Samstag , 19. September 2020
05.08.2020, Libanon, Beirut: Zerstörte Gebäude nach der Explosion im Hafen von Beirut. In der libanesischen Hauptstadt Beirut hat sich am Dienstag eine gewaltige Explosion mit Dutzenden Toten und mindestens 2700 Verletzten ereignet. (Aufnahme mit einer Drohne) Foto: Hussein Malla/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Quelle: Hussein Malla/AP/dpa

Nach Explosion in Beirut: 16 Hafenmitarbeiter festgenommen

Im Libanon haben die Behörden nach dem Explosionsdesaster schonungslose Aufklärung versprochen. Nun folgen Festnahmen. Viele in Beirut sind dennoch skeptisch, werfen Ämtern und Politikern Korruption vor.

Beirut. Nach der verheerenden Explosion in Beirut kommen offenbar die Ermittlungen voran. 16 Hafenmitarbeiter seien festgenommen worden, meldete die staatliche libanesische Nachrichtenagentur am Donnerstag unter Berufung auf einen Richter am Militärgericht, Fadi Akiki. Dieser leitet die Ermittlungen zu dem Explosionsdesaster mit mehr als 130 Toten. Anwohner sehen jahrelange Korruption und Misswirtschaft durch die libanesische Führung als Ursache für die Katastrophe vom Dienstag, die Teile von Beirut zerstörte.

18 Personen seien bislang verhört worden, sagte Akiki. Bei ihnen handele es sich um Hafen- und Zollbeamte sowie um Angestellte, die für die Wartung des Hangars verantwortlich gewesen seien, wo 2750 Tonnen Ammoniumnitrat jahrelang gelagert wurden. Die Ermittlung sei kurz nach der Explosion am Dienstagabend eingeleitet worden und sie werde weiter alle Verdächtigen in dem Fall berücksichtigen.

Macron verspricht “klare und transparente Steuerung”

Derweil gab es immer mehr internationale Hilfszusagen für den Libanon. Besonders Frankreichs Präsident Emmanuel Macron brachte sich ein, dessen Land historische Verbindungen zum Libanon hat. Bei einem Besuch in Beirut kündigte er für die kommenden Tage eine internationale Geberkonferenz an. Sie solle Geld für Lebensmittel, Medikamente und andere dringen benötigte Güter sammeln. Frankreich werde die Konferenz mit Spendern unter anderem aus Europa, den USA und dem Nahen Osten organisieren. Macron versprach eine “klare und transparente Steuerung”, so dass die Hilfe direkt an die Bevölkerung und Hilfsgruppen gehen könne.

Sein Besuch sei “eine Gelegenheit, einen offenen und herausfordernden Dialog mit den libanesischen politischen Mächten und Institutionen zu führen”. Macron warnte: “Wenn keine Reformen vorgenommen werden, wird der Libanon weiter fallen.”

Als er eines der am stärksten betroffenen Stadtviertel besichtigte, machte eine zornige Menschenmenge ihrer Wut auf die politische Führung Luft. “Revolution” und “das Volk will das Regime stürzen” riefen die Menschen; Parolen der Massenproteste im vergangenen Jahr. Eine Frau beschuldigte Macron, sich mit Kriegsfürsten zusammenzusetzen. Er versicherte ihr, er sei im Land, um der Bevölkerung zu helfen. Dann umarmten sich die beiden. Später traf Macron Präsident Michel Aoun, Ministerpräsident Hassan Diab und ranghohe Parlamentsabgeordnete.

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Kristalina Georgieva, rief zu nationaler Einheit und Reformen auf. Der IWF prüfe alle Möglichkeiten, das libanesische Volk zu unterstützen, sagte sie.

Der Libanon steckte schon vor der Explosion in einer schweren Finanz- und Wirtschaftskrise und stand am Rande eines Kollaps. Politische Fraktionen nutzten staatliche Institutionen jahrelang aus, um sich und ihren Unterstützer Gutes zu tun. Dadurch funktionieren selbst grundlegende Dienstleistungen wie Stromversorgung und Müllabfuhr nur unzureichend.

Vertreter der Sicherheitsbehörde zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichbar

2750 Tonnen Ammoniumnitrat waren in dem Hafen gelagert worden, seit sie 2013 von einem Schiff beschlagnahmt worden waren. Der Chef des libanesischen Zolls, Badri Daher, sagte, eine Sicherheitsbehörde habe die Lagerung im vergangenen Jahr untersucht und währenddessen Briefe an das Regierungskabinett, die Staatsanwaltschaft und andere staatliche Institutionen über die Gefährlichkeit der Substanz geschickt. Vertreter der Sicherheitsbehörde waren zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Bei der Explosion waren nach Angaben des Gesundheitsministeriums mindestens 135 Menschen getötet und etwa 5000 verletzt worden. Teile der Stadt wurden zerstört. Fast 300 000 Menschen seien obdachlos, sagte der Gouverneur von Beirut, Marwan Abbud, dem saudischen Fernsehsender Al-Hadath.

Bundesaußenminister Heiko Maas bestätigte, dass eine Angehörige der deutschen Botschaft durch die Folgen der Explosion in ihrer Wohnung ums Leben gekommen sei.

RND/AP