Dienstag , 20. Oktober 2020
Ort des Grauens: Auf dem Campingplatz Eichwald in der inzwischen eingezäunten Parzelle des mutmaßlichen Täters steht der versiegelte Campingwagen. Hier hatte es über viele Jahre hundertfach sexuelle Gewalt gegen zahlreiche Kinder gegeben. Quelle: Guido Kirchner/dpa

Fall Lügde: Landrat von Lippe nimmt Jugendamt in Schutz

Wieso liefen Hinweise auf die Missbrauchstäter von Lügde lange ins Leere? Der Landrat des Kreises Lippe sieht die schwerstwiegenden Versäumnisse in Niedersachsen. Nicht alle Hinweise seien aber so klar gewesen, wie es heute scheint.

Düsseldorf. Der Landrat des Kreises Lippe, Axel Lehmann (SPD), hat im Missbrauchskomplex Lügde das Kreisjugendamt in Schutz genommen. Von elf Ermittlungsverfahren gegen Behördenmitarbeiter habe sich nur eines gegen eine Mitarbeiterin des Jugendamtes des Kreises Lippe gerichtet. Dieses sei eingestellt worden, weil sich keine Hinweise auf Pflichtverletzungen ergeben hätten, sagte Lehmann dem Untersuchungsausschuss des Landtags in Düsseldorf am Montag. Es gebe nicht einmal Anlass für arbeitsrechtliche Konsequenzen.

Akten sauber geführt, Fall gut dokumentiert

Die Akten seien sauber geführt und der Fall gut dokumentiert gewesen. Die Mitarbeiterin habe mehr veranlasst als gesetzlich vorgegeben gewesen sei. Zwar sei der Kreis Lippe zuständig gewesen für Hinweise auf Kindeswohlgefährdung, aber das fallführende niedersächsische Jugendamt Hameln-Pyrmont habe auf Anfrage mitgeteilt, den Hinweisen sei bereits nachgegangen worden. Es habe sich nichts gefunden.

Die Entscheidung, den inzwischen verurteilten Andreas V. als Betreuer eines Pflegekindes einzusetzen, obwohl dieser auf einem Campingplatz lebte, sei in Niedersachsen getroffen worden, dort sei der Fall des Pflegekindes verantwortlich betreut worden.

Es gab keine Hinweise auf Missbrauch

Dennoch sei man Hinweisen etwa auf eine schlechte Wohnsituation des Pflegekindes mit mehreren Hausbesuchen nachgegangen und habe eine Besserung durchgesetzt. Hinweise auf Missbrauch seien auch dabei keine entdeckt worden.

Die Hinweise, die heute nachträglich als Hinweise auf sexuellen Kindesmissbrauch interpretiert würden, seien damals – ohne Missbrauchsverdacht – nicht so eindeutig gewesen. „“Für Süßigkeiten tut er alles“ – hätten meine Eltern vielleicht auch über mich gesagt“, sagte Lehmann.

Die ungeheuerliche Bedeutung, die solchen Sätzen mit dem Wissen von heute zugemessen werde, habe man ihnen damals noch nicht zumessen können.

Geringste Polizeidichte in Nordrhein-Westfalen

Lehmann räumte aber „eklatante Fehlleistungen“ einzelner Polizisten ein und nannte das Verschwinden von Asservaten. Die Kreispolizeibehörde Lippe habe allerdings zuvor 13 Prozent ihrer Stellen eingebüßt. „Lippe hat die geringste Polizeidichte in NRW“, sagte Lehmann. Er habe mehrmals bei den Innenministern Ralf Jäger (SPD) und Herbert Reul (CDU) mehr Personal angemahnt.

Als er Landrat geworden sei, seien zudem mehrere Führungsstellen der Polizei unbesetzt gewesen. Trotz der schlechten Personalausstattung habe man die höchste Aufklärungsquote in NRW vorweisen können.

Hundertfacher Missbrauch auf dem Campingplatz

Der Untersuchungsausschuss durchleuchtet seit September 2019, inwieweit Fehleinschätzungen oder Versäumnisse von Regierungsstellen oder Behörden den Missbrauch auf einem Campingplatz im lippischen Lügde begünstigt haben. Dort hatte es über viele Jahre hundertfach sexuelle Gewalt gegen zahlreiche Kinder gegeben. Das Landgericht Detmold hatte im Herbst 2019 langjährige Freiheitsstrafen und Sicherungsverwahrung gegen die Haupttäter verhängt.

Die SPD-Fraktion will beantragen, den Untersuchungsausschuss „Kindesmissbrauch“ um den jüngsten, in Münster aufgedeckten Komplex zu erweitern. Das bestätigte ein Sprecher der SPD-Fraktion am Montag. Es gebe Parallelen. Die Entscheidung darüber muss der Landtag treffen. Die „Westfälischen Nachrichten“ hatten zuerst berichtet.

RND/dpa