Freitag , 18. September 2020
In den USA bietet jetzt ein Tattoostudio seinen Kunden an, Hass-Symbole zu “übernadeln”.

Tätowierer übermalen kostenlos rassistische Tattoos – sogar ein Hakenkreuz

Ein Tattoo ist ein Stück Ewigkeit – nicht alle aber möchte man für immer behalten. Im US-Bundesstaat Kentucky bietet ein Tattoostudio an, rassistische Hasssymbole gratis zu entfernen. Die Betreiber sehen ihren Service als Beitrag zur Black-Lives-Matter-Bewegung.

Murray. Zu früh tätowiert – angeschmiert. Wer pubertäre Phasen hinter sich gelassen hat, hat möglicherweise noch einen nicht mehr gewollten Tattooschriftzug irgendwo, der ihn bei jeder neuen Beziehungsanbahnung als zu meidenden Sexisten ausweist. Und wer eine extreme Weltanschauung hinter sich lassen möchte, kann im Freibad seine tätowierten Runen nicht eben mal abstreifen. Tätowierungen sind Körpergemälde fürs ganze Leben. Manche trägt man mit Stolz, andere kommen einem früher oder später vor wie die Kugelketten einer Sträflingsgang vor.

Ein Beitrag zur Black-Lives-Matter-Bewegung

Ein Tattooshop im US-Bundesstaat Kentucky hilft nun denen, die ihre Hass- oder Gang-Tattoos mit rassistischen Botschaften loswerden wollen. Und zwar aus Überzeugung – denn das „Übernadeln“ der bösen Hautbildchen kostet nichts. Die Tätowierungskünstler Jeremiah Swift und Ryun King vom Gallery-X-Art-Kollektiv im 16.000-Seelen-Städtchen Murray verstehen ihr Angebot als Beitrag zur Black-Lives-Matter-Bewegung und zu den Demonstrationen für ein Ende der radikalen Polizeigewalt und der rassistisch motivierten Ungleichbehandlung Schwarzer. Wie CNN berichtet, hatte ein erstes Posten bei Facebook umgehend 30 “Bestellungen“ zur Folge. Und die Nachfragen nehmen zu.

“Die Veränderung ist definitiv schon lange überfällig“, sagte King gegenüber CNN. “Es ist komplett inakzeptabel, etwas Hassbezogenes auf der Haut zu tragen. Viele Leute wussten es nicht besser, als sie jünger waren, und hatten dann plötzlich ,Fehler‘ auf ihrem Körper. Und wir wollen uns dafür einsetzen, dass jeder eine Chance hat, sich zu verändern.”

Auch ein riesiges Hakenkreuz wurde in Angriff genommen

Härtester Job beim Übernadeln? “Einer von diesen Leuten war ein Mann, der seine Unterarme komplett mit Hasssymbolen bedeckt hatte – praktisch kein freies Fleckchen mehr. Wie kann sich so jemand wieder in die Gesellschaft hineinbegeben – mit den Fehlern, die er zehn, 15, 20 Jahre vorher begangen hat?“, sagte King bei CNN. Auch ein riesiges Hakenkreuz wurde in Angriff genommen. “Der Mann sagte, er habe sein T-Shirt nie vor den Kindern ausgezogen“, sagte King, den es positiv aufwühlt, wenn Leute ihre dunkle Vergangenheit hinter sich lassen möchten. “Da ziehen Gefühle in mir auf.“

Das Tattoostudio in Murray verspricht, jedermanns Tattoos umzugestalten, sie müssen auch keine ”Kentuckians“ sein. Sie bieten viele Designs an, aus denen die Betreffenden auswählen können.

Eine Cartoon-Gurke statt der rassistischen Rebellenflagge

Die erste Kundin des Angebots war die 36-jährige Jennifer Tucker, eine zweifache Mutter, die die Konförderiertenflagge an ihrem Knöchel weghaben wollte – die bis heute als rassistisches Symbol gewertete Flagge der Südstaaten, die im amerikanischen Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert an der Sklaverei festhalten wollten. An Tuckers Schule hätten praktisch alle Rebellenflaggen als Tattoo getragen.

Schon seit langen Jahren engagiert sich Tucker gegen Rassismus. “Ich musste dieses Symbol des Hasses von meinem Körper runterkriegen“, sagte sie. “Jedesmal, wenn ich ein Gruppenmeeting oder eine Demo besuche, schließe ich neue Freundschaften. Und ich wollte nicht mehr neben ihnen stehen – mit einer Konföderiertenflagge an meinem Bein.”

Spätestens seit dem Attentat von Charleston, bei dem der 21-jährige Dylann Storm Roof am 17. Juni 2015 in der Emanuel African Methodist Episcopal Church neun schwarze Amerikaner erschoss, ist die Fahne Gegenstand heftiger Diskussionen. Storm hatte auf seiner Facebook-Seite gezeigt, wie er zuerst die US-Flagge verbrennt und anschließend die Konföderiertenflagge hisst.

Jetzt prangt bei Tucker dort, wo sich einst die 13 Sterne kreuzten, Pickle Rick – die Cartoon-Gurke aus der TV-Serie “Rick und Morty“. Wie sie sich fühlt, verriet Tucker CNN auch: “Es fühlt sich wunderbar an. Es ist lebensverändernd.“

RND/big