Donnerstag , 13. August 2020
Ghislaine Maxwell hat bis zur ihrer Verhaftung unter einer falschen Identität gelebt.

Epstein-Skandal: Ghislaine Maxwell bleibt in Haft – Kaution abgelehnt

Ein Gericht in New York hat entschieden, dass die mutmaßliche Handlangerin des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein nicht auf Kaution frei kommt. Sie hatte einen Antrag gestellt, bis zum Prozessbeginn im Juli nicht ins Gefängnis zu müssen.

New York. Ghislaine Maxwell musste beinahe zwei Stunden vor der Webcam im Metropolitan Detention Center von Brooklyn ausharren, bis über ihr Schicksal im kommenden Jahr entschieden war. Stunden, deren nervöse Anspannung der mutmaßlichen Handlangerin des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein ins Gesicht geschrieben standen. Maxwell ruckelte unruhig in ihrer braunen Strafgefangenenuniform hin und her, während im Saal der Bundesrichterin Alison Nathan, nur wenige Blocks von der wegen der Corona-Gefahr abgeriegelten Strafanstalt entfernt, über ihren Antrag auf Kautionsentlassung beraten wurde.

Am Ende musste die Multimillionärin Maxwell, die ein Leben im internationalen Jetset gewohnt ist, ein vernichtendes Urteil hinnehmen. Nathan entschied, nachdem sie sich die Argumente von Verteidigung sowie Anklage gehört hatte, dass Maxwell nicht, wie gewünscht, bis zu ihrem Prozessbeginn im Juli 2021 gegen 5 Millionen Dollar auf freien Fuß gesetzt wird.

Maxwell hat französischen Pass: Richter sehen große Fluchtgefahr

Grundlage für die Entscheidung der Richterin war die immanente Fluchtgefahr von Maxwell, die nicht nur über ein beträchtliches Vermögen verfügt, sondern auch über beste internationale Verbindungen. So hat Ghislaine Maxwell unter anderem einen französischen Pass. Die französische Justiz weigert sich grundsätzlich in den USA gesuchte Straftäter auszuliefern – eine Praxis, die etwa seit Jahrzehnten den wegen der Vergewaltigung Minderjähriger gesuchten Filmregisseur Roman Polanski schützt.

Die Argumente von Maxwells Verteidiger, seine Mandantin habe keinerlei Fluchtabsicht und sei bereit, mit den Behörden zu kooperieren, beeindruckten offenbar die Richterin, die vor einem mit 50 Gästen spärlich besetzten Saal saß, nicht. Nathan neigte eher dazu, auf die Ausführungen der Staatsanwältin Alison Moe zu hören, die trocken vortrug, dass die Fakten für sich sprächen. Immerhin habe Ghislaine Maxwell es geschafft, mit viel Geschick und voller Absicht, sich seit dem mutmaßlichen Selbstmord ihres Partners Jeffrey Epstein vor einem Jahr der Justiz zu entziehen.

Nach Epstein-Suizid: Maxwell mietet sich unter falscher Identität eine Villa

Zuletzt hatte Maxwell in einer Villa im US Bundesstaat New Hampshire Zuflucht gefunden, die sie unter einer falschen Identität angemietet hatte. Dort wurde sie in der vergangenen Woche von FBI Agenten verhaftet. Wie gestern bekannt wurde, versuchte sie sich der Verhaftung zu entziehen, in dem sie sich in Hinterzimmern versteckte. Zuvor hatte sie versucht, die Verfolgung ihrer Smartphone-Signale zu erschweren, in dem sie das Telefon in Alufolie eingewickelt hatte.

Nun muss Maxwell zwölf Monate in einem Gefängnis zubringen, das für seine besonders harschen Bedingungen berüchtigt ist. Der fensterlose Betonklotz beherbergt 1600 Insassen, die Zellen sind zwölf Quadratmeter groß und karg.

Prinz Andrew, Bill Clinton, Donald Trump: Hoffen auf Informationen zu Epsteins Netzwerk

Es werden jedoch nicht nur für die 58 Jahre alte Ghislaine Maxwell, der 35 Jahre Haft drohen, nervöse zwölf Monate. Man erhofft sich in New York, dass im Verlaufe des Prozesses das Verbindungsnetzwerk von Jeffrey Epstein an die Öffentlichkeit kommt. Zu den vermeintlichen Verbindungen von Epstein, der Selbstmord beging, bevor sein Prozess anfing, gehörte internationale Prominenz wie der britische Prinz Andrew, der ehemalige US-Präsident Bill Clinton und der gegenwärtige Präsident Donald Trump.

Epstein wurde vorgeworfen, seinen Kontakten minderjährige Mädchen zum Sex angeboten zu haben. Seine Partnerin Maxwell soll, wie zuletzt in einer mehrteiligen Fernsehserie dokumentiert wurde, die Mädchen rekrutiert und gefügig gemacht haben. In einigen Fällen soll Maxwell selbst an dem Missbrauch teilgenommen haben.

Opfer sagt aus: Maxwell habe sie als Minderjährige zu Sexsklavin abgerichtet

Laut der Dokumentation soll die Anzahl der Opfer in die Hunderte gegangen sein. In New York sagen gegen Maxwell jedoch nur drei Frauen aus. Zu ihnen gehört Annie Farmer, die bei der Anhörung am Dienstag in New York erstmals persönlich in Erscheinung trat. Wie Maxwell selbst wurde Farmer per Video in den Gerichtssaal zugeschaltet und gab mit bebender Stimme zu Protokoll, dass Maxwell sie und “zahllose andere Mädchen” zu Sexsklaven abgerichtet habe, als sie noch minderjährig war.

Maxwells Verteidiger beharrten vor dem Gericht dennoch auf der Unschuld ihrer Mandantin. Wie bereits im Vorfeld spielten sie die Beziehung zwischen ihr und Epstein herunter und behaupteten, es habe über mehr als zehn Jahre keinen Kontakt zwischen den beiden gegeben.

Politiker und öffentliche Bedienstete fürchten Maxwells Aussagen

Die Unschuldsbeteuerung schloss zunächst einmal aus, dass Maxwell mit der Anklage kooperieren wird, um möglicherweise eine Hafterleichterung zu erzielen. Die Verweigerung der Kaution könnte sie in den kommenden Monaten jedoch umstimmen und somit das komplette Kontaktnetz von Epstein, das berüchtigte “Little Black Book”, zutage fördern.

Besonders pikant ist in diesem Zusammenhang, dass die untersuchende Behörde der New Yorker Staatsanwaltschaft eine Sondereinheit zur Bekämpfung der Korruption ist. Die Einheit wird im Allgemeinen nur dann eingesetzt, wenn es um mögliche Straftaten von öffentlichen Bediensteten oder Politikern geht. Zum Prozessbeginn im kommenden Juli wäre Donald Trump im Falle einer Wahlniederlage nicht mehr im Amt.