Dienstag , 22. September 2020
ARCHIV – 11.03.2020, Hamburg: Die Angeklagte (rechts) sitzt neben ihrem Anwalt Johannes Santen zu Beginn des erneuten Prozesses vor dem Landgericht. Im Prozess wegen eines Messerangriffs auf eine 93-jährige Frau in Hamburg-Poppenbüttel ist die Angeklagte zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Quelle: Christian Charisius/dpa

32-mal auf Seniorin eingestochen: Lebenslange Haft für Täterin

Ahnungslos lässt eine 93-Jährige eine Frau in ihre Hamburger Wohnung. Diese sticht immer wieder auf die Seniorin ein und lässt sie blutüberströmt im Wohnzimmer zurück – für eine Beute von 400 Euro. In einem erneuten Verfahren gibt es nun ein Urteil.

Hamburg/Norderstedt. Im März 2018 klingelt es morgens an der Tür einer 93-Jährigen in einer Seniorenwohnanlage in Hamburg-Poppenbüttel. Die Seniorin lässt die Frau, die sie für ihre Physiotherapeutin hält, in ihre Wohnung. Doch kaum geht die alte Dame auf ihren Rollator gestützt Richtung Wohnzimmer, wird sie von hinten mit einem Messer angegriffen. Am Ende sind es 32 Stichverletzungen – für eine Beute von 400 Euro Bargeld. “Wir hatten es mit einer grausamen Tat zu tun”, sagte die Vorsitzende Richterin Birgit Woitas am Mittwoch. Das Urteil: eine lebenslange Freiheitsstrafe für die heute 41 Jahre Angeklagte aus Norderstedt. So lautete 2019 auch der erste Richterspruch, den der Bundesgerichtshof später teilweise aufgehoben hatte.

Die mildernde Umstände seien nicht ausreichend abgewogen worden, meinten die Bundesrichter. An den Feststellungen zur Tat hatten sie jedoch nichts auszusetzen. Die Angeklagte hatte sich des versuchten Mordes, des besonders schweren Raubes, der gefährlichen Körperverletzung und weiterer Straftaten schuldig gemacht. Es musste ein neuer Prozess um das Strafmaß beginnen.

Anwalt forderte Haftstrafe “im Bereich von zehn Jahren”

„Es tut mir unendlich leid“, sagte die ehemalige Altenpflegeschülerin in ihrem sogenannten letzten Wort. „Ich bin kein eiskalter Mensch.“ Wenn es ihr möglich wäre, würde sie die Tat rückgängig machen. Zuvor hatte die Deutsche unter Tränen versucht zu erklären, wie es soweit kommen konnte. Hohe Schulden, Depressionen, Drogen, keine Arbeit – all das habe ihren Alltag bestimmt. Sie habe sich geschämt, Hilfe zu suchen und keinen anderen Ausweg als diesen Überfall mehr gesehen. Seit mehr als zwei Jahren sitzt die Frau in Untersuchungshaft. Sie wolle gerne eine Therapie beginnen, versicherte sie. Frühere Versuche hatte sie abgebrochen.

Laut ihres Verteidigers Johannes Santen wurde die langjährige psychische Krankheit der Angeklagten in dem ersten Urteil nicht genug berücksichtigt. Eine Haftstrafe müsse eher „im Bereich von zehn Jahren“ liegen, war der Anwalt überzeugt. Angespannt, mit gefalteten Händen hoffte die Angeklagte auf ein niedrigeres Strafmaß. Doch Richterin Woitas betonte in der Urteilsbegründung, dass sie keine Möglichkeit der Strafmilderung sehe. „Glauben Sie, dass wir es uns nicht leicht gemacht haben“, sagte sie zu der Angeklagten.

Reue, ein weitgehendes Geständnis, psychische Probleme, die persönliche Notsituation – das alles habe zwar für die 41-Jährige gesprochen. Doch die negativen Punkte waren nach Ansicht des Gerichts zu stark. Die Verletzungen seien so gravierend gewesen, dass es an ein Wunder grenze, dass die Seniorin überlebt habe, sagte Woitas weiter. Die heute 95-Jährige habe früher in der Wohnanlage sehr selbstständig gelebt, sei in Folge der Tat aber zum Pflegefall geworden. Die Angeklagte habe zudem eine „hohe kriminelle Energie“ gezeigt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Verteidigung prüft noch, ob Revision eingelegt werden soll.

RND/dpa