Moritz Freiherr Knigge schreibt Bücher über den Umgang mit Menschen. Quelle: privat

Moritz Freiherr Knigge: Der Nachfahre des berühmten Autors

Moritz Freiherr Knigge ist mehr für seinen Namen als für sein Adelsgeschlecht bekannt. Wie sein Vorfahre Adolph Freiherr Knigge aus dem 18. Jahrhundert setzt er sich mit den Umgangsformen von Menschen auseinander. Teil zwei der RND-Serie über den deutschen Adel.

Hannover. “Der Knigge” – das ist dieses Buch, das einem erklärt, wie man Messer und Gabel richtig zu halten hat oder wie man seine Serviette richtig faltet, denken viele. Dass das ursprünglich gar nicht so war, weiß der Adelige Moritz Freiherr von Knigge. Der Niedersachse ist ein Nachfahre von Adolph Freiherr Knigge, der im 18. Jahrhundert lebte und oft als der berühmte Benimm-dich-Autor bezeichnet wird. Dabei war er eigentlich “Moralphilosoph und Aufklärer”, wie Moritz Freiherr von Knigge dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erzählt. “Er hat kluge Dinge geschrieben, aber in seinem Leben tatsächlich nicht eine Etiketteregel erfunden.”

Doch wie kam es dann zu der heutigen Auffassung? “Das ist ihm im Nachhinein angedichtet worden”, erzählt der 51-Jährige mit den roten Haaren und dem allmählich weiß werdenden Bart. “Sein berühmtes Buch heißt ja auch nicht ‘Benimm dich richtig’, sondern ‘Über den Umgang mit Menschen’.” Nach dem Tod von Adolph Freiherr Knigge sei in den 1820er- und 30er-Jahren “ein erhöhter Bedarf zu der Frage aufgekommen, wie man ein großes Haus führt”. “Da hat man dann angefangen, Etikettebücher zu schreiben. Und da es damals keinen Urheberschutz gegeben hat, hat man einfach das Buch von Knigge genommen und das ohne sein Einwirken – er war ja schon tot und die Familie hatte damit auch nichts zu tun – zu einem Benimmbuch umgeschrieben”, erklärt der Knigge-Nachfahre. “Das hat sich so stark verselbstständigt, dass Knigge heute als der große Benimmautor gesehen wird und dass das Wort Knigge sogar in den deutschen Sprachgebrauch übergegangen ist als Beschreibung für richtiges Handeln.”

Das Gespräch mit Moritz Freiherr Knigge zum Anhören

Adelsabstammung rückt in den Hintergrund

Genauso wie die Knigges weniger mit Philosophie als mit konkreten Etiketteregeln in Verbindung gebracht werden, rückt bei der Familie auch die adelige Abstammung oft in den Hintergrund. “Die Knigges sind keine besonders wichtige landadelige Familie aus dem Raum Hannover. Der Stammsitz ist das Rittergut Bredenbeck am Deister und ich glaube erstmals urkundlich erwähnt wurden die Knigges im 12. oder 13. Jahrhundert. Also relativ alt, aber nie besonders wichtig, und nicht besonders viele Menschen, die besonders aktiv in der Geschichte gewirkt haben – mit der einzigen Ausnahme Adolph Freiherr Knigge”, äußert Moritz Freiherr Knigge sich eher bescheiden zu seiner Familiengeschichte. Er selbst stelle sich auch immer nur als “Moritz Knigge” vor. Warum lässt er den Adelstitel weg? “Rein faktisch ist es gar kein Titel mehr. 1919 ist der Adel abgeschafft worden und damals hat man gesagt, dass der frühere Titel dem Namen zugehörig erklärt wird. Also namensrechtlich ist es einfach nur ein Doppelname. Ich lasse es weg als Zeichen, dass mir das Ganze nicht wichtig ist.” So reiche es ihm auch aus, von anderen einfach als “Herr Knigge” angesprochen zu werden.

Tatsächlich wandelt der 51-Jährige aber ein bisschen auf den Spuren seines berühmten Vorfahrens: Auch er beschäftigt sich beruflich mit dem Umgang von Menschen miteinander. So gründete er 2003 sein eigenes Unternehmen, die Freiherr Knigge OHG, mit dem Schwerpunkt “Mensch bleiben – wie wir besser miteinander klarkommen”. Er hat zu dem Thema bereits mehrere Bücher geschrieben, hält Vorträge und Gruppencoachings. “Ich finde diese Dynamik interessant, die in der Kommunikation unter Menschen besteht. Ich glaube, dass guter Umgang etwas Wichtiges und Schönes ist”, erklärt er seine Motivation. Mit seiner Herkunft habe das weniger zu tun – “Es ist nie so gewesen, dass ich von zu Hause aus dazu gedrängt worden wäre.” In der Zeit der Unternehmensgründung habe er überhaupt das erste Mal den Knigge komplett gelesen.

Moritz Freiherr Knigge ist auf dem Rittergut Bredenbeck aufgewachsen

Und wie sein berühmter Vorfahre ist auch Moritz Freiherr Knigge auf dem Rittergut Bredenbeck aufgewachsen. “Ich bin in einem riesigen Haus groß geworden und die Heizkosten haben meinen Eltern die Haare vom Kopf gefressen”, scherzt er. “Wir haben im Winter bei 11 Grad im Esszimmer gefrühstückt.” Aber tatsächlich hätten sie eben ein eigenes Esszimmer gehabt – und sogar ein ziemlich großes. “Viele Leute denken, Menschen, die in so großen Häusern wohnen, müssen automatisch reich sein. Da kann ich nur sagen: Das ist eine Mär.” Denn die Erhaltung und Pflege solcher Häuser sei auch sehr teuer. “Reich waren wir nie, aber mir ging es bestimmt besser als vielen anderen. Ich kann mich nicht über meine Kindheit beklagen.” Natürlich sei damals in der Schule von seinen Mitschülern auch mal ein Spruch zu seiner Herkunft gekommen, “im Geschichtsunterricht, wenn es ums Mittelalter oder die Geschichte Deutschlands ging”. “Dann hieß es mal ‘Ihr wart ja auch Sklaventreiber’ oder ‘Ihr hattet ja auch Bedienstete oder Leibeigene’.” Was natürlich in seinem Fall nicht stimmte.

Ein paar Vorstellungen, die so mancher von Adeligen hat, treffen dann aber doch auch auf Moritz Freiherr Knigge zu: “Ich habe relativ viele Adelige im Freundeskreis”, erzählt der Unternehmer. “Die Netzwerke unter Adeligen und Landadeligen sind relativ eng.” So sei er schon als Kind viel auf Veranstaltungen für Adelige gewesen, habe beispielsweise bei “Adel auf dem Radel” mitgemacht oder an einer Adeligentanzstunde in Hannover teilgenommen. Und auch heute noch gibt es ein paar Ereignisse, die Blaublüter immer wieder zusammenbringen: “In adeligen Kreisen gibt es die Tradition, große Hochzeiten zu feiern. Mit groß meine ich wirklich groß – also mit 300 bis 400 Leuten.” So sei er in seinen Mittzwanzigern bis -dreißigern pro Jahr zum Teil auf zehn bis zwölf Hochzeiten eingeladen worden. “Und ich war bei weitem nicht der, der am meisten eingeladen wurde”, sagt er dazu.

Kein Interesse am europäischen Adel

Die Hochzeit von Harry und Meghan hat er sich deshalb aber nicht im Fernsehen angesehen – und ist auch kein großer Fan europäischer Monarchien. “Ich kann dieses Interesse für die Monarchien, die es noch gibt, nicht nachvollziehen. Ich empfinde das als völlig überflüssig. Ich würde sogar so weit gehen, dass ich es für unmöglich halte. Ich finde zum Beispiel, dass es in England ein Staatsoberhaupt gibt, das nur Staatsoberhaupt ist, weil es das Glück hatte, in eine bestimmte Familie geboren zu sein, nicht mehr zeitgemäß.” Da finde er den Weg, den die Deutschen im Hinblick auf den Adel gegangen sind, besser. Auch wenn das für seine Familie vielleicht weniger Ansehen und Reichtum bedeutete.

Von Hannah Scheiwe/RND