Mittwoch , 28. Oktober 2020
Demo in Berlin: Menschen nehmen vor dem Bundesrat an einer Protestaktion des Berufsverbandes Sexarbeit gegen die Corona-Auflagen und die Schließung von Bordellen teil. Quelle: Wolfgang Kumm/dpa

Seit März kein Einkommen – Sexarbeiter demonstrieren

Während Friseursalons und Massagebetriebe ihren Kunden wieder nahe kommen, bleibt die Sexarbeit bei den Corona-Lockerungen außen vor. Heute Abend wollen in Hamburg 200 Betroffene demonstrieren. Eine Sexarbeiterin betonte gegenüber der “Ostsee-Zeitung” die ausgefeilten Hygienekonzepte, die gemacht wurden: “Wir sind keine Virenschleudern.”

Die Liebeswohnwagen sind lange weg von ihren Flecken, die Bordelle und Laufhäuser in Deutschland sind seit März geschlossen. Die Branche der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter ist weiterhin von den Regelungen der Corona-Pandemie betroffen. Am heutigen Samstagabend wollen Prostituierte in Hamburg für die baldige Öffnung der Branche demonstrieren. Die Polizei in der Hansestadt erwartet 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Letizia F.: “Ein Job, der mir Spaß macht”

Betroffen vom anhaltenden Branchenlockdown ist auch die 39-jährige Letizia F., die in der “Ostsee-Zeitung” (OZ) über ihre Situation sprach. Seit Mitte März fehle der früheren Hotelfachfrau, die seit einem Jahr als Sexarbeiterin tätig ist, das Einkommen. “Im Schnitt habe ich 2500 Euro im Monat verdient. Das fehlt. Um meine Arbeitswohnung nicht zu verlieren, habe ich bereits am 30. März Soforthilfe beantragt.” Als Soloselbstständige, so die “OZ” habe sie Anspruch darauf. Es sei aber noch nichts angekommen.

Mit festem Wohnsitz, Ehemann und Kind sei ihr Umfeld – anders als bei vielen anderen Sexarbeiterinnen und -arbeitern – allerdings gesichert.

Die derzeitige Corona-Politik gegenüber ihrer Branche findet F. nicht grundsätzlich falsch: “Ich sehe die Corona-Maßnahmen völlig ein, mir ist auch die Gefahr bewusst. Aber die Regierung muss uns zumindest eine Perspektive bieten”, sagt sie – und verweist in der “OZ” auf die anderen körpernahen Geschäfte: Friseurläden oder Massagestudios, die unter die Lockerungen fallen.

Hygiene stehe ganz oben, Prostituierte seien “keine Virenschleudern”. Auch der Wechsel in einen anderen Job sei keine Option. Letizia F.: “Für mich ist das ein Job wie jeder andere. Und noch dazu einer, der mir Spaß macht.”

Erster Hoffnungsschimmer für die Branche

Schon im Mai legte der in Berlin ansässige Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleitungen (BeSD) ein Hygienekonzept vor. “Wir haben es an die Landespolitiker, Ministerpräsidenten und -präsidentinnen, die Zuständigen für Gesundheit und für die Corona-Pläne geschickt. Dahin, wo jeder Friseurzusammenschluss es auch schicken würde”, sagte Vorstandsmitglied und Sexarbeiterin Johanna Weber damals im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). “Wir wollten damit vor allem sagen: Bei den nächsten großen Öffnungen wollen wir im Gespräch sein. Wir wollen nicht vergessen werden.” Heute ist sie ernüchtert. “Die Antworten auf unser Hygienekonzept waren eher symbolisch. Es liegt keine Bereitschaft vor, unsere Branche wieder arbeiten zu lassen”, sagt sie dem RND. “Das Stigma ist zu groß, und kein Bundesland will den ersten Schritt hin zu Öffnung für Sexarbeit machen. Daran arbeiten wir nun.”

Einen Hoffnungsschimmer für die bislang Vergessenen bietet einem anderen Bericht der “OZ” zufolge ein Urteil der 7. Kammer des Verwaltungsgerichts Schwerin nach dem Eilantrag einer Sexarbeiterin in Mecklenburg-Vorpommern. Als Escort-Dame dürfte man in dem Bundesland durchaus arbeiten, so der Beschluss vom 26. Juni. “Unter Beachtung der geltenden Abstands- und Hygieneregelungen” könnten die Leistungen in Hotels oder Wohnungen von Kunden – nicht aber in Bordellen erbracht werden. Der Gerichtsbeschluss ist noch nicht rechtskräftig, und das zuständige Gesundheitsministerium hat Beschwerde eingelegt.

Mehrere Dutzend Prostituierte hatten schon am Freitag vor dem Bundesrat in Berlin für eine Wiedereröffnung der Bordelle in der Corona-Pandemie demonstriert. Die Branche werde in die Illegalität getrieben, hieß es auf Transparenten.

Die Sexarbeiterbranche brauche mehr finanzielle Unterstützung, sagen sie. Heute Abend in Hamburg ist Johanna Weber auch dabei: “Das haben die Frauen vom Straßenstrich auf der Reeperbahn organisiert”, sagt sie. “Die wissen nicht mehr, was sie sie essen sollen. Jetzt haben sie sich politisiert, und das finde ich toll.”

RND/big