Samstag , 19. September 2020
Deutsche Zivilschutz-Mitarbeiter arbeiten inmitten riesiger Zerstörungen im Hafen von Beirut. Quelle: Marwan Naamani/dpa

Helfer finden weitere Opfer in Trümmern – 80.000 Kinder obdachlos

Die Bergungsarbeiten in den Trümmern des Beiruter Hafens kommen nur langsam voran. Mittlerweile sind auch internationale Helfer im Einsatz. Doch die Zahl der Opfer steigt, die Hoffnung auf weitere Überlebende schwindet.

Beirut. Drei Tage nach der verheerenden Explosion im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut haben Rettungshelfer weitere Opfer aus den Trümmern geborgen. Die Zahl der Toten stieg auf 154, wie das libanesische Gesundheitsministerium am Freitag erklärte. Rund 5000 Menschen wurden verletzt. Die Zahl der Toten könnte weiter steigen, weil noch viele Schwerverletzte auf der Intensivstation um ihr Leben kämpfen. Hilfsorganisationen warnen, die Kliniken seien überlastet.

Die Suche nach Überlebenden ging weiter, kam aber nur langsam voran. Kräne und Bulldozer versuchten, große Trümmerteile zu räumen. Das libanesische Rote Kreuz schätzt, dass noch rund 100 Menschen vermisst werden. Dabei soll es sich vor allem um Hafenarbeiter handeln. Internationale Teams waren an der Suche beteiligt, darunter auch das Technische Hilfswerk (THW).

Infolge der Explosion wurden auch rund 80.000 Kinder obdachlos wie die Sprecherin des UN-Kinderhilfswerks Unicef, Marixie Mercado, sagte. Viele Haushalte hätten nur begrenzt Wasser und Strom. Zudem gebe es Berichte, dass mehr als 120 Schulen beschädigt worden seien. Beiruts Gouverneur hatte erklärt, durch die Explosion könnten in Libanons Hauptstadt 250.000 bis 300.000 Menschen obdachlos geworden sein.

Luftwaffe fliegt Krisenunterstützungsteam nach Beirut

Unterdessen hat die Bundesregierung weitere Soldaten und zivile Experten zur Unterstützung der Deutschen Botschaft in den Libanon geschickt. Die Bundeswehr flog am Freitag ein Krisenunterstützungsteam (KUT) in die libanesische Hauptstadt, wie ein Sprecher der Deutschen Presse-Agentur in Berlin bestätigte. Die aus Soldaten und Mitarbeitern des Außenministeriums bestehenden Teams sollen Informationen sammeln und Pläne vorbereiten, um Deutsche zu schützen und bei möglichen Evakuierungen zu helfen.

Am Vortag hatte ein Erkundungsteam der Bundeswehr die Arbeit aufgenommen, um Katastrophenhilfe für die libanesische Bevölkerung vorzubereiten. Das Angebot, ein schnell errichtbares, dafür jedoch kleines Luftlanderettungszentrum aufzubauen, hat die libanesische Seite inzwischen abgelehnt. Sie setzt auf größere Feldlazarette. Vor der Küste liegt die deutsche Korvette „Ludwigshafen am Rhein“. Das Schiff unterstützt die deutschen Kräfte an Land sowie die Botschaft und verfügt auch über Kommunikationstechnik.

Wütende Proteste am Hafen

An der Absperrung zum Hafen versammelten sich auch wütende Einwohner, darunter Angehörige von Vermissten. Sie riefen: „Diese Regierung hat versagt“. „Die Explosion war am Dienstag, und sie arbeiten noch immer langsam“, sagte einer der Demonstranten. „Wenn noch Lebende unter den Trümmern festgesessen haben, dann sind sie jetzt tot.“

Die Wut vieler Libanesen auf die Regierung und die politische Elite ist groß. Sie machen die Führung für die Explosion verantwortlich und werfen ihr grobe Fahrlässigkeit vor. Die heftige Explosion soll durch große Mengen Ammoniumnitrat ausgelöst worden sein, die seit Jahren ohne Sicherheitsmaßnahmen im Hafen gelagert wurden. Außenminister Heiko Maas (SPD) forderte in einem Interview mit der „Saarbrücker Zeitung“ von der libanesischen Regierung „echten Reformwillen“.

In der Nacht auf Freitag kam es in Beirut vereinzelt zu Protesten. Aktivisten haben für Samstag zu weiteren Demonstrationen aufgerufen, die nach der Beerdigung von Opfern beginnen sollen.

Kontrolliert Hisbollah den Beiruter Hafen?

Vereinzelt wird im Libanon auch öffentlich nach der Verantwortung der einflussreichen schiitischen Hisbollah für die Explosion gefragt. Die Iran-treue Organisation ist an der Regierung beteiligt und bildet im Libanon einen Staat im Staate. Ihre Macht sehen viele als unantastbar. Der Bruder von Ex-Regierungschef Saad Hariri, Baha Hariri, sagte nach Angaben lokaler Medien, die Hisbollah kontrolliere den Beiruter Hafen. Nichts komme dort ohne sie hinein und hinaus.

Die zyprischen Behörden befragten den früheren Besitzer des Frachtschiffs „Rhosus“, Igor Gretschuschkin. Das Schiff soll 2013 große Mengen Ammoniumnitrat nach Beirut gebracht haben. Die Befragung von Gretschuschkin sei auf Antrag der libanesischen Polizei geschehen, wie der Sprecher der zyprischen Polizei Christos Andreou sagte. Die libanesischen Behörden hätten den Zyprern „einige Fragen geschickt“, die der 43-jährige Russe „gerne beantwortet“ habe.

RND/dpa