Montag , 28. September 2020
Liam Neeson spielt im neuen Film “Made in Italy” mit.

Schauspieler Liam Neeson: “Ich rede jeden Tag mit meiner toten Frau”

In seinem neuesten Film “Made in Italy” vermischt sich für Liam Neeson Privates und Berufliches: Der Schauspieler spielt darin an der Seite seines Sohnes. Im RND-Interview erzählt er, warum er dadurch an den Tod seiner Frau denken musste – und weshalb er seinen Sohn eigentlich vor dem Beruf des Schauspielers beschützen wollte.

Mit dem Videodienst Zoom hat Schauspieler Liam Neeson nichts am Hut. RND-Autor Dierk Sinderman ist mit ihm zum Videointerview verabredet – aber auf dem Bildschirm ist nichts von dem Star zu sehen. Mit sonorer Stimme gibt Neeson die Gründe dafür zu: Erstens kenne er sich mit dem Programm nicht aus und zweitens sei auch Eitelkeit mit im Spiel: “Ich sitze hier am Computer und habe ein Stück Steak auf dem rechten Auge. Das ist ein Mittel, das ich aus meinen Zeiten als Boxer kenne.”

Haben Sie was aufs Auge bekommen?

Liam Neeson: Nein, es ist ein Gerstenkorn. Das habe ich mir offenbar durch zu viel Chlor im Swimmingpool zugezogen. (Pause) Bei all dem, was in der Welt abgeht, rede ich über meinen Swimmingpool.

Damit wären wir beim Thema. Wir leben Sie in Corona-Zeiten?

Ich bin in meinem Haus oberhalb von New York, und ich weiß, dass die nächste Mahlzeit auf den Tisch kommen wird. Mit anderen Worten: Ich kann mich sehr, sehr glücklich schätzen. Ich habe 30 Bücher gelesen und bin zufrieden damit, dass ich niemanden sehen muss, weder beruflich noch privat.

Die Verbindung von Beruflichem und Privatem gibt es allerdings in Ihrem neuen Film “Made in Italy”. Da ist Ihr Sohn Micheál auf der Leinwand auch Ihr Sohn im wahren Leben. Haben Sie da ein paar neue Einsichten bekommen?

Es gab ein paar Momente bei den Dreharbeiten, in denen ich gedacht habe: “Fuck, das hätte ich nicht gekonnt, als ich in seinem Alter war.”

Dabei heißt es, dass Sie ihm davon abgeraten haben, Schauspieler zu werden.

Das stimmt. Hier ist der Grund: Die Zahl der Schauspieler, die ständig arbeitslos sind, liegt bei 65 und manchmal sogar 70 Prozent. Du wirst bei einer Audition nach zwei Stunden abgelehnt und musst es am nächsten Tag bei einer anderen versuchen. Da muss man sich eine dicke Haut zulegen, um mit der Ablehnung fertig zu werden. Aus meinem väterlichen Instinkt heraus wollte ich ihn davor beschützen.

Sind Sie jetzt nach dem gemeinsamen Film glücklich, dass er nicht auf Sie gehört hat?

Ich kann nicht sagen, dass ich glücklich darüber bin. So einfach ist es mit dem Handwerk der Schauspielerei nicht. Sagen wir mal so: Es hat mir gefallen, was ich gesehen habe. Er hat eine gewisse Präsenz, die wichtig für die Kamera und das Kino ist.

Und er sieht gut aus.

(lacht) Klar, er kommt nach seinem Vater.

Sprechen Sie eigentlich Micheál wie das englische Michael aus?

Wenn ich böse mit ihm bin, sage ich Mi-hal, das ist Irisch.

Gab es Szenen im Film, in denen sich die private Beziehung zwischen Ihnen und Micheál widerspiegelte?

Im Prinzip nein. Wir haben beide Rollen gespielt. Aber es gibt eine Szene, in der der Vater seinem Sohn Andenken aus seiner Vergangenheit zeigt, die er bis dahin vor ihm geheim gehalten hat. Da kommt unterschwellig in mir hoch, dass Micheál seine Mutter und ich meine Frau vor elf Jahren verloren habe. Ein schwerer Schlag für die Familie.

Haben Sie manchmal Träume, in denen Ihre verstorbene Frau vorkommt?

Wirklich klare Träume mit ihr habe ich nicht. Aber ich rede mit ihr jeden Tag. Ihr Grab ist nur zwei Kilometer vom Haus entfernt. Da rede ich mit ihr, als ob sie bei mir wäre.

Stärkt Sie das in Ihrem (katholischen) Glauben?

Ich glaube nicht. Ich stelle mehr und mehr Leben und Tod infrage und ob es ein Leben nach dem Tode gibt. Nicht zuletzt, weil ich jetzt 68 bin.

Die man Ihnen nicht ansieht.

Nett von Ihnen.

Reden wir von der Gegenwart, in der wir leben.

Ich wünschte, wir hätten zwei Stunden, um darüber zu reden. Wenn ich noch trinken würde – was ich vor sieben Jahren zum letzten Mal getan habe – könnten es auch vier Stunden sein und wir hätten das Thema immer noch nicht ausgelotet. Ich habe alles verfolgt seit dem 25. Mai als Mister Floyd ermordet wurde. Nicht getötet – ermordet. Ich lebe in diesem Land seit 30 Jahren und muss sagen, dass ich mir zum ersten Mal dieser Ungerechtigkeit gewahr geworden bin. Ich weiß, dass schlimme Dinge passieren. Es wäre hilfreich, wenn wir eine Führungskraft hätten. Stattdessen haben wir dieses unfähige, widerliche Gräuel von einem Mann und sein Kabinett von Arschkriechern. Sie können mich damit zitieren, so oft sie wollen.

Von Dierk Sinderman/RND