Dienstag , 22. September 2020
Bei der Berlinale 2020 stellte Cate Blanchett ihre Serie “Stateless” vor, die in einem australischen Flüchtlingslager spielt. Quelle: imago images/Future Image

Hollywoodstar Cate Blanchett: “Regierungen schüren Ängste”

Cate Blanchett ist seit mehr als 20 Jahren in Hollywood erfolgreich. Im RND-Interview spricht sie über ihre neue Netflix-Serie “Stateless”, die Würde von Flüchtlingen und hohe deutsche Willkommensstandards.

Frau Blanchett, wie kommt eine Oscarschauspielerin dazu, eine Fernsehserie über australische Flüchtlinge zu produzieren?

Für mich ist die Serie “Stateless” ein Projekt aus Leidenschaft, das ich vor allem hinter der Kamera unterstützt habe – ich habe nur eine Nebenrolle. Ich konnte das Thema einfach nicht mehr abschütteln. Ich war ergriffen von all den Geschichten über Flüchtlinge. Die Serie soll unterhalten, aber genauso auch provozieren.

Wieso provozieren?

Wir wollten die Stille brechen, die sich auch in Australien über das Thema gelegt hat. Unsere Serie spielt in der Zeit, als die Flüchtlinge noch nicht in Offshore-Einrichtungen gebracht wurden, sondern in Lager im Landesinnern. Die Flüchtlinge, viele davon aus Indonesien, wurden in Wüsten verfrachtet. Da saßen sie oft viele Jahre fest, bis ihr Status geklärt war.

Wie und wo sind Sie mit Flüchtlingen in Kontakt gekommen?

Seit 2014 arbeite ich für die UN-Flüchtlingshilfe. Auf meinen Reisen für die Vereinten Nationen habe ich immer wieder erfahren, dass sich staatenlose Leute wie unsichtbar fühlen, so als befänden sie sich in einem Schwebezustand. Sie haben ihre Menschenrechte verloren.

Was haben Sie unterwegs erlebt?

Ich war zum Beispiel in Bangladesch. Dort habe ich eine Mutter getroffen, die ihr Kind im Dschungel zur Welt gebracht und dort sechs Monate lang versteckt hatte. Als Mutter hat mich diese Vorstellung erschüttert. Kinder in einem Lager zu sehen bricht mir das Herz.

Wie sieht der Alltag von Staatenlosen aus?

Ohne Pass haben diese Menschen kaum Zugang zu medizinischer Versorgung. Kinder können nicht zur Schule gehen. Für Paare ist es unmöglich zu heiraten – alles Dinge, die wir als selbstverständlich betrachten. Wir dürfen dankbar sein, in einer Demokratie zu leben. Und das heißt auch, sich einzumischen, wenn etwas nicht gut funktioniert.

Wie schlecht läuft es?

70 Millionen Menschen waren schon vor Corona Vertriebene. Das Problem wird durch Klimaflüchtlinge noch drastisch wachsen. Klar ist auch: Wir sind alle involviert, und das seit Jahrzehnten.

Wie verarbeiten Sie Ihre Erlebnisse?

Als UN-Botschafterin gehört es zu meinen Aufgaben, solche Geschichten zurückzubringen: Diese schutzlosen Menschen dürfen keine gesichtslosen Nummern bleiben. Meine Arbeit hat mein Leben und das meiner Familie verändert. Wir reden am Abendbrottisch darüber.

Mit Ihren Kindern?

Mein elfjähriger Sohn hat erlebt, was es heißt, wenn er in einem Jeep wieder ein jordanisches Camp verlassen kann, und all die anderen Kinder müssen bleiben. Oder wenn ein syrischer Flüchtlingsjunge nicht mit ihm Fußball spielen kann, weil er eine Schussverletzung am Bein hat. Die Hälfte aller Flüchtlinge sind Kinder.

Was muss sich ändern?

Es fängt schon damit an, dass wir mit Sprache sorgfältig umgehen sollten. In den Medien ist oft von Migranten die Rede. Tatsächlich geht es um Asylsuchende. Nach der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen hat jeder Mensch auf diesem Planeten das Recht, Asyl zu suchen. Bezeichnet man einen Flüchtling als Migranten oder auch als Illegalen, schließen sich Grenzen. Das ist in Australien passiert, aber genauso auch in England in Zusammenhang mit dem Brexit.

Was wird mit solchen Definitionen bezweckt?

Regierungen schüren mit hetzerischer Sprache Ängste um Jobs, die die Flüchtlinge angeblich wegnehmen. Dass man auch anders mit Hilfesuchenden umgehen kann, hat Deutschland vor fünf Jahren bewiesen. In ihrem Land wurden hohe internationale Willkommensstandards gesetzt. Auch Länder wie der Libanon haben Millionen Menschen aus Syrien aufgenommen.

Macht es Sie wütend, wenn Sie sehen, wie sich Staaten heute vor Flüchtlingen abschotten?

Ja, absolut.

Von Stefan Stosch/RND