Dienstag , 29. September 2020
Nordrhein-Westfalen, Rheda-Wiedenbrück: Clemens Tönnies, geschäftsführender Gesellschafter bei Deutschlands größtem Schlachtbetrieb Tönnies, trägt bei einer Pressekonferenz bei Tönnies eine Schutzmaske. (Archivbild) Quelle: David Inderlied/dpa

Viele Infizierte, null Vertrauen: Clemens Tönnies zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Deutschland schaut auf einen Schlachtbetrieb – den größten des Landes. Der Corona-Ausbruch im Unternehmen Tönnies fördert bekannte Missstände und einen alten Familienkonflikt zutage. Die Krise verdeutlicht: Anspruch und Wirklichkeit bei Tönnies driften auseinander.

Gesunde und genussvolle Ernährung. Nachhaltige Tierhaltung. Verantwortungsvolle Produktion. Diesen Anspruch stellt die Tönnies-Unternehmensgruppe mit Hauptsitz im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück offiziell an sich selbst. Es sind Leitsätze eines Unternehmens, die unter jetzigen Gesichtspunkten seltsam anmuten. Die Wirklichkeit zeichnet ein anderes Unternehmensbild. Denn Tönnies ist mit 7 Milliarden Euro Umsatz nicht nur das größte Schlachthof-Unternehmen Deutschlands, sondern auch der aktuelle Corona-Hotspot der Nation. Mittlerweile wurden mehr als 1000 Mitarbeiter positiv auf Corona getestet. Rund 6500 befinden sich in Quarantäne. Die Hauptniederlassung wird mindestens 14 Tage dicht gemacht.

“Dafür möchte ich mich in aller Form entschuldigen”, sagt der sichtlich angeschlagene Unternehmenschef Clemens Tönnies bei einer Pressekonferenz am Samstag. Personell bleibe vorerst jedoch alles beim Alten, auch er behalte sein Amt. Seine Mitarbeiter könne Tönnies jetzt “nicht im Stich lassen”. “Ich mach’ mich nicht aus dem Staub.” Er wolle an “vorderster Front” weiterkämpfen. Sein Versprechen: So werde man nicht weitermachen. “Wir werden diese Branche verändern.”

Seit Bekanntwerden des Corona-Ausbruchs mehren sich jedoch die Vorwürfe gegen den Schlachthof-Giganten und die Konzernführung, eifrig wird nach Schuldigen für eine derart dramatische Virusverbreitung gesucht. Lag es an schlechten Arbeitsbedingungen, an der Kälte im Schlachtbetrieb oder doch an kurzen Heimaturlauben von Mitarbeitern aus dem Ostblock? Eine wirkliche Antwort konnte noch keine beteiligte Partei liefern. Schlussendlich wird sie wohl aus einer Kombination der aufgeworfenen Fragen bestehen.

Gütersloh-Krisenstab: “Haben null Vertrauen in Tönnies”

Ein Umstand scheint allerdings bereits geklärt: Das Verhältnis zwischen dem Kreis Gütersloh und der Firma Tönnies ist offenkundig zerrüttet. “Das Vertrauen, das wir in die Firma Tönnies setzen, ist gleich null. Das muss ich so deutlich sagen”, sagte der Leiter des Krisenstabes, Thomas Kuhlbusch, am Samstag. Und: “Wir haben gestern eine Adressliste von der Firma bekommen, da haben bei 30 Prozent der Mitarbeiter die Adressen gefehlt.” Daraufhin seien die Behörden am Freitagabend in die Konzernzentrale gegangen. Jetzt liegen 1300 Adressen von Wohnungen allein für den Kreis Gütersloh vor, wie der CDU-Politiker sagte.

Auf die Vorwürfe des Krisenstabs reagierte Tönnies kurz und knapp: “Das trifft mich besonders hart.” Die fehlenden Adressen seien auf Datenschutzbestimmungen zurückzuführen. Viele Mitarbeiter seien nicht direkt bei Tönnies angestellt, die Agenturen hätten bei der Herausgabe geblockt. “Wir leben in einer Pandemie. Datenschutz muss hinten anstehen”, forderte Clemens Tönnies. Hier sei man einfach limitiert gewesen. Nachfragen dazu wurden nicht mehr zugelassen.

Arbeitsbedingungen im Fokus

Die Unternehmenskrise rückt die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Tönnies und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet hatten in einer ersten Reaktion den Ausbruch zunächst auf die Herkunftsländer der Mitarbeiter zurückgeführt. “Rumänen und Bulgaren” hätten das Virus eingeschleppt. Matthias Brümmer von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Oldenburg spricht gegenüber der “Tagesschau” von einer bewussten Schuldverschiebung: “Die Mitarbeiter bei Tönnies bekommen meist Mindestlohn. Das dürften, bei normaler Arbeitszeit, nicht mehr als 1700 Euro brutto im Monat sein. Niemand wird sich da einen kurzen Wochenendtrip in die Heimat leisten können”, so Brümmer.

Die katholische Kirche hat im Zusammenhang mit den Corona-Ausbrüchen in mehreren Fleischbetrieben “Ausbeutung und sklavereiähnliche Praktiken” angeprangert. Migranten aus Osteuropa würden mitten in Deutschland “als billige Arbeitskräfte missbraucht und in menschenunwürdigen Behausungen untergebracht”, erklärte der Vorsitzende der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz und Vorsitzende der Arbeitsgruppe Menschenhandel, Weihbischof Ansgar Puff (Köln). “Die ausbeuterischen Beschäftigungsverhältnisse in der Fleischindustrie sind ein Skandal.”

Spaltung innerhalb der Familie Tönnies

Und auch innerhalb der Familie Tönnies scheint ein jahrelanger Konflikt über die Ausrichtung des Unternehmens wieder aufzuflammen. Robert Tönnies forderte seinen Onkel Clemens Tönnies in einem persönlichen Brief vom 19. Juni auf, den Weg frei zu machen. Dessen Sohn Max Tönnies solle die Arbeit in der Geschäftsführung übernehmen. Er fordert den sofortigen Rücktritt der gesamten Geschäftsführung.

“Die Führung des Unternehmens muss so schnell wie möglich einem erfahrenen und verantwortungsbewussten Krisenmanagement übertragen werden”, zitiert das “Manager Magazin” aus dem Brief. Robert Tönnies hält wie sein Onkel Clemens die Hälfte an dem Unternehmen.

Robert Tönnies kritisiert zudem die angebliche Weigerung seines Onkels, mehr Geld für einen besseren Umgang mit den Schlachttieren auszugeben und Werkverträge abzuschaffen. Das Personal wird in Schlachthöfen meist über Arbeitsvermittler aus Osteuropa angeworben. Die Mitarbeiter wohnen oft auf engstem Raum in Wohnheimen – suboptimale Bedingungen während einer Pandemie. “Die neuen Unternehmensleitsätze von 2017, die die Abschaffung der Werkverträge vorsehen, meine diversen Vorstoße dazu, wurden von Geschäftsführung und Beirat stets ignoriert und abgeblockt”, behauptet Robert Tönnies in dem Brief.

Daraus resultierende Risiken seien jedoch stets bestritten worden. Clemens Tönnies betonte am Samstag: “Wir haben geglaubt, alles richtig zu machen.”

 

 

 

 

 

 

 

Von Alexander Krenn/RND