Dienstag , 22. September 2020
Lebensmittel stehen vor einem abgesperrten Haus, in dem Tönnies-Mitarbeiter in Quarantäne sind. Quelle: imago images/Noah Wedel

Wohnbedingungen der Tönnies-Arbeiter: “Menschen wie Sklaven gehalten”

Durch den Corona-Ausbruch bei Tönnies schlägt die Kritik an Arbeits- und Wohnbedingungen für Werksarbeiter des Fleischunternehmens plötzlich hohe Wellen. Aktivistin Inge Bultschnieder setzt sich schon seit Jahren für Veränderungen ein – und berichtet von katastrophalen Zuständen.

Rheda-Wiedenbrück. Die Kritik am Fleischunternehmen Tönnies reißt auch nach Tagen nicht ab. Mittlerweile sind mehr als 1500 Werksarbeiter mit dem Coronavirus infiziert, nun rücken die Arbeitsumstände und auch die Wohnbedingungen der größtenteils aus Osteuropa stammenden Arbeitskräfte in den Fokus. Seit 2012 setzt sich Inge Bultschnieder für bessere Arbeits- und Wohnbedingungen von Tönnies-Werksarbeitern aus Bulgarien, Rumänien, Polen, Mazedonien und anderen Ländern ein. Nun, wo die Thematik durch den Corona-Ausbruch in dem Fleischereiunternehmen in den Fokus rückt, hofft die 48-Jährige, dass sich endlich etwas verändert. “Wenn sich jetzt nichts ändert, wird nie etwas passieren”, sagt sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Auf die großen Missstände aufmerksam geworden ist sie demnach durch Zufall. Sie lag 2012 im Krankenhaus, neben ihr eine Werksvertragsarbeiterin aus Rumänien, wie sie erzählt. “Die Frau arbeitete bei Tönnies, war abgemagert, eindeutig erschöpft und hatte Angst. Sie hat die ganze Nacht erzählt und geweint. Ich habe ihr meine Hilfe zugesagt”, erzählt Bultschnieder. So nahm ihr Engagement seinen Anfang.

Aktivistin begleitet Werksarbeiterin zur Arbeit und in ihre Unterkunft

Sie habe die Frau zur Arbeit begleitet und in ihrer Unterkunft getroffen. “Das war so schrecklich da, dass ich beim Fernsehen angerufen habe”, sagt sie. Die Frau habe 12 Stunden am Stück arbeiten müssen, keine Krankenversicherungskarte gehabt – und sei schließlich erneut im Werk zusammengebrochen und ins Krankenhaus gekommen. Auf ihren Rat hin, dort erstmal zu bleiben und sich gründlich untersuchen zu lassen, habe die rumänische Werksarbeiterin ihre Sorge geäußert, dann gefeuert zu werden. Und so kam es laut Bultschnieder dann auch: “Sie hat dann mehrere Monate bei mir im Haus gelebt.”

Die Aktivistin wies die Stadt Rheda-Wiedenbrück und die Presse auf die Missstände hin und organisierte Demonstrationen. Außerdem gründete sie die Bürgerinitiative IG WerkFAIRträge. “Wir wollten die Bevölkerung wachrütteln”, so Bultschnieder. Doch sie nennt das Engagement einen “Kampf gegen Windmühlen”: “Tönnies hat es sehr gewieft angestellt, es so darzustellen, als wäre alles auf einem guten Wege”, meint sie. Die Aktivisten und die Bürgerinitiative seien von dem Riesenkonzern in die “Krawallmacher-Ecke” geschoben werden.

Doch abhalten lassen haben sich die Aktivisten dadurch nicht von ihrem Engagement – auch wenn sich offenbar bisher nicht viel geändert hat. “Bisher waren alles leere Worte, es wird Zeit, dass Taten folgen, und die müssen streng überwacht werden”, sagt Bultschnieder dazu, dass die Firma nun unter dem gegenwärtigen Druck bekanntgegeben hat, Werkverträge “in allen Kernbereichen der Fleischgewinnung” bis Ende 2020 abschaffen und angemessenen Wohnraum für die Beschäftigten schaffen zu wollen. “Es kann nicht sein, dass Menschen im Jahr 2020 in Deutschland wie Sklaven gehalten werden.”

Katastrophale Wohnbedingungen seit Jahren

An den Wohnbedingungen habe sich kaum etwas geändert seit ihrem Engagement. “Die Unterkünfte werden zurzeit zum Teil bei Nacht und Nebel geräumt”, berichtet Bultschnieder. Sie vermutet, dass die dort lebenden Werksarbeiter zum Teil selbst geflüchtet sind, vor allem aber von Subunternehmen dort weggeholt worden sein könnten, “um sie woanders einzusetzen”. “Auch privaten Vermietern geht jetzt die Düse, die haben sich über Jahre daran bereichert.”

Sie habe sich gerade zuletzt wieder eine geräumte Unterkunft angesehen – “da wurden Menschen gerade erst rausgeholt, die Betten waren noch frisch bezogen”. Über die Zustände dort sagt sie: “Da kann man ohne Maske nicht rein, so verschimmelt ist es.” Neu sei das Phänomen nicht: “Das sind die selben Häuser, vor denen wir schon vor Jahren Mahnwachen gehalten haben.”

Aktuell arbeitet Bultschnieder mit ihrer Bürgerinitiative und unter anderem mit dem Projekt “Faire Mobilität” an einem Solidaritätsaufruf für die Werksarbeiter in Quarantäne. “Wir rufen die Bürger auf, Pakete mit haltbaren Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Spielzeugen zu packen”, erzählt sie. Die sollten dann mithilfe von Dolmetschern an die Arbeiter und ihre Familien verteilt werden. “An einigen Stellen soll die AfD schon an den Zäunen stehen. Die Werksarbeiter sollen wissen, dass wir sie unterstützen und solidarisch sind.”

Von Hannah Scheiwe/RND