Donnerstag , 24. September 2020
Michel Aoun (links), Präsident des Libanon, empfängt Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, bei seiner Ankunft am internationalen Flughafen von Beirut. Quelle: -/Dalati & Nohra/dpa

“Der Libanon ist nicht allein” – Macron in Beirut eingetroffen

Der Libanon war früher Teil des französischen Mandats im Nahen Osten. Um nach der Explosion in Beirut Solidarität und enge Verbundenheit zwischen den beiden Ländern zum Ausdruck zu bringen, ist Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron in den Libanon gereist. Er will sich um einen Vertrag zum Wiederaufbau bemühen – und mahnt Reformen an.

Beirut. Nach den verheerenden Explosionen in Beirut mit mindestens 130 Toten ist Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron in der libanesischen Hauptstadt eingetroffen. Dort kam er am Donnerstag mit seinem libanesischen Amtskollegen Michel Aoun, Regierungschef Hassan Diab und Parlamentspräsident Nabih Berri zusammen.

“Der Libanon ist nicht allein”, twitterte Macron bei seiner Ankunft auf Französisch und Arabisch.

Macron sprach von einer “historischen Verantwortung” für die politische Führung im Libanon. “Es handelt sich um eine politische, moralische, wirtschaftliche und finanzielle Krise, deren erstes Opfer das libanesische Volk ist, und sie erfordert extrem schnelle Reaktionen”, sagte er am Donnerstag.

Wütende Anwohner: “Wo waren Sie gestern?”

Bei einer Tour durch eine zerstörte Gegend im Zentrum von Beirut wurde der Staatschef von wütenden Anwohnern empfangen. „Warum sind Sie gekommen?“, riefen einige von Balkons herunter. „Ihr seid alles Mörder“, schrie eine Frau unter Tränen. „Wo waren Sie gestern? Wo waren Sie am Vortag? Wo waren Sie, als diese Bomben im Hafen gelagert wurden?“ Andere beschimpften den libanesischen Präsidenten Michel Aoun als „Terrorist“. Die lauten Rufe hallten über die Straße.

Vor Journalisten sagte Macron, die Unterstützung und Solidarität Frankreichs seien selbstverständlich. Er sei gekommen, um den Libanesen Frankreichs Freundschaft und Brüderlichkeit zu bringen. Man müsse zusätzliche französische und europäische Unterstützung organisieren. Frankreich wolle dies „in den kommenden Stunden“ organisieren. Macron kündigte die Ankunft weiterer französischer Polizei- und Ermittlungsteams im Libanon an.

Macron fordert Reformen

“Heute steht die Hilfe, die Unterstützung für die Bevölkerung im Vordergrund. Bedingungslos.” Frankreich dringe aber bereits seit Jahren auf Reformen in den Bereichen Energie oder Korruptionsbekämpfung. “Wenn diese Reformen nicht durchgeführt werden, wird es mit dem Libanon weiter abwärts gehen”, mahnte Macron. Dies sei ein weiterer Dialog, den man führen müsse.

Nötig seien “starke politische Initiativen”, um gegen die Korruption und die Undurchsichtigkeit des Bankensystems zu kämpfen, sagte Macron, wie Aufnahmen des französischen Nachrichtensenders BFMTV zeigten. Den wütenden Libanesen versprach er auf der Straße, am 1. September wiederzukommen.

Macron will mit dem Besuch die Solidarität Frankreichs gegenüber den Libanesen ausdrücken. Der Libanon war früher Teil des französischen Mandatsgebiets im Nahen Osten, die beiden Länder sind immer noch eng verbunden.

Wiederaufbauvertrag für das Mittelmeerland

Bei der Explosion am Dienstag wurde auch der französische Architekt Jean-Marc Bonfils getötet, der historische Gebäude restaurierte, die im Bürgerkrieg (1975-1990) zerstört wurden. 24 weitere Franzosen wurden verletzt, drei von ihnen schwer.

Macron strebt einen Wiederaufbauvertrag für das Mittelmeerland an und will bei seinem Besuch dafür die Grundlage schaffen. Ob dabei internationale Partner eingebunden werden sollen, blieb zunächst offen. Macron hatte bereits unmittelbar nach der Katastrophe im Hafen von Beirut Unterstützung zugesagt. Frankreich schickt unter anderem zwei Militärflugzeuge mit 55 Angehörigen des Zivilschutzes.

RND/dpa