Donnerstag , 24. September 2020
Sean Penn setzt sich sozial und politisch ein. Quelle: imago images/IP3press

Hollywoodstar Sean Penn: “Ich bin kein Mann der politischen Mitte”

In großen Hollywoodstreifen hat man Sean Penn zuletzt selten gesehen. Er setzt aktuell mehr auf soziales Engagement – gegen das Coronavirus, gegen Rassismus und gegen den US-Präsidenten Donald Trump. Im RND-Interview spricht er darüber, was ihn hierbei antreibt und bewegt.

Abgesehen von ein paar Nebenrollen im Fernsehen hat man von Sean Penn in den vergangenen fünf Jahren nicht viel gesehen. Was nicht heißt, dass er untätig ist. Der Hollywoodrebell arbeitet hinter den Kulissen. Er führt Regie in der von ihm gegründeten Hilfsorganisation Core und setzt sich für die Kampf gegen Covid-19 ein. Was kaum jemand weiß: Schon am 30. März organisierte Core in Los Angeles das erste Drive-in für Corona-Tests. Im Videointerview mit RND-Autor Dierk Sinderman zeigt Penn, dass er mit Hollywoodglamour wie schon früher nichts am Hut hat: Mit strubbeligem Haar und “Eigentlich bin ich in Havanna”-T Shirt sitzt er vor der Kamera.

Sean Penn, sind Sie wirklich in Havanna?

Nein, ich bin zu Hause in Los Angeles.

In Kalifornien sind die Ansteckungsraten gerade sehr hoch. Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Also bislang habe ich mich noch nicht mit Covid-19 angesteckt, wenn Sie das meinen. Aber ich bin auch sehr vorsichtig. Ich halte alle Meetings draußen ab, wir alle von Core tragen immer einen Mundschutz und werden regelmäßig getestet. Aber ich weiß, ich kann es jederzeit bekommen. Wie bisher vier Millionen Amerikaner. Ich habe einige Freunde, die krank geworden sind und sehr gelitten haben. Ein paar Bekannte sind sogar daran gestorben.

Sind Sie, so wie viele andere auch, während der Corona-Krise durch ein mentales Tief gegangen, weil Sie Ihr altes Leben und soziale Kontakte vermissen?

Nein, weil mir bewusst ist, dass ich zu den Glücklichen gehöre. Ich habe keine drei kleinen Kinder zu Hause, wurde gerade gefeuert oder lebe mit mehreren Generationen meiner Familie unter einem Dach – ständig in Angst, die anderen mit dem Virus anzustecken. Ich muss mir keine Sorgen machen, wie ich für Essen und Miete aufkommen kann. Stattdessen sind meine Kids – (klopft dreimal auf die Holztischplatte vor ihm) – und meine 92-jährige Mutter, die gleich um die Ecke lebt, gesund.

Sie können also nicht klagen.

Nein. Wenn überhaupt nur, dass sich das Leben gerade anfühlt, als wäre man im Film “Täglich grüßt das Murmeltier”. Jeder Tag ist wie der vorherige. Und dennoch passieren zurzeit trotz Covid-19 Dinge, die uns als Menschen zusammenbringen. Wir sind Teil einer weltweiten Bewegung, die sich für Menschlichkeit und Gleichberechtigung einsetzt.

Sie sprechen vermutlich von Black Lives Matters. Wie unterstützen Sie diese Bewegung?

Ich versuche, meinen Teil dazu beizutragen, indem ich meine Stimme erhebe. Insbesondere gegen Unternehmen, die nicht zur Verbesserung unserer Welt beitragen, die Hass verbreiten und auf ihre soziale Verantwortung pfeifen. Die muss man boykottieren und auf der anderen Seite Firmen und Menschen herausheben, die sich für das Gemeinwohl einsetzen. So wie (Twitter-Boss) Jack Dorsey, der eine Milliarde Dollar seines Vermögens zur Auslöschung von Covid-19 gespendet hat.

Woran liegt es, dass man das Coronavirus in den USA einfach nicht in den Griff bekommt und die Fallzahlen gerade wieder rapide ansteigen?

Es hat viel mit sozialer Verantwortung und der Einstellung der Gesellschaft zu tun. Viele Amerikaner empfinden es als Einschnitt in ihre persönliche Freiheit, den Corona-Maßnahmen zu folgen und so andere um sich herum zu schützen. Wenn ich uns mit Kanada vergleiche, dort wurde der erste Ausbruch des Coronavirus nicht mit der Arroganz und dem politischen Kalkül meiner Landsleute aufgenommen. Stattdessen wurde mit politischer Führung und wissenschaftlichem Wissen die Ausbruchskurve nach unten gedrückt.

Sie haben in den letzten Jahren viel Zeit in humanitäre Einsätze gesteckt. Heißt das, dass Ihnen Hollywood weniger wichtig geworden ist?

Ich liebe Filme nach wie vor und mein Herz blutet, wenn ich mit ansehe, wie sehr die gesamte Branche gerade leidet. Ich weiß nicht, ob es je wieder so sein wird wie früher, ob es überhaupt noch Kinos für kleinere unabhängige Produktionen geben wird. Vielleicht gibt es auch gar keine Kinoketten mehr und alle Filmen werden nur noch im Fernsehen zu sehen sein. Ich bin ein Dinosaurier, für mich müssen Filme auf der Kinoleinwand laufen, damit ich sie genießen kann!

Sie feiern im nächsten Monat einen runden Geburtstag.

Ja, meinen 60. Und es wird auch langsam Zeit! Ich habe schon immer gefühlt, dass ich erst mit 77 mein wahres Ich entfalten kann. Also habe ich noch 17 Jahre Zeit. Und mit der 60 habe ich eine große Hürde auf den Weg dahin überschritten.

Haben Sie trotz Corona eine Feier geplant?

Es gibt da eine wundervolle Australierin (Anm. d. Red.: die 27-jährige Schauspielerin Leila George), in die ich tief verliebt bin. Ich weiß nicht, was diese Frau für mich plant, aber wenn gefeiert wird, dann nur im engsten Kreis.

Sind Sie eher Optimist oder Pessimist, wenn es um die Zukunft der Welt geht?

Ich bin ein pragmatischer Optimist. Meine pragmatische Seite sagt, dass die Menschheit auch diese Krise meistern wird. Und ich bin vorsichtig optimistisch, dass wir nach der Wahl im November in Amerika die Chance auf einen Neubeginn bekommen werden. Dass wir diesen obszönen, nationalistischen Horror in die Schranken weisen und mithilfe der Black-Lives-Matter-Bewegung einen Impfstoff gegen Rassismus finden.

Sie machen keinen Hehl daraus, wo Sie politisch stehen.

Stimmt, ich bin kein Mann der politischen Mitte. Aber in der jetzigen Situation gibt es nichts Wichtigeres, als dass wir aufeinander zugehen, Kompromisse eingehen und gegen politischen Extremismus gemeinsam vorgehen. Und wenn ein Joe Biden Präsident wird, dann müssen wir sicher gehen, dass er seine politischen Versprechen einhält und progressive Veränderungen in Angriff nimmt.

RND

Von Dierk Sinderman/RND