Samstag , 26. September 2020
Ein bisschen anders als die anderen: Fynn Kliemann ist Youtube-Star, Webdesigner und Musiker.

Fynn Kliemann ist der Chuck Norris der Generation Y

Der Allround-Künstler Fynn Kliemann ist so aktiv, dass er inzwischen sogar sein eigenes Internet-Meme hat. Er baut Sachen, näht Masken und schreibt nebenbei noch eines der erfolgreichsten Alben des Jahres. Wie schafft er das alles?

Elsdorf. Falls noch irgendjemand glaubt, der Generation Y fehle es an Zielstrebigkeit, der hat wohl Fynn Kliemann übersehen. Der 32-Jährige baut ganze Bauernhöfe oder Hausboote um, während er mit der anderen Hand eins der erfolgreichsten Alben des Jahres schreibt und ganz nebenbei noch zum größten Maskenproduzenten Europas aufsteigt.

Nein, das ist nicht übertrieben. All das macht Fynn Kliemann tatsächlich. Und wahrscheinlich wirklich sogar gleichzeitig – denn wie bitte wäre das alles sonst zu schaffen?

Kliemann-Lifestyle wird zum Meme

Fynn Kliemann ist so hyperaktiv, dass er inzwischen sogar sein eigenes Internet-Meme hat. “Montag, 8:11: Viele stehen grade auf, aber Fynn Kliemann hat bereits 3 Schulen in Entwicklungsländern gebaut, 1 Album geschrieben & eigenhändig 2,5 Millionen Atemschutz Masken genäht”, heißt es zum Beispiel auf Twitter.

Oder: “Guten Morgen! Fynn Kliemann kommt gerade zurück von seinem morgendlichen Iron Man – was hast du heute Morgen schon erreicht?” Oder: “Fynn Kliemann war aus Versehen schon am Ende der Erstiwoche scheinfrei und konnte seine BA-Thesis anmelden.”

Aber ruht sich dieser Kliemann denn nie aus? Doch: “Fynn Kliemann hat mal 7 Tage am Stück gechillt dabei hat ihn ein Dokumentationsteam begleitet die Einnahmen wurden an einen guten Zweck gespendet und irgendwie ist dabei noch ein Album und ein Buch entstanden.”

Wie zum Teufel schafft er das alles? Jan Böhmermann glaubt: “Fynn Kliemann kann die Zeit biegen, damit alle Projekte da reinpassen. Montag Auto schweißen, Dienstag Hühnerstall und Boot, Mittwoch Werbeagentur schließen und wieder neu gründen und neues Album, Donnerstag Guppis in den Teich und Oldtimer restaurieren, Freitag Festival organisieren.”

Karrierestart als “Heimwerker-King”

Natürlich sind die Tweets über Fynn Kliemann, den Chuck Norris der Generation Y, arg überspitzt. Denn selbstverständlich kann Kliemann weder die Zeit biegen, noch macht er alles gleichzeitig. Aber: Er scheint seine Zeit ganz anders zu verbringen als die meisten seiner Generation.

Das wird schon Mitte der 2010er-Jahre deutlich, als Kliemann erstmals auf der Bildfläche von Youtube erscheint. Damals wird er als Heimwerker-King bekannt. Kliemann wächst in Zeven auf, einem kleinen Ort in Niedersachsen – und hat die ländliche Region bis heute nicht verlassen. In seinem Garten baut er (nicht sehr professionell, aber dafür umso lustiger) Gartenmauern und Hühnerställe und lädt Videos davon auf Youtube hoch.

Wenig später dann folgt ein deutlich größeres Projekt: 2016 beginnt er mit dem Bau seines “Kliemannslandes” – aus einem alten Hof ganz in der Nähe wird in Eigenregie ein Reich für Kreative.

Boot restaurieren, Musik machen, Skatepark bauen

Kurz darauf erwirbt Kliemann zusammen mit dem Musiker Olli Schulz das alte Hausboot von Gunter Gabriel, das er seitdem ebenfalls mit Freunden in Eigenregie umbaut. Auch das Boot soll künftig von Kreativen genutzt werden – zum Beispiel für Musikproduktionen.

Apropos Musik: Ganz nebenbei veröffentlicht Kliemann im Jahr 2018 sein erstes Album namens “Nie”. Dieses erreicht in Deutschland Goldstatus – und das, obwohl es weder über klassische Verkaufswege noch mit Hilfe einer professionellen Plattenfirma verkauft wird. Zwei Jahre später folgt das Album “Pop”, was ähnlich erfolgreich wird und in Deutschland sogar Platz eins der Charts knackt.

2019 reist Kliemann nach Syrien, um dort mithilfe der Organisation “Sakte-Aid” einen Skatepark für Kinder zu bauen.

Größter Maskenproduzent Europas

Es folgt ein Kinoprojekt: Eine Doku über die Entstehungsgeschichte seines Albums soll im Mai 2020 eigentlich auf großer Leinwand gezeigt werden. Wegen der Corona-Pandemie ändert Kliemann jedoch kurzerhand seine Pläne, und realisiert eine virtuelle Kinovorführung, die sogar den lokalen Kinos finanziell zugutekommt.

Kliemann ist Geschäftsführer diverser Firmen, darunter einer Programmierfirma, eines eigenen Musikverlages und einer Produktionsfirma. Bei seiner ersten Firma “Herrlich Media” arbeitet Kliemann auch heute noch dreimal die Woche, macht Websites für Friseure, Heilpraktiker und Massivholzmöbelhersteller.

Über seinen Webshop verkauft der 32-Jährige zudem Mode. Beanie-Mützen, Gürtel und “Pennerbeutel” – und: seit der Corona-Pandemie auch Masken. Damit sei er innerhalb kürzester Zeit zu einem der größten Schutzmaskenhersteller in Europa aufgestiegen, sagt Kliemann selbst. 250.000 Stück lässt er zu Hochzeiten der Pandemie jede Woche herstellen.

Jede freie Minute für Projekte

Bauprojekte, Musik, Mode, Masken. Wie macht dieser Mann das alles? Und wann? In einem Porträt des 32-Jährigen, das kürzlich im “Spiegel” erschienen ist, wird deutlich: Kliemann nutzt jede freie Minute für seine Projekte. Und wenn mal ein bisschen Zeit ist, wird einfach ein neues gestartet. Er werde pausenlos angerufen, angeschrieben, angemailt, heißt es in dem Text. Nebensächliche Dinge wie Youtube-Videos schaue er grundsätzlich in doppelter Geschwindigkeit.

Beschrieben wird in dem Text eine Szene beim Dönermann. Kliemann will für sich und sein Team Essen holen. Weil aber niemand aus dem Team beim Imbiss angerufen habe, muss er warten – und flucht. “Ich hasse nichts so sehr wie Zeitverschwendung”, wird der 32-Jährige zitiert.

In einem Interview mit dem Funk-Podcast “Deutschland3000” wird deutlich: Fynn Kliemann steht praktisch pausenlos unter Strom. Und wenn das mal nicht so ist, dann fühlt er sich schlecht. “Ich brauche diesen Grundpegel an Stress”, sagt er. “Sonst sitze ich hibbelig und zitternd zu Hause.”

Einfach nur mal treffen? Unvorstellbar.

Das wirke sich auch auf Freundschaften aus. Einfach so treffen und quatschen – für Kliemann völlig unvorstellbar. “Ich hänge nie rum, ich sitze nie irgendwo und unterhalte mich einfach über irgendwas”, sagt er. “Ich treffe mich mit Leuten, um irgendwas zu erledigen. Das sind dann meistens Freunde, und es ist eine total tolle Zeit und wir haben eine Menge Spaß und wir trinken dabei auch ein Bier und so. Aber die meisten Sachen verfolgen irgendeinen Zweck.”

Gleiches gelte für die Kommunikation mit Freunden. Einfach mal ein bisschen bei WhatsApp chatten? Ein No-Go! “Ich schreibe nur, wenn ich was brauche”, sagt Kliemann.

Aber dann gebe es auch immer wieder Momente, in denen er seinen Lebensstil hinterfrage: “Dann bin ich plötzlich super neidisch. Und dann denke ich mir: Warum mache ich das nicht auch so? (…) Sich einfach zu besuchen und etwas anscheinend Normales zu machen. Das ist für mich komplett unvorstellbar.”

Jetzt wird die Agentur umdekoriert

Auf Twitter begegnet man dem überschwänglichen Leben des 32-Jährigen inzwischen mit Trotz-Reaktionen. “Ich guck Youtube Videos auf halber Geschwindigkeit, ich bin das Gegenteil von Fynn Kliemann”, schreibt beispielsweise einer. Ein Leben ohne Durchatmen? Für viele unvorstellbar.

Doch während die einen noch über den eigenen Lifestyle nachdenken, hat der 32-Jähre schon das nächste Projekt. Auf seinem Instagram-Account ist zu sehen, wie Kliemann gerade das Büro seiner Firma umdekoriert. “Ich nutze die Zeit kurz, wenn ich schon mal da bin”, sagt er in seiner Story, bringt neue Griffe an den Türen an, trägt Regale durch die Gegend. Alles andere wäre ja auch verschwendete Zeit.

Von Matthias Schwarzer/RND