"Wir wollen wieder zur Schule": Eltern und Schüler demonstrieren mit einer Mahnwache auf dem Marktplatz in Rheda-Wiedenbrück für das Recht auf Bildung. Quelle: David Inderlied/dpa

Corona-Schulschließung im Kreis Gütersloh: Der Zorn von Eltern und Schülern

Am härtesten trifft es die Kinder: Nach dem neuen Corona-Ausbruch im Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück bleiben Schulen und Kitas bis zu den Sommerferien geschlossen. Die Eltern sind wütend – und protestieren.

Rheda-Wiedenbrück. Für die 16-jährige Tochter von Veronika Klas sollte dieser Freitag ein besonderer Tag sein. Ihren Abschied von der Schule wollte sie da feiern, ihren letzten Tag, mit Zeugnisübergabe und großer Zeremonie. Alles war lange geplant – nun fällt alles aus, wegen der coronabedingten Schulschließung. “Ihr Zeugnis wird sie nun wahrscheinlich mit der Post bekommen”, sagt Mutter Veronika Klas. “Das ist auch für mich als Mutter extrem traurig.”

Die 16-Jährige ist eine von Tausenden, die die neuerliche Schließung hat trifft: Sämtliche Schulen und Kitas im Kreis Gütersloh bleiben den Kindern und Jugendlichen nach dem heftigen Corona-Ausbruch mit mehr als 650 Infizierten in der Fleischfabrik Tönnies in Rheda-Wiedenbrück bis zu den Sommerferien nun wieder versperrt, nachdem sie gerade erst wieder geöffnet hatten. Eltern sowie Schülerinnen und Schüler gingen deshalb am Donnerstag auf die Straße, um ihren Zorn zu zeigen. Schon morgens zogen Dutzende deshalb vor das Werkstor sowie später auf den Marktplatz vorn Rheda-Wiedenbrück und auch vor das Privathaus von Firmenchef Clemens Tönnies – mit Plakaten, auf denen Parolen wie “Wir wollen wieder zur Schule” oder “Kneipe auf – Schulen zu” stand, wobei Letzteres eine Beschreibung der Wirklichkeit war, keine Forderung: Der Landkreis hatte zwar Schulen und Kitas geschlossen, Geschäfte und Gaststätten aber geöffnet gelassen.

“Extrem schwer zu vermitteln”

Auch diese Ungleichbehandlung stößt vielen sauer auf: “Bei den Eltern gibt es Wut, Enttäuschung, Trauer”, sagte Klas, die auch stellvertretende Vorsitzende der Kreisschulpflegschaft Gütersloh ist, gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Viele Eltern berichteten jetzt auch von Existenzängsten, weil sie wegen des Betreuungsproblems nun erneut nicht arbeiten könnten.

Belastend sei die erneute Schließung vor allem für die Grundschüler, für die in dieser Woche wieder der reguläre Unterricht begonnen hatte. “Die hatten sich so auf die Schule gefreut und müssen jetzt schon wieder zu Hause bleiben”, sagte Klas. “Das ist extrem schwer zu vermitteln.” Auch für die älteren Schülerinnen und Schüler sei der Rückfall aber extrem deprimierend, viele müssten sich auch gerade noch auf ihre Abschlussarbeiten vorbereiten. Ob der Schullockdown gerechtfertigt ist, sei aber unter den Eltern durchaus umstritten: Viele seien verärgert darüber, dass nun die Schüler benachteiligt seien, zumal unklar sei, wie viele Kinder von Tönnies-Mitarbeitern, von denen viele aus Osteuropa stammen, überhaupt auf die Schulen im Kreis gingen. Andere hingegen seien froh, dass ihre Kinder auf diese Weise zumindest geschützt seien.

“Eine ganz bittere Geschichte”

Der Zorn der Eltern richte sich nun vor allem gegen die Firma Tönnies: “Das ist eine ganz bittere Geschichte, was da passiert ist.” Schon länger habe sie wegen des großen Fleischbetriebs in der Nähe wegen der gerade in dieser Pandemie problematischen Arbeitsbedingungen Bedenken gehabt – diese hätten sich nun auf traurige Art bewahrheitet. “Da muss sich dringend etwas ändern”, fordert Veronika Klas, für die die Schulschließung auch ganz persönliche Folgen hat: Als Pflegschaftsvorsitzende ihrer Schule sollte sie bei der Abschlussfeier zum letzten Mal eine Rede halten – auch ihr bleibt dieser Abschied nun versagt.

RND

Von Thorsten Fuchs/RND