Samstag , 26. September 2020
Wer jetzt nach Venedig reist, erlebt die Stadt so, wie sie einst war: Entschleunigt, melancholisch und wunderschön. Quelle: Anteo Marinoni/LaPresse/AP/dpa

Das stille Wunder von Venedig

Die Lagunenstadt erwacht nach langem Lockdown wieder zum Leben. Die ersten Touristen kehren zurück, es sind nur wenige bisher. Sie erleben ein Venedig, das leiser ist, melancholischer – und schöner als je zuvor.

Der Gondoliere Marco zeigt mit der Hand auf die Wasserfläche zwischen dem Dogenpalast und der Insel Giudecca. “Schauen Sie: Normalerweise ist das Becken von San Marco voller Schiffe, Wassertaxis, Gondeln – und jetzt ist es beinahe leer.”

Dann steuert er seine elf Meter lange Gondel geübt in den Canal Grande, auf dem ebenfalls so gut wie kein Betrieb herrscht.

Von den über 400 Gondolieri Venedigs arbeitet derzeit nur jeder Zweite – und diejenigen, die im Dienst sind, müssen in der Regel lange auf Kundschaft warten. “Verdienen tun wir derzeit wenig – aber wir sind froh, dass wir überhaupt wieder arbeiten können”, sagt der 55-Jährige.

Der Lockdown Anfang März, kurz vor Ende des Karnevals, hatte Venedig mit voller Wucht getroffen – doch nun kehrt in die “Serenissima”, die “Heitere”, wie die Lagunenstadt im Volksmund genannt wird, allmählich die Heiterkeit zurück.

Nach dem 3. Juni, als die Regierung von Giuseppe Conte das Reisen innerhalb der Landesgrenzen wieder erlaubte, durften die ersten italienischen Touristen wieder in die Stadt. Seit der weitgehenden Grenzöffnungen der EU-Länder am 15. Juni sind auch wieder die ersten ausländischen Gäste anzutreffen.

In den Gassen der Altstadt flanieren, meist mit Gesichtsmasken vor Mund und Nase, die ersten Besucher nach dem Lockdown. Die Stadt, deren Wirtschaft fast zu 100 Prozent vom Tourismus abhängig ist, schöpft vorsichtig Hoffnung.

Den Aperol gibt es jetzt billiger

“Es war beinahe surreal”, sagt der Gondoliere: “Wir saßen alle zu Hause, statt der Touristen watschelten Enten durch die Gassen.”

Zunächst hätten er und viele Kollegen Angst gehabt, sich angesteckt zu haben: Vor dem Lockdown habe man ja auch Chinesen durch die Kanäle gefahren. “Aber kein Einziger von uns ist krank geworden: Die Stadt ist praktisch ‘Covid-free’ geblieben.”

Zur Angst vor dem Virus gesellten sich finanzielle Sorgen: Während drei Monaten ist das Einkommen der Gondolieri auf null gesunken. Die staatliche Unterstützung war bescheiden: Die Gondolieri haben, wie die meisten Selbstständigen in Italien, den “Bonus” von 600 Euro erhalten. Um über die Runden zu kommen, mussten viele auf ihr Erspartes zurückgreifen. “Sollte eine zweite Ansteckungswelle kommen, würde uns das in die Knie zwingen”, befürchtet Marco.

Die gut halbstündige Fahrt in der Gondel von San Marco zur Rialto-Brücke, mit einigen Abstechern in die engen Seitenkanäle, kostet 60 statt der offiziellen 80 Euro. Zum Teil kräftige Preisnachlässe gibt es derzeit fast überall in Venedig: Den Aperol Spritz auf der Piazza San Marco, der normalerweise 15 oder mehr Euro kostet, gibt es derzeit für 5 Euro. Angesichts der nach wie vor sehr spärlichen Touristenzahl ist eine regelrechte Rabattschlacht im Gange: Viele Trattorien und Restaurants gewähren den Gästen ungefragt einen Rabatt in der Hoffnung, dass sie am nächsten Tag erneut erscheinen; Hotels und Bed-and-Breakfast-Betriebe haben ihre Preise um 30 bis 50 Prozent gesenkt. Selbst die Parkhäuser sind billiger als sonst.

Sich fühlen wie ein Einwohner

Venedig präsentiert sich derzeit in seiner ganzen Schönheit und Melancholie: Die Stadt mit 50.000 Einwohnern, in der in normalen Zeiten täglich 80.000 Touristen ankommen – zum Karneval sind es mitunter auch doppelt so viele –, erwacht gerade wieder zum Leben, ist aber nach wie vor relativ leer und beschaulich.

Auf den sonst überfüllten “Vaporetti”, den städtischen Passagierschiffen auf dem Canal Grande und in der Lagune, findet man problemlos einen Platz, obwohl wegen der Abstandsregelung jeder zweite Sitzplatz frei gehalten werden muss.

“Wer jetzt nach Venedig kommt, sieht die Stadt, wie sie einst gewesen war, wie auf einem romantischen Gemälde des Malers Canaletto: ohne Kreuzfahrtschiffe vor San Marco, ohne geführte Gruppen, ohne Overtourism”, sagt Lorenza Lain, Direktorin des Fünf-Sterne-Hotels Ca’ Sagredo am Canal Grande. Der Besucher könne die Stadt erleben, als wäre er ein Einwohner: “Il massimo della bellezza”, betont Lain: Das Maximum an Schönheit.

Die wirtschaftlichen Schäden des Lockdowns sind freilich enorm – und sie werden sich weiter summieren. Als Finanzverantwortliche von Venedigs Hotelverband kennt Lorenza Lain die Zahlen: In den Monaten März, April und Mai betrugen die Umsatzeinbußen der Hotels, aber auch der ebenfalls geschlossenen Gastronomiebetriebe 100 Prozent. “Und im Juni arbeiten diejenigen Betriebe, die inzwischen wieder geöffnet haben, mit Verlust.”

Dies werde wohl auch noch eine Weile so weitergehen: Die Gäste aus Übersee stellten mehr als 60 Prozent der Besucher Venedigs, und sie werden in diesem Jahr wohl weitgehend ausbleiben, weil die Leute Angst davor hätten, sich im Flugzeug mit dem Coronavirus anzustecken. “Im Vergleich zu einem normalen Jahr wird der Umsatzverlust bis Ende 2020 durchschnittlich 80 Prozent betragen”, schätzt Lain.

Von den rund 450 Hotelbetrieben, die an Venedigs Hotelverband angeschlossen sind, sind derzeit erst 120 wieder offen. Das prächtige Ca’ Sagredo, das einzige Hotel Italiens, das als “Monumento Nazionale” eingestuft ist, öffnet offiziell erst am 1. Juli. Um die Verluste so gering wie möglich zu halten, braucht ein Betrieb eine gewisse Auslastung – zumal die Hygieneprotokolle zu einer massiven Kostensteigerung geführt hätten. Weil die Zimmer nach jedem Gebrauch aufwendig desinfiziert werden müssen, dauern Reinigung und Bereitstellung nun statt 40 Minuten deutlich über eine Stunde. Hinzu kommen Kosten für Schulung des Personals, für Desinfektionsgel, für Masken. “Wir wären schon froh, wenn wir bis Ende 2020 zumindest keinen Verlust schreiben”, betont Lorenza Lain.

Auch die Läden und Boutiquen auf der weltberühmten Rialto-Brücke über den Canal Grande sind zum Teil noch geschlossen. Der Krawattenverkäufer Olivo hat seinen Laden aber bereits am 1. Juni geöffnet, weil er – im Unterschied etwa zu den Souvenirverkäufern – nicht ausschließlich von den Touristen lebt, sondern auch Venezianer zu seinen Kunden zählen kann.

“Wir haben aufgemacht, um zu sehen, ob es funktioniert”, sagt Olivo. Mit den Grenzöffnungen in der EU beginne sich nun langsam etwas zu bewegen, aber “piano, piano”, sehr langsam, sagt Olivo. Von dem, was er derzeit verkaufe, könne er nicht leben und schon gar nicht die teure Miete von 4000 Euro monatlich bezahlen. “Aber es ist immer noch besser, als zu Hause herumzusitzen.”

Olivo verkauft Seidenkrawatten und Foulards, die er in Como und Neapel einkauft, dazu Spazierstöcke und einige Lederartikel. “Alles ist ‘made in Italy’ und von hoher Qualität – nicht Lumpenware aus China, wie sie an allen Straßenecken Venedigs verkauft wird”, betont Olivo. Er hoffe, dass angesichts der Krise das Bewusstsein zumindest der italienischen Touristen dafür geschärft werde, wieder vermehrt einheimische Produkte zu kaufen. “Damit bleibt das Geld im Land, und es wäre allen geholfen.” Es sei schon bitter, wenn man von neun Uhr morgens bis 19 Uhr abends im Laden stehe, praktisch nichts verkaufe – und zusehen müsse, wie mit den chinesischen Billigkrawatten das große Geschäft gemacht werde.

Der “tabacchaio”, der Tabakwarenverkäufer, Alessandro war einer der wenigen Ladeninhaber, die ihr Geschäft während des Lockdowns nicht schließen mussten: Sein Sortiment zählte zum Grundbedarf. Alessandros Laden befindet sich an der Strada Nuova bei Ca’ d’Oro, eine für venezianische Verhältnisse relativ breite Straße, die auch von Einheimischen frequentiert wird. Das half ihm, die Einbußen in Grenzen zu halten: “Ich habe während des Lockdowns 60 Prozent weniger Zigaretten verkauft – meine Kollegen an der Piazza San Marco mussten Verluste von 90 Prozent verkraften.”

Zuerst kam das Hochwasser, dann das Virus

Die Situation sei “dramatisch” gewesen, betont Alessandro und erinnert daran, dass Venedig in den vergangenen Monaten gleich doppelt gebeutelt wurde: Vier Monate vor dem Lockdown, am 13. November 2019, erlebte die Lagunenstadt das zweitgrößte Hochwasser ihrer Geschichte, mit einem Pegelstand von 1,87 Metern über Normalstand. Obwohl die Strada Nuova leicht erhöht liegt, stand auch Alessandros “tabaccheria” 40 Zentimeter tief unter Wasser: Der Kühlschrank für die Getränke wurde zerstört. “Der Schaden betrug 2000 Euro – aber andere Geschäfte hatten noch deutlich mehr Pech.”

“Es war schon brutal”, betont Rocco, Küchenchef im Ristorante Acqua Pazza am Campo Sant’Angelo. “Erst mussten wir wegen der Hochwasserschäden den Betrieb für mehrere Tage schließen – und dann kam der dreimonatige Lockdown wegen des Coronavirus.” Wie die meisten derzeit offenen Trattorien sind auch im Acqua Pazza die meisten Plätze frei – aber an diesem lauen Frühsommerabend hat sich immerhin eine zwölfköpfige Gruppe von Einheimischen eingefunden, die einen Geburtstag feiern.

Doch die meisten seiner normalerweise zehn Angestellten befänden sich noch in Kurzarbeit – sie bekämen vom Staat weniger als die Hälfte ihres Lohnausfalls ersetzt. Der aus Amalfi stammende Rocco hofft, dass es nun dank den geöffneten Grenzen bald etwas besser wird – “wenn nicht, dann werden viele von uns wegen der hohen Mieten pleite gehen”.

Das Hochwasser sei zwar rekordverdächtig gewesen, aber es sei medial auch aufgebauscht worden, findet dagegen Lorenza Lain: Bei den Berichterstattungen hätte man den Eindruck gewinnen können, Hurrikan “Katrina” sei über Venedig hinweggefegt. Die Venezianer seien aber Hochwasser seit Jahrhunderten gewöhnt und dafür gewappnet. Und das “Acqua Alta” verschwinde jeweils nach einem oder zwei Tagen wieder, das sei auch im November nicht anders gewesen. “Auch bei uns im Ca’ Sagredo stand das Wasser 60 Zentimeter tief. Als es am nächsten Tag abgeflossen war, räumten wir auf, und am Tag danach haben wir das Hotel wieder eröffnet.”

Die Medien hätten das Bild einer völlig überschwemmten und verwüsteten Stadt vermittelt, das Bild einer Katastrophe. “Das war es nicht”, betont die Hoteldirektorin. “Die Flut steigt, am nächsten Tag sinkt sie wieder.”

Die Venezianer seien hart im Nehmen, hätten das Rekordhochwasser gemeistert. “Wir werden auch die aktuelle Krise meistern”, glaubt Lorenza Lain. Die Stadt freut sich bereits auf die Festa del Redentore, das Fest des Erlösers, vom 18. Juli, bei dem in Venedig traditionsgemäß jedes Jahr an das Ende des verheerenden Pestzugs von 1575 bis 1577 erinnert wird. Das Fest soll den Neustart nach der Corona-Epidemie signalisieren – “und wird in diesem Jahr natürlich eine besondere symbolische Bedeutung haben”, betont Lorenza Lain.

Im nächsten Jahr wird Venedig dann mit zahlreichen kulturellen Anlässen die Gründung der Stadt vor 1600 Jahren feiern – spätestens dann soll in der Lagune definitiv wieder die Normalität einkehren.

RND

Von Dominik Straub/RND