Dienstag , 22. September 2020
Die geplante Umbenennung des Berliner U-Bahnhofs Mohrenstraße sorgt für Diskussionen. Quelle: imago images/IPON

Historiker über Diskussion um U-Bahnhof Mohrenstraße: “Geschichte darf nicht völlig in Moral aufgehen”

Die Debatte um die Namensänderung des Berliner U-Bahnhofs Mohrenstraße nimmt weiter an Fahrt auf. Laut dem Historiker Arnd Bauerkämper müsse man jeden solcher Fälle einzeln prüfen. „Geschichte muss normativ orientiert sein“, sagte er.

Berlin. Die Diskussion um die Namensänderung des Berliner U-Bahnhofs Mohrenstraße schlägt weiter hohe Wellen. Eigentlich wollten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) nach aufkommender Kritik am rassistischen Namen des Bahnhofs die Umbenennung in Glinkastraße vornehmen. Doch der Komponist Michail Ivanowitsch Glinka (1804 bis 1857), nach dem der Bahnhof benannt werden soll, hatte sich zu Lebzeiten antisemitisch geäußert und unter anderem das Stück “Fürst Cholmskij” geschrieben, welches von einer jüdischen Verschwörung handelt.

BVG reagiert nach Kritik für geplante Namensänderung

Nach aufkommender Kritik an der geplanten Namensänderung äußerten sich die BVG unter anderem mit den Worten: “Wir sind offen für Diskussionen zum Namen der besagten Station. Einzige Voraussetzung: Wir müssen uns bei den Stationsnamen an den örtlichen Gegebenheiten orientieren und können uns nicht einfach einen Namen ausdenken.”

Der Historiker Prof. Dr. Arnd Bauerkämper von der Freien Universität Berlin ist der Meinung, dass man vorab jede mögliche Namensänderung gründlich diskutieren muss. “Wir haben sehr viele Grenzfälle. In Fällen, wo es hinnehmbar ist und nicht völlig inakzeptabel ist, müssen wir lernen, dass Geschichte nicht nur schön ist, sondern auch unbequeme Aspekte enthält”, sagte er gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Bauerkämper spricht sich in diesen Fällen dafür aus, auf Schildern über die Vergangenheit der Namensgeber aufzuklären. “In jeden Fall darf man bestehende Namen, die Kritik hervorrufen, nicht einfach so stehen lassen. Man muss sie kritisch einordnen und die Menschen darüber aufklären.”

Bauerkämper: “Das ist eine schwierige Balance”

Der Experte für den Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften warnt davor, geschichtliche Aspekte völlig in moralischen Vorstellungen aufzugeben und die Namen einfach zu entfernen. “Es gibt eine ganze Menge Plätze in Deutschland, bei denen die Namensträger kein blütenweiße Westen hatten. Geschichte muss aber normativ orientiert sein und darf nicht völlig aufgehen in Moralvorstellungen. Das ist eine schwierige Balance, da muss man gut abwägen.”

Der Historiker Michael Wolfssohn hatte zuletzt die geplante Namensänderung der Mohrenstraße kritisiert. “Auch ohne Schulwissen kommt man beim Denken darauf: Rassisten benennen keine Straße nach jemandem oder etwas, den oder das sie verachten. Die Benennung der Berliner Mohrenstraße war nie rassistisch gemeint”, sagte er gegenüber der Bild. Darauf angesprochen sagte Bauerkämper: “Da würde ich ihm schon widersprechen. In diesem Fall bin ich klar für eine Namensänderung. Der Begriff Mohr ist rassistisch geprägt.”

Bauerkämper: Diskussionen sind lehrreich

Laut Bauerkämper könne man aus den aufkommenden Diskussionen auch lernen und sich dadurch zwangsweise detaillierter mit der Geschichte auseinandersetzen. Bei all den Diskussionen stellt er jedoch klar: “Namen, die klar mit kriminellen Delikten in Verbindung stehen, müssen aus dem öffentlichen Bild verschwinden.

 

 

 

 

 

Von Jan Jüttner/RND