Mittwoch , 23. September 2020
Im Fall der verschwundenen Maddie McCann hat die Polizei mit der Durchsuchung einer Kleingartenparzelle in Hannover begonnen. Quelle: Peter Steffen/dpa

“Der hat ja hier gewohnt”: Maddie-Verdächtiger Christian B. und seine Spuren in Hannover

Seit 13 Jahren fehlt von der in Portugal entführten kleinen Maddie jede Spur. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hat den Deutschen Christian B. als Mordverdächtigen im Visier. Die Polizei durchsucht jetzt einen Kleingarten in Hannover – nicht nur dort hat B. Spuren hinterlassen.

Hannover. Wird jetzt auch in Hannover nach der 2007 verschwundenen Maddie gesucht? Ein orangefarbener Kleinbagger schaufelt Erde in einem Kleingarten zur Seite, mit Spaten und Harke durchkämmen Polizisten den sandigen Boden. Vor Beginn des Einsatzes in der ansonsten verwaist wirkenden Kleingartenkolonie am Stadtrand von Hannover wurden Büsche beseitigt, sie füllen zwei Container an der abgesperrten Zufahrt.

Die Grabungen am Dienstag stehen im Zusammenhang mit der 2007 aus einer portugiesischen Ferienanlage verschwundenen dreijährigen Maddie McCann – dies bestätigt die Staatsanwaltschaft Braunschweig. Der 43-jährige Christian B., gegen den in diesem spektakulären Fall wegen Mordes ermittelt wird, soll nach dem Verschwinden der Britin in Hannover gelebt haben. Über die Durchsuchung unter Beteiligung des Bundeskriminalamtes (BKA) hatte zuerst die “Hannoversche Allgemeine Zeitung” berichtet.

Christian B. ist wegen anderer Delikte in Kiel inhaftiert

Ein Sichtschutzzaun soll Blicke abwehren. Ein Beamter mit einem Spürhund kommt auf die Parzelle, auch Spurensicherer in weißen Anzügen sind da. Was das Großaufgebot der Polizei zu finden hofft, verraten die Ermittler nicht. Auf ein, zwei Grundstücken der Kolonie werde im Sommer manchmal gegrillt, sagt eine Nachbarin, die mit Walkingstöcken vorbeikommt. Bäume verdecken den Blick auf das zwischen einem Stichkanal und der Straße liegenden Gelände. “Der hat ja hier gewohnt”, sagt eine Passantin, als sie erfährt, dass es um den Verdächtigen im Fall Maddie geht.

Christian B. steht im Verdacht, Maddie 2007 entführt zu haben. Die Ermittler in Deutschland sind überzeugt, dass das Mädchen tot ist. Am 3. Mai 2007 soll der Mann zu “tatrelevanter” Zeit in Praia da Luz mit dem Handy telefoniert haben. Das BKA ermittelt nach Zeugenhinweisen bereits seit 2013 im Fall Maddie gegen den Deutschen – allerdings reichten die Indizien bislang für eine Anklage nicht aus.

Antrag auf vorzeitige Haftentlassung zurückgezogen

Der Verdächtige äußert sich nicht zu den Mordvorwürfen. “Nach Akteneinsicht sehen wir weiter”, sagt sein Anwalt Friedrich Fülscher am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. Das Landgericht Braunschweig hatte den 43-Jährigen Ende 2019 wegen schwerer Vergewaltigung unter Einbeziehung früherer Strafen zu sieben Jahren Haft verurteilt. Er hatte 2005 in Praia da Luz eine damals 72-jährige Amerikanerin vergewaltigt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Unterdessen wurde am Dienstag allerdings bekannt, dass Christian B. seinen Antrag auf vorzeitige Haftentlassung zurückgenommen hat. Er sitzt derzeit in Kiel eine Gefängnisstrafe wegen Drogenhandels ab. Hintergrund sei, dass der Bundesgerichtshof (BGH) das Landgericht Braunschweig für zuständig in dieser Frage erklärt habe, sagte Fülscher. Sein Mandant habe das Vertrauen in die dortige Justiz verloren, nachdem er seiner Auffassung nach zu Unrecht vom Landgericht Braunschweig wegen Vergewaltigung einer 72-jährigen Amerikanerin verurteilt worden sei, sagte der Kieler Anwalt.

Der Mann ist auch wegen sexuellen Kindesmissbrauchs vorbestraft. Die Ermittler in Braunschweig sind für den Fall zuständig, weil der Verdächtige seinen letzten offiziellen deutschen Wohnsitz in der Stadt hatte. Jedoch lebte er auch in der niedersächsischen Landeshauptstadt, Medienberichten zufolge seit 2007.

Christian B. wurde wegen eines Mordfalles befragt

Nach Recherchen der Zeitung “Neue Presse” (NP) schlief er in einem Transporter auf einem Werkstattgelände – rund vier Kilometer von dem Kleingarten entfernt. Das Amtsgericht Hannover verurteilte ihn 2010 wegen Urkundenfälschung und 2013 wegen gemeinschaftlichen Diebstahls zu Geldstrafen. In dieser Zeit wurde B. auch wegen des Mordes an einer 24-Jährigen befragt, berichtet die “NP”. Leichenteile der jungen Frau waren am 4. Januar 2010 in Müllsäcken gefunden worden, ihr Kopf und ihre Arme fehlten. Er kenne die Ermordete nicht, versicherte B. damals der Polizei. “Er wirkte wie ein Freak und erzählte, dass es ihn nirgendwo lange hält”, erinnerte sich der damalige Leiter der Mordkommission, Rainer Nöltker. “Er war sehr offen, überhaupt nicht erschrocken.”

In den Jahren 2013 bis 2015 pendelte B. laut einem Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover zwischen Deutschland und Portugal. Ende 2012 eröffnete der Mann zusammen mit seiner damaligen Lebensgefährtin einen Kiosk in Braunschweig. Nach der Trennung führte er den Laden allein weiter, anderthalb Jahre später gab er ihn und die angrenzende Wohnung auf.

Nach einem erneuten Zeugenaufruf in der ZDF-Sendung “Aktenzeichen XY … ungelöst” zum Fall Maddie Anfang Juni gingen mehr als 800 Hinweise bei den Ermittlern ein. Zudem werden europaweit ungeklärte Verbrechen beziehungsweise Vermisstenfälle überprüft, ob es Bezüge zu dem verurteilten Sexualstraftäter geben könnte. Ermittler in Belgien und den Niederlanden öffneten alte Akten noch einmal.

Die Durchsuchung des Kleingartens in Hannover-Linden sollte nach Medienberichten am Mittwoch fortgesetzt werden. Anfang Juli hatte die portugiesische Polizei mithilfe von Tauchern in drei Brunnen nach der vor 13 Jahren verschwundenen Maddie gesucht – ohne Erfolg.

RND/dpa/seb