normalen Saison”, sagt der Rezeptionist Eduardo Murillo, der an der Playa de Palma wohnt, “magst du hier nicht vorbeikommen. Mein Sohn wird jetzt älter, und es gibt bestimmte Sachen, von denen ich nicht will, dass er sie sieht.”

Magaluf, 30 Kilometer westlich, ist sonst die Hochburg der britischen Partytouristen. Der Strand ist weiß und weich, das Meer ist warm und klar. Spanische und portugiesische Familien tummeln sich friedlich im Sand und im Wasser. Kein Wort Englisch ist zu hören. Das wird wohl auch so bleiben, solange britische Reisende nach einem Spanien-Aufenthalt zwei Wochen in Quarantäne müssen, wie es die Regierung in London gerade verkündet hat.

Die Familie Septinus aus Jülich, Großeltern, Eltern und ein Enkelkind, wohnt dieses Jahr nicht am Strand, sondern im Inselinneren, in einem wunderbaren Haus mit Garten und eigenem Schwimmbad. Gebucht hatten sie schon im November, da wussten sie noch nichts von Corona, aber jetzt sind sie froh über ihr Quartier im Dorf Caimari. Sie waren gerade am Strand von Alcudia und “echt erschrocken”, sagt Mutter Anja Septinus. “Unheimlich viele Geschäfte und Bars, wo wir letztes Jahr noch waren, sind geschlossen. Da denk ich mir: Ach komm, wir haben zumindest dazu beigetragen, das hier aufrechtzuerhalten – indem wir gekommen sind.”

Mallorca hält sich aufrecht, mit Mühe. Drei Monate, von Mitte März bis Mitte Juni, war die Insel für Besucher geschlossen. Jetzt kommen die Menschen langsam wieder. Leute, die die Insel mögen wie die Septinus und seit Jahren auf Mallorca Urlaub machen.

Vor dem Virus fürchtet sich niemand hier

Die Treue der Deutschen zur Insel ist ein Phänomen. Klaus-Dieter Knode, Düsseldorfer Stammgast in der Krone an der Playa de Palma, kommt seit 1966. Dieses Jahr war er mit seiner Frau Jutta schon im Februar auf Mallorca, danach hatten sie für den April und dann wieder für den Juni gebucht, anschließend Pause bis Ende September, “wegen der Hitze”. Jetzt sind sie doch hier, sie haben lieber umgebucht als storniert. Und sind glücklich: “Die Insel ist ja wunderschön. Wunderschön. Jetzt ist sie noch schöner. Is’ ja nix los.”

“Nix los” muss man im Falle Mallorcas allerdings näher definieren. Die Strände sind voll – die Playa de Palma ebenso wie der Strand von Magaluf oder die kleine, malerische Bucht Sant Joan in der Nähe von Alcúdia, in der sich fast nur Einheimische tummeln. Die Strände sind voll – aber eben nicht brechend voll. Überall ist noch Platz für Neuankömmlinge (oder ein paar Möwen). Man fühlt sich von niemandem bedrängt. Das ist im Juli sonst nicht so. “Die liegen ja hier normalerweise wie die Heringe im Sommer”, weiß Klaus-Dieter Knode.

Am Strand diskutiert eine Gruppe junger Leute aus Berlin und Hamburg über die Lage. “Es ist wie im Oktober an der Ostsee”, sagt einer. Allerdings bei deutlich höheren Temperaturen. Aber auch die Hitze lässt sich besser aushalten, wenn man nicht überall anderen Leuten auf die Füße tritt.

Vor dem Virus fürchtet sich niemand hier. Die, die sich ängstigen, sind in Deutschland geblieben. Gefährdet ist man hier “genau wie zu Hause, nicht mehr”, meint Knode. So denken die meisten. Die Zahlen geben ihnen recht. Die Zahl der Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner in den vergangenen zwei Wochen liegt auf den Balearen mit acht etwa genauso hoch wie in Deutschland. Woanders sieht es schlimmer aus, zum Beispiel in Katalonien mit 111,6 oder in Luxemburg mit 218 Fällen pro 100 000 Einwohner.

Ob man eine Maske trägt oder nicht, ist offenbar eine Charakterfrage. Manche sind gewissenhaft oder fürchten die Bußgelder, viele andere haben die Maske zum Kinn runtergeschoben oder sie übers Handgelenk gezogen. Die Septinus-Familie gehört zur ersten Gruppe. “Wir achten auf Distanz, auf die Maskenpflicht”, sagt Großmutter Roswitha. “Wir verhalten uns zu Hause auch so! Ich seh da keine große Einschränkung.”

Als wäre nichts gewesen

Andere offenbar schon. Sie benehmen sich, “als wenn kein Corona wär”, sagt Jutta Knode mit einem feinen Lächeln. Gemeint sind “diese Ballermann-Touristen”, wie sie Torsten Nix nennt, der Ehemann von Anja Septinus. Die haben am Freitag vor zwei Wochen in der sogenannten Bierstraße gefeiert, gar nicht besonders ausschweifend, aber eben ohne Masken und ohne Abstand zu Nebenmann und Nebenfrau, ein deutscher Journalist hat das gefilmt, und fertig war der Skandal.

“Da habe ich mich schon maßlos aufgeregt”, sagt Torsten Nix. “Dass die aus unserem Land kommen, das fand ich besonders unangenehm. Wo die Spanier so schwer getroffen sind von Corona. Und dann kommen da so ein paar Idioten, die alles missachten – und damit im Grunde alle Anstrengungen der Spanier kaputt machen.”

Über jenes Bierstraßenvergnügen redet auf Mallorca immer noch jeder. Weil es Konsequenzen hatte: Am Mittwoch darauf erklärte die Balearen-Regierung die Bierstraße und die Schinkenstraße an der Playa de Palma und die ebenso vergnügte Straße Punta Ballena in Magaluf für geschlossen. Um die Motive für diese vorerst zweimonatige Schließung ranken sich viele Spekulationen.

“Wir hören hier, dass es einen Anruf aus Deutschland beim spanischen Gesundheitsminister gegeben hat”, sagt Eugenia Cusí, die Sprecherin des Verbandes der kleinen Restaurationsbetriebe auf Mallorca. “Der Minister hat dann auf Mallorca angerufen: Wir müssen einen guten Eindruck in Deutschland machen, sonst drehen die uns den Tourismus ab. So sind die Gerüchte.”

Am Samstag nach der Freitagsparty zog übrigens Polizei in der Bierstraße auf, so war die Ordnung schnell wiederhergestellt. Drastischere Maßnahmen waren überflüssig. Dass die Regionalregierung sie trotzdem traf, ist “aus meiner bescheidenen Sicht der Dinge eine Werbeaktion für die Sicherheit auf der Insel”, sagt Kronen-Wirt Lafourcade. Eine Demonstration der Entschlossenheit im Kampf gegen das Virus. Oder noch mehr?

“Die Regierung hier möchte den Sauftourismus nicht mehr haben”, glaubt der deutsche Geschäftsmann Peter Berghoff. Corona sei bloß der Vorwand für die ohnehin geplante Politik gegen das schrankenlose Vergnügen. Darüber wird auf Mallorca seit Jahren geredet, ohne dass sich die Dinge bisher fundamental geändert hätten. Für einen Sommer nun aber doch, dem Virus sei Dank.

Hartnäckig durch die Krise

Im Inselinneren weiß man von den Enthemmungen an der Playa de Palma und in Magaluf sowieso nur aus den Medien. Hier war die Welt immer etwas stiller, selbst in der Hochsaison. An dem wunderbaren Landschafts- und Kunstmuseum Sa Bassa Blanca auf einer Halbinsel ganz im Nordosten Mallorcas wird bei den Besuchern vor dem Zutritt Fieber gemessen. Es sind nur eine Handvoll. So wie immer, sagt die Frau am Eingang.

Für die wenigen Fremden ist es schön, die Insel quasi für sich zu haben. Aber wovon leben die Mallorquiner jetzt?

Die Restaurantgruppe Tast, der Eugenia Cusí vorsteht, eröffnet an diesem Mittwoch ein neues Lokal mit großer Terrasse am zentralen Platz von Sóller. “Ich werde nicht etwas aufgeben, was ein gutes Geschäft sein kann”, sagt Cusí. Peter Berghoff hat das Ärztezentrum, das er in Palma betrieb, wegen der Corona-Krise geschlossen. Sein neues Geschäft ist “Wohnung und Haus Mallorca”. “Was im Moment wahnsinnig boomt, ist Finca-Urlaub. Die gehen weg wie sonst was”, sagt er. Und auch Anett Köhler, die Betreiberin der Sonnenbäckerei aus dem Erzgebirge, die hier im Winter Dresdner Stollen verkauft, kennt keine Verzagtheit. “Also wir sind noch hier in einem Jahr”, sagt sie fröhlich. “Wir strukturieren halt um und machen andere Sachen, die vielleicht besser funktionieren.”

So schnell ist Mallorca nicht unterzukriegen.

 

Von Martin Dahms/RND