Montag , 5. Dezember 2022
Anzeige
Düzce: Trümmer und Geröll liegen nach einem Erdbeben vor einer Ladenzeile. Ein Erdbeben der Stärke 5,9 hat in der Nacht zu Mittwoch den Nordwesten der Türkei erschüttert. Quelle: Khalil Hamra/AP/dpa

„Letzte Warnung“: Wissenschaftler erwartet Megaerdbeben in Istanbul

Als am vergangenen Mittwochmorgen gegen 4 Uhr früh ein Erdbeben die türkische Schwarzmeerprovinz Düzce erschütterte, wurden auch im 200 Kilometer entfernten Istanbul viele Menschen unsanft aus dem Schlaf geweckt. Anders als in Düzce, wo Dutzende Gebäude beschädigt und 94 Menschen verletzt wurden, gab es in der Bosporusmetropole keine Schäden.

Aber Grund zur Erleichterung haben die 16 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner der türkischen Wirtschafts- und Finanzmetropole nicht. Das Beben von Düzce sei „eine furchtbar schlechte Nachricht“, sagt der Geologe Celal Sengör. Der 67-Jährige ist einer der bekanntesten türkischen Geologen und lehrte bis zu seiner Emeritierung als Professor an der Technischen Universität Istanbul (ITÜ). Auch international genießt Sengör in Fachkreisen großes Ansehen. Er ist unter anderem Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Ehrendoktor der Universität Neuchatel.

Geologe sieht in Beben von Düzce Vorboten eines heftigeren Erdstoßes

Umso beunruhigender ist, was er jetzt dem Sender Habertürk sagte: „Ich warne Istanbul!“ Sengör sieht in dem Beben von Düzce den Vorboten eines weitaus heftigeren Erdstoßes, der in naher Zukunft die Millionenstadt am Bosporus treffen könnte. Dies sei „vielleicht die letzte Chance einer Warnung“, sagte Sengör. Dem Habertürk-Moderator Fatih Altayli, der ihn interviewte, empfahl er: „Ziehen Sie weg aus dem Zentrum Istanbuls!“

Das Beben bei Düzce ereignete sich an der nordanatolischen Verwerfung und hatte eine Magnitude von 5,9 Grad auf der Richterskala. Dem heftigsten Erdstoß folgten über 100 schwächere Nachbeben. Wenige Länder sind so häufig von schweren Erdbeben betroffen wie die Türkei.

Türkei liegt im Spannungsfeld tektonischer Platten

Das Land liegt im Spannungsfeld tektonischer Platten. Hier treffen die Kontinentalblöcke Afrikas, Arabiens und Eurasiens aufeinander. Wenn sich die Platten ineinander verhaken, staut sich Energie im Gestein auf, die sich in Erdbeben entlädt. Die seismisch aktivsten Gebiete liegen entlang der nordanatolischen Verwerfung. Sie verläuft über etwa 1200 Kilometer vom Iran durch die Nordtürkei und das Marmarameer bis in die Ägäis.

Erdbeben sind in der Türkei buchstäblich ein alltägliches Phänomen. Jeden Tag werden etwa 30 Erdstöße registriert. Die meisten sind nur für empfindliche Messgeräte wahrnehmbar. Aber das Beben von Düzce war für die Geologen eine große Überraschung.

Schon 1999 wurde Düzce von schwerem Erdstoß heimgesucht

Schon vor 23 Jahren, am 12. November 1999, wurde Düzce von einem schweren Erdstoß heimgesucht. Damals starben dort 845 Menschen. Die meisten Wissenschaftler glaubten, dass die Spannung im Gestein mit diesem Beben für lange Zeit abgebaut sei. Aber das neuerliche Beben zeige, dass „nicht alle Geologen die Bewegung der nordanatolischen Verwerfung voll verstehen“, sagt Sengör. Auch der Geologe Serif Baris bestätigt: „Dies war eine Überraschung, die wir nicht erwartet haben.“

Seit vielen Jahrzehnten warnen die Geologen vor einem schweren Erdbeben in Istanbul. Geologinnen und Geologen rechnen mit einem Beben der Stärke 7,1 bis 7,7. Es kann sich in zehn oder 20 Jahren ereignen – oder schon morgen. Sicher ist: Die Katastrophe wird kommen. Seit Mittwoch glaubt Professor Sengör: „Das Istanbul-Beben ist ziemlich nahe.“

Einen Vorgeschmack bekamen die Menschen der türkischen Metropole am 17. August 1999. Damals brachte ein Beben der Stärke 7,6 bei der nordwesttürkischen Industriestadt Izmit über 15.000 Gebäude zum Einsturz. 18.373 Menschen starben, 120.000 Familien wurden obdachlos. Auch im 100 Kilometer entfernten Istanbul richtete das Beben schwere Schäden an. Etwa 200 Menschen kamen dort ums Leben.

Erdbeben könnte verheerende Folgen haben

Ein Abschnitt der nordanatolischen Verwerfung bereitet den Forschern besondere Sorge: die Kumburgaz-Bruchzone, die zwischen den Istanbuler Küstenorten Silivri und Avcilar unter dem Marmarameer verläuft. In diesem Abschnitt hat sich seit Langem kein Beben mehr ereignet – ein Indiz dafür, dass sich die beiden Krustenplatten ineinander verhakt haben. Hier erwarten die meisten Experten das bevorstehende Beben.

Es könnte verheerende Folgen haben. Nach einer Studie der Stiftung für urbane Transformation (Kentsev) werden bei einem starken Beben 491.000 der 1,2 Millionen Gebäude in Istanbul betroffen sein. Etwa 13.000 Bauten könnten völlig einstürzen, weitere 39.000 schwere Schäden davontragen. Wie viele Todesopfer ein solches Beben fordern wird, hängt wesentlich von der Tageszeit ab, zu der es sich ereignet. Schätzungen sprechen von 40.000 bis 100.000 Toten. Hunderttausende Familien könnten obdachlos werden.

Nach Beben 1999 wurden neue Notfallpläne ausgearbeitet

Nach dem Beben von Izmit 1999 wurden zwar neue Notfallpläne ausgearbeitet. So wiesen die Behörden in Istanbul Flächen aus, auf denen im Katastrophenfall Sammelstellen für Rettungsgerät und Hilfsgüter eingerichtet sowie Zeltstädte für Obdachlose gebaut werden sollen. Aber Istanbuls Oberbürgermeister Ekrem Imamoglu von der Oppositionspartei CHP wirft der Regierung von Staatschef Recep Tayyip Erdogan vor, sie habe viele dieser Grundstücke in den vergangenen Jahren zur Bebauung freigegeben. Erdogan wiegelte ab: Es gebe „Zehntausende“ Sammelplätze. Der Opposition riet er, „nicht über Dinge zu reden, von denen sie nichts versteht“.

Das Izmit-Beben von 1999 richtete nach Berechnungen von Ökonominnen und Ökonomen volkswirtschaftliche Schäden von umgerechnet 11 Milliarden Euro an und ließ die türkische Wirtschaftsleistung um 3,4 Prozent schrumpfen. Die Katastrophe hatte auch massive politische Konsequenzen: Sie offenbarte die grassierende Korruption bei den Bauämtern, kriminelle Praktiken vieler Ingenieure und Bauunternehmer sowie schwere Versäumnisse beim Katastrophenschutz. Damit erschütterte das Beben auch das Vertrauen vieler Menschen in die politischen Parteien.

Diesmal könnten die wirtschaftlichen und politischen Folgen einer neuen Bebenkatastrophe weitaus gravierender sein. Eine Studie des Kandilli-Forschungsinstituts für Erdbeben beziffert die zu erwartenden Schäden auf 20 Milliarden Euro. Andere Schätzungen gehen in eine Größenordnung von 50 Milliarden. Das wären 6 Prozent der diesjährigen Wirtschaftsleistung.

Von Gerd Höhler/RND