Donnerstag , 1. Oktober 2020
Die Diskussionen um die Umbenennung von Straßennamen in Deutschland nimmt zu. Historiker Arnd Bauerkämper spricht im RND-Interview über Grenzfälle und den Umgang mit Tabuisierungen. Quelle: imago images/Christian Spicker/dpa/Bernd Wannenmacher/RND-Montage

Station Mohrenstraße umbenennen? Historiker warnt vor Tabuisierungen

Die Diskussion um Namensänderungen von Plätzen und Straßen wurde durch die Black-Lives-Matter-Bewegung in Deutschland angeheizt. Zuletzt sorgte die Umbenennung der U-Bahnstation Mohrenstraße in Berlin für Aufsehen. Im RND-Interview spricht Historiker Arnd Bauerkämper über Grenzfälle und den Umgang mit Tabuisierungen. Er stellt klar: Eine strikte Umbenennung ist nur in besonderen Fällen ratsam.

Berlin. Im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung wird auch in Deutschland zunehmend kritisch über Straßennamen diskutiert . Vor allem die geplante Umbenennung der Berliner U-Bahnstation Mohrenstraße hatte die Gemüter erhitzt. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) wollten die Straße in Glinkastraße umbenennen, doch auch dieser Name hatte angesichts der antisemitischen Vergangenheit des Namensträgers Kritik ausgelöst. Nun wollen die BVG offen über den neuen Namen diskutieren lassen.

Im Gespräch mit dem RND bezieht Historiker Arnd Bauerkämper von der Freien Universität Berlin Stellung zur Debatte um Namensänderungen. Der Professor für Neuere Geschichte spricht sich für einen kritischen Umgang mit Straßennamen aus. Er warnt jedoch davor, Namen völlig auszuradieren.

Herr Bauerkämper, wie beurteilen Sie die aktuelle Diskussion um die Namensänderung von Straßen und Plätzen?

Es ist an der Zeit, um bei einigen dieser Fälle über eine Umbenennung nachzudenken. Speziell im Fall des Berliner U-Bahnhofs Mohrenstraße muss eine Veränderung vorgenommen werden, wir reden ja schließlich auch nicht mehr vom Mohrenkopf. Grundsätzlich muss man in diesen Fällen jedoch eine feine Balance finden. Es gibt sicherlich öffentliche Namen, die so bleiben können. Dann gibt es Grenzfälle, und es gibt Fälle, die schlicht umbenannt werden müssen, weil sich die gesellschaftliche Diskussion auch verändert hat. Das wird deutlich, wenn man nur mal Publikationen aus den 60er-Jahren aufschlägt. Da ist teilweise auch in wissenschaftlichen Publikationen vom Neger ohne Anführungszeichen die Rede. Da merkt man deutlich, dass sich der Sprachgebrauch verschiebt, und damit muss man mit Umbenennungen darauf reagieren. Niemand würde heute noch etwa von einer Adolf-Hitler-Straße oder einer Stalin-Allee sprechen, das ist klar.

Was meinen Sie genau mit Grenzfall?

In Berlin steht und stand beispielsweise der Bersarinplatz auch in der Diskussion. Nikolai Bersarin war 1945 der erste sowjetische Kommandant der Stadt und eine ambivalente Person. Zum einen war er ein harter General, zum anderen hat er sehr schnell die Versorgung der Berliner mit Wasser, Strom und Gas gewährleistet. In diesen Grenzfällen würde eine Erklärung oder eine Kommentierung helfen. Denn letztlich können wir Geschichte, die uns heute nicht gefällt, nicht völlig ausradieren. Daraus kann man auch etwas lernen, wenn man diese Fälle beispielsweise mit einer Schautafel erläutert. Dort müssen die Namen dann kritisch in den Kontext eingeordnet werden, dann können sie meiner Meinung nach stehen bleiben. Auch um Straßen und Plätze, die nach Paul von Hindenburg benannt wurden, gibt es regelmäßig Diskussionen. Ich halte sie für richtig und spreche mich in diesem Fall eher für ein Entfernen aus.

Inwiefern hat die Black-Lives-Matter-Bewegung zu dieser Entwicklung beigetragen?

Wir haben natürlich immer diese Phasen der gesellschaftlichen Proteste. Aktuell verschiebt sich die Balance hin zu einem noch kritischeren Umgang mit Straßennamen. Diese Diskussion ist aber nicht völlig neu, sie wird ja bereits seit zehn, fünfzehn Jahren geführt. Da muss man sich die einzelnen Namen genau anschauen. Um den General Lothar von Trotha etwa zu nennen, der Tausende von Herero und Nama abgeschlachtet hat, dann muss man natürlich klar sagen: Dieser Name muss zwingend aus dem öffentlichen Leben entfernt werden. Bei offenkundigen Massenmördern reicht eine Kommentierung nicht aus.

Wird sich dieser Prozess in der Zukunft ausweiten?

Ich denke schon. Es gibt eine ganze Menge Straßen, bei denen die Namensträger aus unserer Sicht heute kein blütenreines Leben hatten. Geschichte ist mit Moral verknüpft, kann aber nicht völlig in Moral aufgehen. Eine unmoralische Geschichtsbewertung ist ebenso falsch wie eine rein moralische. Wir gehen von einem bestimmten Ausgangspunkt aus, der ist im Jahr 2020 an einem bestimmten Ort. Unser Standpunkt ist natürlich auch subjektiv. Aber ich halte eine strikte Tabuisierung jedoch für nicht ratsam.

Inwiefern können Tabuisierungen gefährlich sein?

Vor einiger Zeit sollte in einem Institut die kritische Edition von “Mein Kampf” vorgestellt werden. Die Diskussion wurde auch vorher entsprechend beworben, und einige Leute haben die Plakate abgerissen, weil sie eben “Mein Kampf” gelesen haben. Es handelte sich aber um die kritische Vorstellung der kritischen Edition des Buches. Und so etwas darf man auch nicht aus dem öffentlichen Raum verbannen, das ist kontraproduktiv.

Sollte sich die Politik noch deutlicher mit möglichen Namensänderungen auseinandersetzen?

Die Verantwortung muss am Ende ein Einzelner tragen, aber die Entscheidung muss offen ausdiskutiert werden, und diese muss kollektiv getroffen werden. Die einzelnen Kommunen müssen sich fragen: Wo haben wir umstrittene Namen? Natürlich muss dies in Zusammenarbeit mit Experten geschehen, die entsprechend Input geben können. Wir Historiker sitzen ja nicht in einem Elfenbeinturm. Geschichte ist immer Teil der Gesellschaft. Wir können Befunde vorstellen, die Entscheidungen erleichtern können. Die Entscheidung können aber wir nicht treffen. Das ist ähnlich wie bei den Virologen, sie können auch Daten und Hilfen geben, am Ende entscheidet die Politik darüber.

Von Jan Jüttner/RND