Donnerstag , 1. Oktober 2020
Gib Gummi: Touristen fahren mit Segways durch Berlin. Es sollte das Fortbewegungsmittel der Zukunft werden, doch der große Plan scheiterte spektakulär. Nun zieht der chinesische Mutterkonzern den Stecker. Quelle: Jens Kalaene/dpa

Segway und E-Scooter: Die Verkehrswende ist gescheitert

Einst trat der Segway an, den Personentransport zu revolutionieren. Nächste Woche wird die Produktion des Stehrollers eingestellt. Dann sollte der E-Roller die Verkehrswende einläuten. Doch auch das ist gescheitert. Es sind ganz andere Räder, die die Welt bewegen, findet Heike Manssen.

Hannover. Autofahren – das war gestern. Der moderne Mensch düst auf zwei Rollen durch die Stadt von A nach B. Schön das Gleichgewicht halten und ab geht’s. Wer da noch Benzin schluckende Karren bewegt, hat die Zukunft verschlafen. Der Segway sollte nicht weniger als den Personentransport revolutionieren. Das Gerät wird Autos so überflüssig machen, wie diese einst die Pferdekutsche, versprach Erfinder Dean Kamen zu Beginn des Jahrtausends selbstbewusst.

Doch das Fortbewegungsmittel, das Benutzer durch Gewichtsverlagerung im Stehen steuern, kam nie so richtig aus den Startlöchern heraus. Nun stehen die Räder ganz still, der chinesische Mutterkonzern stellt die Produktion des Segways am kommenden Mittwoch ein. Fazit: Verkehrswende gescheitert.

Kann es der E-Roller richten?

Kann es nun der E-Roller richten? Als 2018 die ersten Geräte auftauchten, wurden auch sie zum Hoffnungsträger einer neuen, urbane Mobilität hochstilisiert. Und noch schneller als beim Segway macht sich schon jetzt die Ernüchterung breit. Zwar stehen in größeren Städten an allen möglichen Ecken die E-Scooter herum, doch die Geräte haben so ihre Tücken, nicht zuletzt, weil das Mieten relativ teuer ist.

Der Roller ist zum Spaßmobil, einem oftmals gefährlichen, geworden. Die Fahrer, meist Touristen oder alkoholselige Gruppen, rasen mit 20 Stundenkilometern pro Stunde durch Fußgängerzonen, missachten Verkehrsregeln und verursachen mit den instabil konstruierten Geräten mehr Unglücke als ursprünglich erwartet. Die Zahl der Verletzungen und Krankenhauseinweisungen nach Unfällen mit E-Scootern nimmt einer Studie aus den USA zufolge dramatisch zu.

Besonders häufig seien Kopfverletzungen, berichteten US-Mediziner jüngst in einem Fachblatt. Auch deutsche Experten sind alarmiert, die Polizeigewerkschaft fordert gar eine Helmpflicht. Kaum jemand nutzt den E-Scooter, um damit zur Arbeit zu fahren. Und so lautet auch hier das Fazit: Verkehrswende gescheitert.

Pedelecs auf dem Vormarsch

Es lohnt sich ein Blick auf ganz andere Räder, die für Bewegung beim Thema Verkehr sorgen könnten. Zum Beispiel auf die des Pedelecs. Seit Jahren schon steigt der Absatz von E-Fahrrädern in Deutschland. Das Image des Fahrrades für Alte und Faule hat das Fortbewegungsmittel immer weiter verloren. Im Jahr 2019 wurden insgesamt rund 1,4 Millionen E-Bikes in Deutschland verkauft.

Der Absatz ist dabei in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen und nahm vom Jahr 2018 bis 2019 so stark zu wie nie zuvor. Auch wenn das E-Bike andere Verkehrsteilnehmer nerven kann, bringt es doch viele Menschen dazu, vom Autositz auf den Sattel zu wechseln. Das entlastet nicht nur die Städte, sondern bringt auch Leute an die frische Luft.

Das stärkste Argument für eine Verkehrswende ist und bleibt jedoch die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs. Wer einmal in Singapur gewesen ist, weiß, wie gut Öffis funktionieren können. Saubere Bahnen, ein weit verzweigtes Netz, günstige Tickets und ein Takt, der die Menschen kaum auf die nächste Bahn warten lässt, machen die Entscheidung für das Verkehrsmittel Bahn nahezu alternativlos.

Von solchen Bedingungen ist Deutschland noch weit entfernt. Kein Wunder also, dass so viele Menschen noch ins Auto steigen, um zur Arbeit zu fahren, und sich am Wochenende einen Roller mieten – aus Spaß.

Von Heike Manssen/RND