Samstag , 19. September 2020
Ingo Appelt Quelle: imago images/Horst Galuschka

Ingo Appelt über Coronakrise: “Viele Kollegen sitzen heulend zu Hause”

Viele Künstler sind wegen der Corona-Krise seit Monaten nicht mehr aufgetreten. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht Comedian über ausgefallene Auftritte, Existenzängste und Maskenbesuche im Supermarkt. “Im ersten Moment hatte ich die Befürchtung, dass mir alles wegbricht”, sagt Appelt.

Mein erstes Interview mit Ihnen im Jahr 1998 hatte die Überschrift: “ – der härteste Kabarettist Deutschlands”. Bei Ihrem TV-Auftritt beim MDR-“Riverboat” haben Sie jüngst sogar ein paar Tränen vergossen. Ist das schon diese Altersmilde?

Wir sind ja alle nicht so hart. Das war bei mir immer nur eine Rolle. Ich habe gehofft, dass mir das jeder abnimmt. Ich kannte das noch von der Schule. Da war es immer so, dass die größten Drecksäcke die tollsten Frauen abbekommen haben. Ich war immer nur der Nette, Höfliche. Ich war nicht kriminell, habe mich nicht geprügelt. Ich habe noch nicht mal geraucht. Man kann sagen, dass ich für Frauen komplett uninteressant war. Das hat sich mittlerweile aber komplett geändert. (lacht)

Um noch mal auf Ihren Tränenauftritt zurückzukommen. Was war der Grund?

Am 12. März war mein letzter echter Liveauftritt. Seitdem sind locker 40 Auftritte ausgefallen. Aber ich muss ja weiter meine laufenden Kosten zahlen. Wenn ein Auftritt ausfällt, betrifft das ja auch nicht nur mich, sondern auch jeden, der an der Realisierung des Abends seinen Anteil hat. Ich bin da von der Bühne runtergegangen und dachte, dass ich nie wieder vor Publikum auftreten werde.

Woher kam diese Angst?

Was das anbelangt, bin ich ein gebranntes Kind. Als ich im Jahr 2000 “Die Show” im Fernsehen bekommen habe, haben alle gesagt: “So was kann gar nicht schiefgehen.” Zu dieser Zeit habe ich in der Grugahalle in Essen vor 5000 Leuten gespielt. Damals haben alle um mich rum gesagt: “Ingo, ist der Größte!” Ein halbes Jahr später war alles vorbei. Meine Sendung wurde abgesetzt, und ich war plötzlich eine Persona non grata. Ich hatte keine Fernsehpräsenz mehr, niemand fragte mich nach Interviews. Mir war es in dem Moment egal, weil ich eh die Schnauze voll hatte. Ich hatte gerade ein Kind zu Hause und habe mir ein Jahr lang eine Auszeit genommen. Das war auch schön. Aber nach diesem Jahr musste ich wieder ganz klein anfangen und bin vor 100 Leuten aufgetreten. Ich habe meine Karriere im Jahr 2001 noch mal komplett neu gestartet. Von daher weiß ich einfach schon, was passieren kann.

Und diese Existenzängste hatten Sie im März wieder?

Im ersten Moment hatte ich natürlich die Befürchtung, dass mir alles wegbricht und ich ein Jahr lang nicht auftreten kann. Dann gerät man in Vergessenheit. Wie soll ich meine Karriere denn ein zweites Mal wieder aus dem Nichts aufbauen? Ich kann nichts anderes. Wenn ich jetzt sagen würde, dass ich Bücher schreibe oder alle Auftritte nur noch übers Internet mache. Aber ich kann nur Bühne und 400 bis 500 Leute bespaßen. Das ist mein Talent. Fernsehauftritte sind zwar auch nett, sind aber bei Weitem nicht mit Liveauftritten vergleichbar. Natürlich habe ich Angst, dass ich diese Auftritte wegen der Corona-Maßnahmen verliere, weil ich dann einen großen Teil meiner persönlichen Identität verliere. Das kann man mir nicht nehmen. Gemeinsam mit anderen Menschen in einer Halle zu lachen macht mit einem etwas anderes, als wenn man einsam zu Hause vor dem Fernseher sitzt.

: “Es ist natürlich ein Risikoberuf”

Mittlerweile gibt es ja die Möglichkeit, in Autokinos aufzutreten …

Das habe ich auch schon gemacht und bin auch schon mal vor nur 50 bis 100 Autos aufgetreten. Hauptsache, dass die Leute danach glücklich nach Hause fahren. Aber es ist natürlich ein Risikoberuf, den ich ausübe. Ich bin selbstständig und nicht abgesichert. Aber wenn es hart auf hart kommt, kann mich meine Frau durchschleppen, die im “Quatsch Comedy Club” fest angestellt ist. (lacht)

Apropos Frau, ist Ihnen zu Hause die Decke auf den Kopf gefallen, weil Sie keine Auftritte hatten?

Wir haben nicht zu Hause gesessen und Trübsal geblasen. Ich habe ja auch mehrere Beiträge fürs Fernsehen vorbereitet und gedreht. Diese ganzen Wohnzimmerübertragungen via Skype wollte ich nicht sehen, deswegen habe ich teilweise filmartige Sets gebastelt und aufgebaut. Ich habe mir immer etwas einfallen lassen, aber so etwas dauert dann auch schon mal drei bis vier Tage. Allein von diesen ganzen technischen Dingen hatte ich vorher gar keine Ahnung. Wie verschickt man Videos per Wetransfer, wie schafft man es, große Datenmengen von einem Gerät zum anderen zu übertragen. Da bin ich ganz froh, dass ich meine Kinder habe. Die kann ich bei solchen Problemen fragen. (lacht)

“Ich und die Prostituierten sind wahrscheinlich die Letzten, die wieder randürfen”, haben Sie mal während der Corona-Krise gesagt. Sie dürfen mittlerweile wieder arbeiten, die Prostituierten nicht …

Das stimmt. Es gab ja auch schon größere Demonstrationen. Die Ersten, die draußen gestanden haben, waren die Prostituierten, die gesagt haben: “Wir wollen wieder arbeiten.” Ich wohne ja seit vier Jahren in Berlin und komme immer über die AVUS nach Berlin rein und fahre am Berliner Puff Artemis vorbei und gucke, ob sie endlich wieder arbeiten dürfen. Dann sehe ich, dass die Lichter noch aus sind, und denke mir: “Schade.” Immerhin sind wir in einem ähnlichen Dienstleistungsbereich tätig: Wir arbeiten intim und auf engstem Raum.

Wie ist Ihr derzeitiges Verhältnis zu anderen Künstlern?

In den Corona-Zeiten sitzen viele heulend zu Hause in der Ecke und jammern: “Berufsverbot! Wir können nicht arbeiten.” Es gibt aber auch eine ganze Menge Leute, die mit Kreativität und Durchhaltevermögen versuchen, etwas auf die Kette zu kriegen. Viele Kollegen haben zum Beispiel gesagt, dass man nicht in Autokinos auftreten kann. Ich habe das gemacht. Es sind andere Bedingungen. Ich bin schon auf Schiffen und in Seemannskneipen vor 200 besoffenen Männern aufgetreten. Da werde ich einen Auftritt vor Autos ja wohl auch noch hinkriegen … (lacht)

Außerdem werben Sie für eine neue App namens “Smyle”, auf der nur Videos von Comedians zu sehen sind …

Für mich ist das eine supertolle Plattform. Als ich davon erfahren habe, habe ich mich gefragt: “Warum ist da nicht schon früher einer drauf gekommen?” Ich bin technisch nicht so gut und bin zum Beispiel auch kein Twitter-Freund. Aber diese App ist komplett benutzerfreundlich: einfach und simpel. Ich muss dazu sagen, dass ich mir eigentlich Comedy von anderen Kollegen nicht so gerne ansehe. Ich bin wie ein Koch, der nicht so gerne essen geht. Wenn es gut ist, wird man neidisch. Wenn es schlecht ist, geht es einem noch mehr an die Nieren. Aber ich war noch nie so gut über das Comedygeschehen in Deutschland informiert wie dank dieser App. Da weiß meine Frau viel besser Bescheid als ich. Normalerweise bin ich ja immer sehr viel unterwegs und arbeite alleine. Aber bei dieser App habe in den letzten drei Wochen echt noch Leute entdeckt, bei denen ich gesagt habe, dass die groß rauskommen können.

Worin besteht der Unterschied zu Youtube, wo ich mir auch Comedyvideos ansehen kann?

Wenn man auf Youtube ein Comedyvideo anklickt, ist man danach plötzlich bei irgendwelchen Verschwörungstheorien oder Rapclips. Aber bei dieser App bleibt man immer im Bereich Comedy. Die macht schon süchtig. (lacht)

Appelt: “Ich bin der Bürgermeister von Deutschland”

Kennt die jüngere Zielgruppe Sie denn überhaupt noch?

Offensichtlich. Denn mein Video ist bei “Smyle” in der Top Ten gelandet. Ich glaube, mittlerweile bin ich so was wie ein Bürgermeister von Deutschland, man kennt mich. Ich bin keiner dieser Superstars der Comedyszene. Aber das mochte ich sowieso nie. Wenn ich dann sehe, wie manche Kollegen von mir sich nicht mehr ohne Bodyguard und Security bewegen können, da hätte ich überhaupt keinen Bock rauf. Ich habe ein ganz normales Leben. Ich koche für meine Frau, gehe ganz normal in den Supermarkt und freue mich, wenn ich trotz meiner Maske mal von jemandem an meiner Stimme erkannt werde. (lacht)

Optisch haben Sie sich in den letzten 20 Jahren durchaus gewandelt …

Ich habe früher 72 Kilo gewogen und war so ein dürres, hageres Kerlchen. Das hat sich mittlerweile geändert. Jetzt bin ich eher so ein Kastanienmännchen. Ich war jetzt mit meiner Frau auf dem 80. Geburtstag meines Vaters. Den sehen wir nicht so oft, weil der am Arsch der Welt wohnt. Die Tür geht auf und meine Frau sagt: “Dieser Kopf, diese Haare, dieser Bauch. Alles identisch. Jetzt weiß ich, wo das herkommt.” Mein Vater ist in 27 Jahren. (lacht)

Ich hoffe, bei unserem nächsten Interview wird Corona kein Thema mehr sein …

Da kommt dann die nächste Schweinegrippe. Ich glaube, solche Viren werden uns in Zukunft noch öfter heimsuchen. Aber es ist nur eine Pandemie und nicht der Dritte Weltkrieg oder eine Zombieapokalypse. Wenn wir irgendwann mal ausgestorben sein sollten, kommen die Außerirdischen und fragen: Woran sind die Menschen denn gestorben? Und dann lautet die Antwort: An Ischgl, Karneval und Grillfleisch. (lacht)

Von Thomas Kielhorn/RND