Montag , 21. September 2020
"Venedig ist sicher – und schöner denn je": Der Tourismus in der Lagunenstadt läuft erst langsam wieder an. Quelle: imago images/Camera4

Venedigs Stadtrat: “Wir erwarten, dass man der Stadt Respekt entgegenbringt”

Hochwasser und der Corona-Lockdown haben Venedig in jüngster Vergangenheit zugesetzt. Die Zwangspause sei eine Chance für Venedig, meint Stadtrat Simone Venturini – doch auch Touristen hätten eine Verantwortung.

Venedig. Die Zwangspause sei eine Chance für Venedig, meint Stadtrat Simone Venturini – doch auch Touristen hätten eine Verantwortung, sagt er im Interview mit dem RND.

Stadtrat Venturini, wie ist die Situation heute in Venedig? Kann man sich die Stadt wieder ohne Risiko ansehen?

Venedig ist sicher – und schöner denn je. Wir hatten die Epidemie immer unter Kontrolle, es gab nur ganz wenige Infizierte in der Stadt. Wer heute Venedig besucht, erlebt die Stadt auf eine Art, wie man sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hat – und wie man sie in den nächsten Jahren wahrscheinlich nie mehr sehen wird. Man erlebt Venedig in einem anderen Kleid, freier und ohne Massentourismus. Die Pause hat dem Körper und dem Geist der Stadt gutgetan.

Wie haben Sie den Lockdown erlebt, als Venedig wie ausgestorben wirkte?

Es war ein Schock. Auf der einen Seite zeigte sich, wie gesagt, die ganze romantische Schönheit Venedigs: Es war die “grande bellezza”, aber gleichzeitig die “grande malinconia”, die große Wehmut. Die Bilder des leeren Markusplatzes erinnerten daran, dass Venedig eine Stadt ist, die von Menschen lebt, nicht nur von Baumonumenten. Venedig ist ein Weltkulturerbe, das von seinen Bewohnern und von den ausländischen Gästen geliebt werden will. Es so leer und ohne Menschen zu sehen, tat weh.

Was für Folgen wird der Lockdown in wirtschaftlicher Hinsicht haben?

Definitive Zahlen haben wir noch nicht, aber allein bei den Hotels und Restaurants reden wir von Einbußen in Höhe von Hunderten Millionen Euro. Die nächsten Monate werden von einer langsamen Erholung geprägt sein, aber wir machen uns keine Illusionen: Auch wenn nun wieder die ersten Gäste da sind, wird die Tourismusbranche auf das ganze Jahr gesehen Einbußen von 60 bis 80 Prozent verkraften müssen.

Was erwarten Sie für die nächsten Monate?

Wir sind bereit für den Neuanfang. Wir gehen davon aus, dass die allermeisten Hotels, Bed and Breakfast und auch die meisten Restaurants und Trattorien in den nächsten Wochen und Monaten wieder öffnen werden. Etliche Hoteliers warten derzeit noch mit der Wiedereröffnung, um zu sehen, wie viele Touristen in diesem Sommer tatsächlich kommen werden. Wir sind aber überzeugt, dass Venedig wieder zur Normalität zurückkehren wird.

Gab es auch Venezianer, die sich darüber freuten, ihre Stadt wieder einmal ganz für sich allein zu haben?

Natürlich haben viele die Stille genossen, das klare Wasser in den Kanälen, das Zirpen der Zikaden, das man sonst kaum noch hört. Aber während des Lockdowns waren wir ja praktisch in unseren Häusern eingeschlossen: Die Venezianer konnten sich ihre Stadt deshalb nicht in aller Ruhe wieder einmal ansehen gehen und sie frei von Touristenmassen genießen. Ich habe während des Lockdowns sehr viele besorgte Venezianer erlebt – vor allem wegen der wirtschaftlichen Situation.

Venedig ohne Massentourismus auch in Zukunft – hätte das nicht auch einen großen Reiz?

Die Zwangspause wegen der Epidemie könnte in der Tat eine Chance sein. Sie erlaubt es uns nun, den Touristen zu sagen: Kommt uns wieder besuchen, wir freuen uns auf euch. Aber wir erwarten auch, dass man der Stadt Respekt entgegenbringt. Es gab in der Vergangenheit immer wieder unschöne Szenen von Touristen, die nackt in den Canal Grande sprangen, auf den Treppen der berühmten Bauwerke Picknick machten und haufenweise Müll zurückließen. Die Stadt ist fragil, solche Szenen möchten wir nicht mehr sehen.

Der Massentourismus ist aber nicht nur eine Frage von Respekt und Anstand, sondern vor allem auch von der Zahl der Touristen.

Es ist unbestreitbar, dass Venedig als fragile Stadt ein Problem mit dem Massentourismus hat – wie auch Florenz, Rom und andere Kulturstädte in Italien und im Ausland. Auf der anderen Seite erlauben uns die Einnahmen aus dem Tourismus, den Unterhalt der Stadt sicherzustellen, der in Venedig aus vielen Gründen sehr teuer ist. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Stadtreinigung in Venedig erfolgt noch von Hand mit dem Besen, weil in der Stadt außer den Schiffen in den Kanälen keine Motorfahrzeuge zirkulieren können.

Eine zahlenmäßige Beschränkung ist kein vordringliches Anliegen des Stadtrats?

Wir haben in den vergangenen Jahren verschiedene Maßnahmen getroffen, um den Massentourismus in geordnete Bahnen zu lenken. Zum Beispiel haben wir angeordnet, dass nicht jedes neue Restaurant automatisch die ganze Piazza mit Tischen und Stühlen besetzen kann. Weiter haben wir die massenhafte Eröffnung von Airbnb-Gästezimmern gestoppt, die zur Abwanderung der Einheimischen auf das Festland geführt hat.

Viel gefruchtet hat die Beschränkung von Airbnb aber nicht.

Das Problem ist, dass die italienischen Gemeinden den Wildwuchs nicht allein stoppen können, weil ein entsprechendes staatliches Gesetz fehlt. Alle sagen, sie seien einverstanden mit der Bekämpfung des Massentourismus, aber wenn es dann darum geht, ein Gesetz zu machen, dann passiert nichts. Der Lockdown wäre eine gute Gelegenheit gewesen, durch neue staatliche Gesetze mit einigen Schwachstellen des Tourismus aufzuräumen. Aber leider scheint es so, dass auch diese Gelegenheit wieder verpasst wird.

Was wurde eigentlich aus den Plänen mit dem berühmten “Eintrittsticket” von 3 bis 10 Euro, mit dem Venedig den Massentourismus eindämmen wollte?

In diesem Jahr hätte das keinen Sinn, das Problem des Massentourismus wird sich ja nicht stellen. Aber wir sind bereit, im nächsten Jahr damit zu beginnen. Das Ticket hat ein doppeltes Ziel: Zum einen soll der Tagestourist, der nicht übernachtet und damit auch keine Kurtaxe bezahlt, ebenfalls einen Beitrag an Aufwendungen für den Unterhalt, die Sicherheit und die Reinigung der Stadt leisten. Das zweite Ziel ist die Botschaft an die Touristen, dass sie sich doch für Venedig zwei oder drei Tage reservieren sollten. Venedig lernt man nicht in ein paar Stunden kennen. Solche Besuche sind eine vergebene Chance. Wer sich ein wenig mehr Zeit nimmt, sieht nicht nur San Marco und die Rialtobrücke, sondern auch die vielen verträumten Plätze, die Museen, die anderen Inseln, die Lagune … Jeder Stein in Venedig erzählt dem Besucher eine andere Geschichte.

Ein ewiger Missstand sind die Kreuzfahrtschiffe, die vor der Piazza San Marco vorfahren.

Wir sind uns alle einig, dass diese Riesenschiffe nicht mehr vor San Marco auftauchen sollen, aber auch hier warten wir auf einen Entscheid aus Rom. Wir haben der nationalen Regierung ein Konzept unterbreitet, das einen alternativen Zugang der großen Schiffe nach Venedig erlaubt. Die Kreuzfahrtschiffe könnten die Route der Containerschiffe durch die Lagune nehmen. Diese Lösung hat die Regierung seit fünf Jahren auf ihrem Tisch. Aber in diesen fünf Jahren haben wir vier verschiedene Regierungen gesehen, und keine wollte in der Sache einen Entscheid fällen.

Und wie lange muss man noch auf die Inbetriebnahme des milliardenteuren Hochwasserschutzprojekts Mose warten?

Auch hier hat die Regierung in Rom die Federführung. Immerhin hatte das Hochwasser vom vergangenen November die Fragilität Venedigs in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit gerückt, und auch die Regierung hat sich für das Projekt wieder zu interessieren begonnen. Deshalb hoffen wir, dass Mose noch bis Ende dieses Jahres oder in den ersten Monaten des nächsten Jahres betriebsbereit sein wird. Damit wäre Venedig von den wiederkehrenden Hochwassern geschützt – vorausgesetzt, dass die fortschreitende Klimaerwärmung und das Ansteigen des Meeresspiegels gestoppt wird.

Von Dominik Straub/RND