Donnerstag , 1. Oktober 2020
Schauspielerin Bette Midler. Quelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Bette Midler: “Rassismus und fehlende Gleichberechtigung sind unamerikanisch”

Schauspielerin und Sängerin Bette Midler wird 75 – ein Jahr wie 2020 hat sie noch nicht gelebt. Die Black-Lives-Matter-Demonstrationen unterstützt sie deshalb nur via Social Media, denn wegen der Corona-Pandemie muss sie sich von Menschenmassen fernhalten.

“The Divine Miss M” war der Titel ihres ersten Albums und wurde zu Bette Midlers Ehrentitel. Das war 1972. Und die Götter haben es gut mit dem Superstar von Bühne, Fernsehen und Film gemeint. 75 wird die quirlige Quasselstrippe im Dezember und wirkt immer noch so wie damals in der Highschool, als sie zu “Miss Most Talkative” gekürt wurde.

Sie reden heute noch immer viel. Besonders auf Twitter.

Social Media ist ein Segen und ein Fluch zugleich. Wenn ich was zu sagen habe, dann kann ich es direkt der Welt mitteilen. Allerdings muss man auch vorsichtig sein, dass es nicht zum Mittelpunkt deines Lebens wird. Leider werden einige Menschen regelrecht abhängig und müssen jeden Morgen einen Tweet abgeben. Ich nicht. Nur dann, wenn ich wirklich was zu sagen hab!

Viele Menschen bekommen ihre ganzen Nachrichten nur noch aus Social Media. Ist das gefährlich?

Ich finde es sehr positiv, dass man eine alternative Plattform für Nachrichten hat. Denn die Presse hat heutzutage oft ihre eigene verdeckte Agenda. Da werden dann plötzlich Interviews so zusammengeschnitten, dass es genau in den Tenor der Story passt. Natürlich gibt es in den Medien auch objektive Journalisten, denen ich vertraue. Die anderen hör ich mir gar nicht mehr an.

Sie machen auf Twitter auch sehr deutlich, dass Sie auf der Seite der Demonstranten stehen, die gegen Polizeigewalt und für Gleichberechtigung von Afroamerikanern im Justizsystem marschieren.

Natürlich. Weil es seit Anbeginn in unserem Land institutionalisierten Rassismus gibt. Und wenn man immer nur zwei Schritte nach vorne und zweieinhalb Schritte zurück macht, dann wird mit echten Verbesserungen schwierig.

Glauben Sie, dass es diesmal anders ist und es wirkliche Veränderungen geben wird?

Ich habe echt Hoffnung, weil eine neue Generation herangewachsen ist. Diese Kids, die seit Wochen in Amerika auf die Straße gehen, nutzen Social Media, um den Rest des Landes zu informieren. Es gibt Mobiltelefone, die überall das Unrecht aufzeichnen und Videos direkt mit der Welt teilen können. Ohne solche Technologie wäre es nie so weit gekommen. Ich fühle, dass die alten Säulen bald einstürzen werden.

Sind Sie eigentlich auch bei den Demos mitmarschiert?

Ich unterstütze die Bewegung voll, weil Rassismus und fehlende Gleichberechtigung unamerikanisch sind. Doch ich bin vorsichtshalber zu Hause geblieben, weil es ist für meine Generation nicht schlau ist, sich während der Covid-19 Pandemie in großen Menschenmengen aufzuhalten.

Sie werden dieses Jahr 75.

Werde ich nicht! Ich werde 35! (lacht).

Sie haben auf jeden Fall schon einiges in Ihrem Leben erlebt, aber ein Jahr wie 2020?

Was gerade abgeht, da kann man wirklich Angst bekommen. Ich fürchte mich vor dem Vormarsch von Faschismus, vor Bürgerkrieg, der Auflösung von gesellschaftlichen Normen und der Zersetzung unseres politischen Systems durch die aktuelle Führung des Landes. Das sind wie vier Pandemien auf einmal! Doch wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren und müssen stark sein, dagegenhalten.

Wie haben Sie sich während des Corona-Lockdowns die freie Zeit vertrieben?

Ich habe angefangen, wieder Gitarre zu spielen. Ich bin zwar nicht gut, aber es ist ein großartiges Hobby. Und ich habe viel gelesen. Dank des Internets kann man sich fast alles selbst beibringen. Ich habe gelernt, wie man Seife herstellt. Mein Mann ist inzwischen ein echter Brotbäcker geworden und meine Tochter Sophie kann jetzt Haareschneiden. Sie hat es an ihrem neuen Ehemann ausprobiert und es sah echt gut aus!

Sie sind bereits seit 36 Jahren mit ihrem Mann Martin von Haselberg verheiratet. Haben Sie Ihrer Tochter Tipps gegeben, wie es ähnlich gut klappen kann?

Sie und ihr Mann müssen ihren eigenen Weg finden. Aber sie sind auf jeden Fall total süß zusammen. Sie lachen viel, tanzen zusammen und haben Fun. Wir haben nämlich gerade drei Monate alle unter einem Dach zusammengelebt und ich habe hautnah erlebt, wie glücklich sie miteinander sind.

Was macht eine Bette Midler glücklich?

Viele Dinge. Die Hauptquellen meines Glücks sind meine Familie, gutes Essen und ein vernünftiges Glas Wein am Ende des Tages. Nur einfach in freier Natur zu sein, in der Nähe eines Baumes zu stehen, oder zu erleben, wie Dinge wachsen und gedeihen – das alles lässt mein Herz aufgehen.

Sie haben eine Organisation gegründet, die Stadtmenschen Gemeinschaftsgärten zur Verfügung stellt.

Ja genau. Meine Greening Organisation liegt mir sehr am Herzen. In unseren Gemeindegärten züchten Menschen ihr eigenes Obst und Gemüse. Wir spenden gerade viel davon, damit es an Bedürftige verteilt wird.

Haben Sie einen Tipp für junge Frauen, die von einer Karriere im Entertainment träumen?

Sie dürfen ihr Ziel nie aus den Augen verlieren und sich durch Rückschläge nicht unterkriegen lassen. Jeder Mensch muss Hürden im Leben erklimmen oder einen Weg herum finden. Das definiert einen und gibt einem Mut, weiterzumachen.

Von Dierk Sinderman/RND