Samstag , 26. September 2020
Massen an Menschen: Beim heißen Wetter gaben viele Briten nichts mehr auf Social Distancing. Quelle: Getty Images

“Wir sind die Dummköpfe der Welt”: Zehntausende Briten tummeln sich am Strand

In Europa hat Großbritannien die höchste Zahl an Corona-Fällen, vor einer zweiten Welle wird gewarnt – doch viele Briten stören sich daran offenbar nicht mehr. Bilder vom Strand in Bournemouth sorgen für Kritik im Land. “Wir sind die Dummköpfe der Welt”, titelt gar “The Independent”.

Bournemouth. Diese Bilder machen fassungslos: In Großbritannien drängen sich in den ersten warmen Sommertagen Zehntausende Menschen am Strand. Vor allem in Bournemouth an der Südküste Englands ist schlicht kein Platz für Abstandsregelungen. Auch Hygienemaßnahmen oder Masken stören beim Sonnenbaden bei mehr als 33 Grad nur. Und dabei gilt in Großbritannien eigentlich noch die höchste Alarmstufe, erst für den 4. Juli hatte Premierminister Boris Johnson Lockerungen angekündigt: Kinos, Hotels und Restaurants sollen dann wieder öffnen dürfen.

Die Polizei war im Einsatz, bat die Tagesausflügler, nach Hause zu gehen, auch die Rettungskräfte waren laut “Daily Mail” am absoluten Limit. 558 Falschparker bekamen Knöllchen, binnen 48 Stunden sammelten sich 40 Tonnen Müll, heißt es im “Guardian”. Dazu wurden illegale Camper aufgegriffen, und die Polizei musste mehrfach bei Schlägereien zwischen Betrunkenen eingreifen. Fünf Personen wurden laut des Artikels verhaftet.

Lokalpolitiker bitten die Regierung um Hilfe

Einsatzkräfte appellierten in britischen Medien an die Vernunft und das Verantwortungsbewusstsein der Menschen: “Wir befinden uns inmitten einer Krise des öffentlichen Gesundheitswesens und eine so große Zahl an Menschen, die in ein Gebiet fahren, stellt eine weitere Belastung für unsere Ressourcen dar”, wird ein Mitarbeiter in der “Daily Mail” zitiert.

Lokalpolitiker Tobias Ellwood bat den Staat um Hilfe. “Bournemouth wird von Besuchern überschwemmt, und die örtlichen Behörden kommen damit nicht zurecht”, sagte er der Zeitung. Die Regierung müsse Hilfe anbieten, um zu verhindern, dass in der Region die zweite Welle ausbreche. Er gab gegenüber “The Guardian” an, dass eine halbe Million Menschen an die Strände der Region geströmt seien.

Menschen durchfuhren einfach Straßensperren

Andernorts hatten die lokalen Behörden Straßensperren errichtet, um den Besucherstrom zu regulieren. “Das Verhalten einiger war inakzeptabel. Ich wurde angeschrien und beschimpft, und ein Mann spuckte mich an”, erzählt Laura Miller, die eine Absperrung besetzte. Manch einer setzte sich auch einfach darüber hinweg und fuhr die Straßensperre um.

Die Ratsvorsitzende Vikki Slade sagte, man sei entsetzt über die Szenen. “Das unverantwortliche Verhalten und Handeln so vieler Menschen ist einfach schockierend und unsere Dienste sind bis zum Äußersten gefordert, um für die Sicherheit aller zu sorgen”, sagte sie dem “Guardian”.

154 Briten starben an dem Tag, an dem Hunderttausende an den Strand gingen

In Großbritannien sinkt zwar die Zahl der Neuansteckungen und auch die Zahl der Toten durch das Coronavirus, aber dennoch seien allein an besagtem Strandtag 154 Menschen durch das Virus ums Leben gekommen. Das berichtet “The Independent” und spricht davon, dass “Großbritannien die Dummköpfe der Welt” seien. Die Zeitung gibt auch Johnson eine Mitschuld: Er habe davon gesprochen, dass man die Nation langsam aus dem Winterschlaf holen wolle – viele Bürger verstanden dies offenbar als Zeichen, dass die größten Hürden geschafft sind. So hatte er angekündigt, dass aus zwei Metern Sicherheitsabstand nun “ein Meter plus” würde.

Die Lockerungen waren in Großbritannien von führenden Virologen und Wissenschaftlern kritisiert worden, selbst die Regierung räumte ein, dass sie “nicht ohne Risiko” seien, heißt es im “Independent”. In Großbritannien sind seit Beginn der Pandemie bereits mehr als 43.000 Menschen infolge einer Corona-Infektion verstorben.

RND/msk