Zwei Menschen umarmen sich vor dem Schriftzug “Ruhe in Frieden Rayshard” in der Nähe des Tatorts. Quelle: Steve Schaefer/Atlanta Journal-C

“Sie werden ihren Vater nie wiedersehen”: Witwe von Rayshard Brooks spricht über die tödlichen Schüsse

Sie hatte noch mit ihrem Mann über den Fall George Floyd gesprochen, sie hatte Angst, dass es irgendwann ihr Mann sein würde. Doch Rayshard Brooks wiegelte ab und wollte positiv bleiben. Das erzählte die Witwe Tomika Miller zusammen mit anderen Verwandten auf einer Pressekonferenz.

Atlanta. “Schaut diese Kinder an, schaut Blessing, Mekai, Memory und Dream an, sie werden ihren Vater nie wiedersehen.” Das sagte Chastity Evans, die Nichte von Rayshard Brooks, auf einer Pressekonferenz in Atlanta. Die Familie des 27-jährigen Familienvaters, der durch zwei Schüsse in den Rücken von weißen Polizisten getötet wurde, hat sich in einer emotionalen Rede mit vielen Tränen verabschiedet.

Auch Witwe Tomika Miller berichtete, mit der zweijährigen Tochter Memory auf dem Arm, von ihrem Mann. “Worte können die Dankbarkeit für all die Unterstützung und den Protest kaum ausdrücken”, begann sie. “Auch wenn mein Mann nie zurückkommen wird, bin ich mir sicher, dass er mit einem Lächeln auf uns und diese Welt schaut, weil sein Name nun für immer erinnert werden wird.” Einen Appell richtete sie an die Demonstranten. “Bitte seid friedlich, wir wollen Rayshards Namen mit Positivem verbinden.”

“Ich kann meiner Tochter nicht mehr sagen, dass Papa mit ihr skaten oder schwimmen geht”

Sie sagte, es gebe keine Gerechtigkeit, die sie wieder glücklich machen kann. “Ich kann meiner Tochter nicht mehr sagen, dass ihr Papa kommt, um sie zum Skaten mitzunehmen, oder in den Schwimmkurs”, sagte sie mit stockender Stimme. Es werde lange Zeit dauern, bis sie heilen könne, bis die Familie heilen können. Tomika Miller und Rayshard Brooks haben drei gemeinsame Töchter: die einjährige Dream, die zweijährige Memory und die achtjährige Blessing. Dazu kommt Brooks Stiefsohn Mekai, 13.

Immer habe sie Angst gehabt, dass ihrem Mann oder auch anderen Familienmitgliedern etwas passieren würde. Nach dem Tod von George Floyd habe sie zu ihm gesagt, dass sie nicht wolle, dass es ihn einmal treffe. “Wir hatten immer mal wieder die Polizei da, einfach wegen seines Aussehens”, sagte sie.

“Ich hatte immer Angst, wenn er ausging, weil ich nicht wusste, ob er wieder heimkommen würde.” Sein Cousin ergänzte, dass es sich um eine Situation gehandelt habe, in der Brooks ein wenig neben sich gestanden habe – und deshalb mit dem Leben zahlen musste.

Nichte: Brooks war der Mensch mit dem hellsten Lachen und dem größten Herz

Am Freitagabend schlief der alkoholisierte Brooks nach bisherigen Erkenntnissen in seinem Auto im Drive-in eines Schnellrestaurants ein. Zwei weiße Beamte wollten ihn festnehmen. Bis dahin war die Situation rund eine halbe Stunde lang ruhig, doch als Brooks sich gegen die Verhaftung und gegen den Einsatz eines Elektroschocks durch einen Beamten wehrte, eskalierte die Situation.

Brooks eignete sich den Taser an und rannte damit davon – zwei von drei abgegebenen Schüsse trafen ihn in den Rücken. Er starb laut Obduktionsbericht an Organschäden und Blutverlust.

Chastity Evans berichtete, dass ihr Onkel, auf den sie sich immer habe verlassen können, “manchmal albern” gewesen sei, aber auch “das hellste Lachen und das größte Herz” gehabt habe. “Blessing wünschte sich an ihrem Geburtstag, mit ihrem Vater skaten zu gehen. Es bricht mir das Herz, dass das nie mehr möglich sein wird.” Die Familie sei verletzt, aber auch wütend.

Am Todestag ihres Vaters: Tochter hatte Geburtstagskleid an und aß Cupcakes mit Freunden

Einer der beiden Anwälte der Familie, Justin Miller, erzählte, wie die Familie vom Tod erfahren habe. “Es war der achte Geburtstag von Blessing, sie hatte ihr Geburtstagskleid an. Sie hatte Cupcakes und Freunde waren zu Besuch. Sie hätte mit ihrem Vater skaten gehen sollen, aber was hat nicht mehr funktioniert.” Die Achtjährige schaut versteinert und wischt sich, wie alle der rund ein Dutzend Familienmitglieder, immer wieder Tränen aus dem Gesicht.

Als die Trauer und Wut überhand nimmt, verlassen die Angehörigen den Raum. Anwalt Miller, selbst schwarz, spricht von einem “Trauma, das tief sitzt. Wir haben alle seit unserer Geburt mit solchen Situationen klarkommen müssen”, sagt er.

Die Frage, warum sich Brooks dennoch gegen seine Verhaftung gewehrt habe und nicht ruhig blieb, beantwortete der zweite Anwalt, Chris Stewart: “George Floyd blieb ruhig. Er trug Handschellen. Der Ausgang war in beiden Fällen der gleiche.” Er verabschiedete sich mit ernüchternden Worten: Dass man in wenigen Monaten sicher wegen eines ähnlichen Vorfalls wieder zusammenkommen müsse.

Von Miriam Keilbach/RND