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Polizisten versammeln sich während eines Protests in Kenosha. Quelle: Morry Gash/AP/dpa

Tödliche Schüsse bei Protest in Kenosha: 17-Jähriger unter Mordverdacht

Schüsse der Polizei auf den Schwarzen Jacob Blake führen in der Stadt Kenosha in Wisconsin seit Tagen zu Protesten. Plötzlich schießt jemand, zwei Menschen verlieren ihr Leben. Als Tatverdächtiger wird ein 17-jähriger Weißer festgenommen.

Kenosha. Am Rande einer Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt sind in der US-Stadt Kenosha in Wisconsin zwei Menschen erschossen worden. Als Tatverdächtiger wurde am Mittwoch im angrenzenden Bundesstaat Illinois ein 17-jähriger Weißer festgenommen, wie die Polizei mitteilte. Er stehe unter Mordverdacht, sagte Polizeichef Norman Johnson. Möglicherweise gehörte er einer weißen Bürgerwehr an.

Im Internet kursierte ein Handyvideo, in dem ein junger weißer Mann zu sehen war, der mitten auf der Straße mit einem halbautomatischen Gewehr das Feuer eröffnet. "Ich habe gerade jemandem umgebracht", sagt er in der Aufnahme. Augenzeugen zufolge erschoss er zuerst eine Person, wurde dann beinahe von Umstehenden überwältigt und feuerte dann wild um sich.

„Sie sind wie eine Miliz“

Was sein Motiv war, blieb zunächst unklar. Der Sheriff von Kenosha County, David Beth, sagte aber der Zeitung "Milwaukee Journal Sentinel", in den vergangenen Nächten hätten bewaffnete Leute in den Straßen von Kenosha patrouilliert. "Sie sind wie eine Miliz. Sie sind wie eine Bürgerwehr-Gruppe." Ob der Schütze Teil der Gruppe gewesen sei, sagte er nicht.

Ein Video, das im Internet die Runde machte, zeigte, wie Polizisten mehreren bewaffneten Zivilisten Wasserflaschen zuwarfen. „Wir freuen uns, dass ihr hier seid“, sagte ein Polizeibeamter zu ihnen. Zu der Gruppe schien auch der spätere Schütze zu gehören. In Wisconsin darf jeder über 18 offen eine Waffe tragen, auch ohne Waffenschein.

Augenzeugen berichteten, Polizisten hätten den bewaffneten Verdächtigen später einfach passieren lassen, obwohl einige der Demonstranten gerufen hätten, er habe gerade auf Leute geschossen. Videos schienen diese Darstellung zu bestätigen.

Schüsse auf Jacob Blake lösten Proteste aus

Es war auch ein Handyvideo eines Anwohners in Kenosha, das den Fall Jacob Blake international bekannt machte und die Proteste in der Stadt auslöste. Am Sonntag schoss die Polizei dem Schwarzen offenbar mehrmals in den Rücken, während der sich in seinen Wagen hinein beugte. Zu hören sind auf dem Video sieben Schüsse, wie viele ihn trafen, war unklar - und auch, wie viele Polizisten die Schüsse abgaben. Die Polizei hat bislang wenig zu dem Fall bekannt gegeben, lediglich, dass die Einsatzkräfte auf einen Notruf wegen eines Familienstreits reagiert hätten. Das Justizministerium von Wisconsin ermittelt.

Blake ist nach dem Vorfall nun wohl gelähmt. Der 29-Jährige habe Verletzungen am Rückenmark erlitten und seine Wirbelsäule sei zerstört. "Es wird ein Wunder für Jacob Blake Jr. brauchen, um je wieder laufen zu können", sagte dessen Anwalt Ben Crump. Drei von Blakes Söhnen hätten zum Zeitpunkt der Schüsse im Auto gesessen, einer sei an dem Tag acht Jahre alt geworden.

Blakes Mutter Julia Jackson sagte, die Zerstörungen und Ausschreitungen in Kenosha seien nicht das, was die Familie wolle. Könnte ihr Sohn sie sehen, würde ihm das nicht gefallen. Als sie sich das erste Mal nach dem Vorfall gesehen hätten, habe er sich bei ihr entschuldigt. "Er hat gesagt: "Ich will keine Last für euch sein. Ich will mit meinen Kindern zusammen sein und ich glaube nicht, dass ich wieder laufen werde.""

RND/AP