Dienstag , 22. September 2020
45 Personen werden wegen der Krätze medizinisch betreut. (Symbolbild)

Flüchtlingsunterkunft in Frankfurt: 45 Menschen haben Krätze

Vor rund einer Woche protestierten Bewohner eines Flüchtlingheims in Frankfurt gegen die miesen hygienischen Bedingungen. Inzwischen wurden in der Einrichtungen 45 Fälle von Krätze gemeldet. Die Corona-Krise hatte dazu geführt, dass die Menschen sehr viel Zeit auf sehr engem Raum verbrachten.

Frankfurt a.M.. Das Gesundheitsdezernat der Stadt Frankfurt am Main hat 45 Fälle von Krätze in einer Flüchtlingsunterkunft im Stadtteil Bonames festgestellt. Elf Familien seien betroffen, sagte die Sprecherin Kirsten Gerstner am Freitag. Alle Erkrankten würden ärztlich betreut. Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) forderte in einer Pressemitteilung das Diakonische Werk für Frankfurt und Offenbach als Betreiber auf, personelle Konsequenzen zu ziehen. Es sei nicht hinnehmbar, dass das Ausmaß und das Risiko der Verbreitung der Krankheit nicht erkannt und die Fälle nicht an das Gesundheitsamt gemeldet wurden.

Das Sozialdezernat der Stadt sei schockiert, sagte Sprecherin Manuela Skotnik. Die Behörde sehe hier ein Versäumnis der Hausleitung. Nicht nur Bewohner berichteten von einem gestörten Vertrauensverhältnis zu Mitarbeitern, auch das Sozialdezernat habe das Vertrauen in Teile der Mitarbeiterschaft verloren, ließ Birkenfeld verlauten. Hier sei ein gravierender Fehler passiert, sagte die Arbeitsbereichsleiterin Flucht und Unterkunft des Diakonischen Werks, Sabine Kalinock. Die Leitung der Unterkunft werde neu besetzt. Auch bei einem weiteren der rund 30 Mitarbeiter stehe ein Wechsel im Raum.

Kita, Schul-Unterricht und Deutschkurse fielen in der Corona-Krise aus

Die Corona-Krise habe dazu geführt, dass Kinder nicht mehr in die Kita und die Schule gegangen seien und Deutschkurse für Erwachsene nicht mehr stattgefunden hätten, erläuterte Kalinock. Die räumliche Enge der Familien, die mit manchmal vier bis sechs Kindern in 56-Quadratmeter-Wohnungen mit einem Wohn-Ess-Bereich und zwei Zimmern lebten, habe die Ansteckung der Krätze begünstigt. Der Mitarbeiterschaft sei nicht klar gewesen, ob die für Sammelunterkünfte vorgeschriebene Meldepflicht hier gilt. Die für 336 Personen ausgelegte Unterkunft sei derzeit mit 333 Personen, davon 189 Minderjährige, belegt.

Von der Krätze abgesehen haben sich schon in den vergangenen Tagen und Wochen Konflikte wegen der mangelhaften Ausstattung und räumlichen Enge der 2016 als Provisorium errichteten Unterkunft hochgeschaukelt. Bewohner hätten Mitarbeiter als Ungläubige oder Verräter beschimpft, ein Zivildienstleistender sei gegen die Wand gedrückt worden, Frauen hätten Mitarbeiterinnen gedroht, sie hätten die Gewalt ihrer Männer noch nicht gespürt, und mehrere Männer hätten den Hausleiter angebrüllt, sie würden ihn umbringen, berichtete Kalinock.

Mitarbeiter berichten von Gewalt und Aggression unter den Bewohnern

Der Streit sei kulminiert, als Anfang vergangener Woche die Hausleitung auf Anweisung der Stadt die Benutzung von knapp 30 Herden verbot. Die in einem Naturschutzgebiet ursprünglich für die Dauer von nur drei Jahren errichtete Unterkunft werde nur unzureichend mit Strom versorgt. Jede Wohnung sei daher nur mit zwei Kochplatten ausgestattet. Etliche Familien, von denen manche inzwischen bis zu sechs Kinder hätten, hätten sich deshalb zusätzliche Koch- und Backmöglichkeiten besorgt. Dies habe die Stadt wegen der Brandgefahr aber verboten.

Dazu kommen eine Reihe weiterer Mängel, wie Manuela Skotnik vom Sozialdezernat berichtet. So sei die Warmwasserversorgung unzureichend, trotz einer Modernisierung der Boiler funktioniere die Hälfte noch nicht richtig. Ein Konstruktionsfehler der Dächer führe dazu, dass Regenwasser in die Gebäude laufe. Das WLAN sei überlastet und setze immer wieder aus. Die Diakonie habe die Mängel immer wieder bei der Stadt moniert, erklärte Kalinock. Die Stadt verweist auf zahlreiche Renovierungsarbeiten.

Bewohner protestieren wegen der schlechten hygienischen Bedingungen

Der Unmut der Bewohner über die schlechten hygienischen Bedingungen führte zu einer Demonstration am 10. Juni, die allerdings ebenfalls ausartete. Sprechchöre von Kindern gegen einzelne Mitarbeiter, Gesten des Halsabschneidens oder Drohungen wie die eines Mannes, er habe im Krieg gelernt zu foltern, seien inakzeptabel, sagte Skotnik. Dies habe sie den Bewohnern anschließend deutlich gemacht. Die Stadt habe dem Diakonischen Werk empfohlen, die Zahl der Bewohner zu verringern. Kalinock entgegnete, die Diakonie habe mehrfach Verlegungen in größere Wohnungen beantragt, aber die Stadt habe dies abgelehnt.

Die in Container-Modulbauweise errichtete Unterkunft war ursprünglich nur bis 2019 genehmigt, dann renoviert und der Betrieb bis 2021 verlängert worden. Nun suchen die Stadt und die Diakonie im Gespräch mit einzelnen Bewohnern Auswege. Nach einem ersten gemeinsamen Gespräch am vergangenen Montag soll ein weiteres am kommenden Montag folgen.

RND/epd