Donnerstag , 29. Oktober 2020
Vorm Abgrund: In Madrid demonstrieren Menschen gegen Corona-Beschränkungen. Die Pandemie hat in Spanien schlimme Schäden angerichtet. Quelle: Andrea Comas/AP/dpa

Corona in Spanien: Ein Land steht vor dem Abgrund, mal wieder

Spanien trifft das Coronavirus wie kaum ein zweites Land der Welt, gesundheitlich und wirtschaftlich. Nach den Reisewarnungen geht es wohl bald auch mit dem Tourismus wieder bergab. Auch die Abwesenheit des alten Königs sorgt für Gesprächsstoff.

“Ich glaube ja, das alles ist ein großes Ablenkungsmanöver”, sagt Carlos, ein Webdesigner aus Burgos. “Das alles” wäre das jüngste König-Juan-Carlos-Theater: sein Abgang aus Spanien mit unbekanntem Ziel, sein Exil, seine “Flucht”, wie manche sagen, obwohl nicht ganz klar ist, wovor denn. Polizeilich gesucht wird er jedenfalls nicht. Das ist aber egal, an Juan Carlos, dem alten König und Schwerenöter, kann man sich wunderbar abarbeiten.

Ein wenig royale Ablenkung kommt manchem ganz gelegen. Spanien geht’s schlecht: Erst wurde es von der Finanz- und Immobilienkrise gebeutelt, die der spanischen Jugend ihre Zukunft verbaute. Kaum war das Land aus dem Gröbsten raus, kam Corona und richtete ein gesundheitliches und wirtschaftliches Desaster an wie fast nirgendwo sonst. Und es ist noch nicht vorbei. Dass Deutschland seit dem Wochenende vor Reisen nach Spanien einschließlich der Balearen – also Mallorca! – warnt, ist ein neuer Schlag ins Kontor.

Juan Carlos, das große Ablenkungsmanöver?

Wenn man so will, steht das Schicksal des alten Königs sinnfällig für das Land: Jahrzehntelang war über ihn nur Gutes zu lesen – obwohl es da immer Gerüchte über sein Liebesleben und über sein glückliches Händchen für Privatgeschäfte gab. Erst vor ein paar Jahren bekam der mediale, juristische und politische Schutzdamm um alle royalen Skandale erste tiefe Risse. Nun ist er ganz gebrochen. Die Frage ist nur: Warum gerade jetzt? Ist es wirklich ein Ablenkungsmanöver? Und von wem wird es gesteuert?

Naheliegend wäre es, die Regierung im Verdacht zu haben. Jedenfalls sprach Ministerpräsident Pedro Sánchez am 8. Juli von “beunruhigenden” Nachrichten über den alten König, als hätten sie ihn gerade eben – und nicht schon vier Monate zuvor – erreicht. Sánchez ist Sozialdemokrat, seine Partei, die PSOE, hat immer zu den großen Stützen der parlamentarischen Monarchie gehört.

Sein Koalitionspartner, die linkspopulistische Unidas Podemos, will stattdessen vom “Regime von 78” nichts wissen. 1978 gaben sich die Spanier ihre derzeitige demokratische Verfassung, an der Unidas Podemos gern etliches geändert hätte. Der symbolische Königssturz passt in ihr Programm. Außerdem untersucht derzeit ein Gericht mögliche finanzielle und andere Mauscheleien bei Podemos. Da kommt ein größerer, königlicher Skandal gerade recht.

Pedro Sánchez spielt dieses Spiel mit, weil es ihm eine Atempause verschafft, wenn ein paar Tage mal nicht Corona- und Wirtschaftskrise die Schlagzeilen beherrschen. 48 Stunden, nachdem Juan Carlos seinen Gang ins Exil ankündigte, flog der Ministerpräsident nach Lanzarote, um in der Residenz La Mareta Urlaub zu machen – einem Geschenk des einstigen jordanischen Königs Hussein an Juan Carlos, der die Anlage ordnungsgemäß als königlichen, also staatlichen Besitz eintragen ließ. Seit Sánchez Urlaubsflug sind zwölf Tage vergangen, und der Juan-Carlos-Effekt ist so gut wie verpufft. Spanien hat ernstliche Sorgen. Das Land steht am Abgrund.

Die Krankenhäuser werden wieder voller

Die Coronavirus-Pandemie hat fast kein Land der Welt so hart getroffen wie Spanien. In der Statistik der registrierten Corona-Toten liegen im Verhältnis zur Einwohnerzahl nur Belgien, das Vereinigte Königreich und Peru vor Spanien. In Spanien ist allerdings die Spanne zwischen vermeldeten Toten, zurzeit gut 28.000, und der Übersterblichkeit, rund 44.000, besonders groß. Ohne diese statistische Lücke stünde Spanien ganz vorn in der Liste. Wobei möglicherweise auch andere Länder ihre Probleme beim Zählen haben.

So oder so hat Spanien ein sanitäres Desaster hinter sich – und steckt schon mittendrin im nächsten. Keine acht Wochen sind seit dem Ende des Corona-Alarmzustands vergangen, und die Zahl der Neuinfektionen geht Tag für Tag in die Höhe. Mit 115,7 Fällen auf 100.000 Einwohner in den letzten 14 Tagen liegt Spanien zurzeit in Europa gemeinsam mit Luxemburg weit vornean.

Die Krankenhäuser füllen sich wieder. Spaniens oberster Seuchenschützer Fernando Simón nannte am Donnerstag die Zahl von 3596 Corona-Patienten in den Hospitälern, davon 383 in Intensivbehandlung. Neun ärztliche Vereinigungen warnten am selben Tag vor einem “neuen Kollaps des Gesundheitssystems”.

Den Juli über konnten sich Spanien und seine Regierung der eitlen Hoffnung hingeben, dass das Schlimmste überstanden sei. Die ersten Touristen wagten sich wieder nach Spanien. Auf Mallorca war wieder was los. Auf den spanischen Flughäfen landete knapp ein Viertel der Passagiere des Vorjahrs, immerhin. Ein kurzes Aufflackern.

Jetzt geht es wieder bergab. Von April bis Juni war die spanische Wirtschaft um 22,1 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahresquartal eingebrochen. Und nirgendwo ein Hoffnungsstreif. Ohne deutsche Touristen wird alles noch schlimmer. Welch schöne Ablenkung war der Königsskandal.

Von Martin Dahms/RND