Schön war's mit der "Modern Family" - vor alle in den ersten Staffeln. Nun geht es bei Sky in die letzte Staffel.

Bye-bye, Jay! Ein persönlicher Abschied von “Modern Family”

Letzte Runde, lieber Jay Pritchett. Sie haben in den vergangenen Jahren zahllose meiner Fernsehabende erfüllt. Mit Ihnen und Ihren Lieben war auch noch der achte DVD-Durchgang der ersten Staffel von “Modern Family”ein abendfüllender Knaller, auch wenn man die Gags schon mitsprechen konnte. Anlass genug, mal auf Ihr Wirken zurückzublicken Sie coolster aller amerikanischen Regal-, Schrank- und (neuerdings) Hundebettbauer.

Cool waren Sie von der ersten Folge der Serie an, wo junge Kerle Gloria, Ihre Ihnen frisch anvermählte Frau, mit dem mütterlichen Gemüt, dem südamerikanischen Furor und dem Sophia-Loren-ähnlichen Kurvenkörper, in Ihrer Gegenwart auf dem Bolzplatz anbaggerten, weil sie Sie für ihren Vater respektive für einen alten, auf dem Felde Amors locker besiegbaren Sack hielten. Sie wären damals auch noch um ein Haar in der Mall in einen Seniorenlauf geschubst worden. Wie Sie diese Kränkungen vergeblich wegzustecken versuchten, hat uns an jenem 2. April 2012 bei RTL Nitro, nach 20 Minuten zum unverbrüchlichen Fan von Ihnen und Ihrer Serie gemacht.

Mit “schwulem Hemd” beim ersten Schwarm

Auch dass Sie sich vornahmen, zu Ihrem schwulen Sohn Mitch und dessen Freund Cam zu stehen, wo Sie eine Viertelstunde zuvor noch Ihrem Adoptivsohn Manny geraten hatten, nicht mit seinem “schwulen weißen Hemd” zum ersten Date mit seinem ersten Schwarm Brenda Feltman zu gehen, sonst würde er “an seiner schwulen weißen Unterhose am Fahnenmast baumeln”. Schattenspringer eben – American Bigmouth, aber riesengroßes Herz.

Wobei auch Ihre Familienmitglieder zu unserer Serienliebe beitrugen. In jener ersten Folge lernten wir auch Mitch und Cam kennen und lieben, die gerade ihr vietnamesisches Adoptivbaby Lily mit dem Flieger heimbrachten. Der schnell echauffierte Mitch wertete das Wort “Puderschnecke” eines Passagiers als homophoben Spott, gemeint war aber nur das Gebäck in Lilys Händchen. Und nachdem Mitch Cam gerade noch gegen Ihren Vorwurf verteidigt hatte, er sei gar keine “Drama Queen”, führte der im nächsten Moment Lily wie den “König der Löwen” im Familienkreis ein – samt zugehörigem “Circle of Life”-Gospel vom CD-Player.

Unvergessen auch Ihr Schwiegersohn Phil, der auf Geheiß Ihrer Tochter Claire den ersten Freund Ihrer Enkelin Haley an der Haustür abweisen sollte, sich auf der Treppe den Rücken verknackste und dann von jenem Dylan zum Sofa getragen werden musste: “Du bist aber stark, Bro”, entfuhr es Phil, der sich in Dylans Armen irgendwie geborgen zu fühlen schien.

Alles war wie in wirklichen Familien - nur lustiger

Alles war wie in allen Familienserien, nur viel lustiger. Alles war wie in wirklichen Familien – das sah man vor allem, wenn man parallel selbst gerade Nachwuchs großzog. Und jetzt geht der Spaß nach 250 Folgen zu Ende. Danach heißt es für uns, nie mehr Claire zusehen, wie sie ihre kleinen sadistischen Stiche gegen Phil setzt, sich nie mehr daran erfreuen zu können, wie Phil an Ihnen, Jay, seinen fehlgeleiteten Ödipus-Komplex abarbeitet. Und nie mehr Mitch beim liebevollen Zergeln mit Ehemann Cam erleben – mal ehrlich, welche TV-Figuren haben mehr dazu beigetragen, dass Homosexualität inzwischen als sexuelle Normalität akzeptiert wird?

Wie schön waren immer die Sofa- und Küchentischbekenntnisse, mit denen die Pritchetts und Dunphys die “vierte Wand” zu uns Zuschauern einrissen, um sich an uns ranzuschmeißen. “Ich bin der coole Dad. Das ist mein Ding.” (Phil). “Meryl Streep könnte Batman spielen, sie wäre immer die richtige Wahl” (Cam). “Letzten Endes bestehen 90 Prozent des Vaterseins darin, immer da zu sein.” (Jay).

Tschüss auch nächste “MF”-Generation: sexy Haley, schlaue Alex, ewig drömeliger Luke, ewig sanfter, ewig scheiternder Frauenversteher Manny, sarkastische Lily, charakterlich noch diffuser Youngster Joe und Baby Rexford. Tschüss verhätschelte Bulldogge Stella, tschüss auch Lilys schöner weißer Kater Larry. Im Team habt ihr alle Familienserien vor euch – von “Lieber Onkel Bill” über “Drei Mädchen und drei Jungen” und “Alle meine Töchter” - auf die Plätze verwiesen. Die “Gilmore Girls” und die “Simpsons” nehmen wir mal aus, die waren und sind zwei Klassen für sich.

Zuletzt aber (na ja, ehrlich gesagt schon so ab Staffel sechs) wurde der Witz bemühter, manche Figuren (Gloria, Cam) begannen, zu überdrehen. Wie so oft bei Serien, die ihre Hochzeiten hinter sich haben, versuchten auch Ihre Autoren Steve Levitan und Christopher Lloyd, mit Munkelei über Todesfälle Aufmerksamkeit zu erregen. Im Vorfeld der zehnten Staffel kündigten die Serienmacher den “Tod einer wichtigen Figur” an. Und so bangten wir “Family”-Fans wie sonst nur bei “Game of Thrones”, welchen von unseren Lieblingen es erwischen würde.

Zuletzt war es zäh - und trotzdem freut man sich auf Staffel 11

Dann war Ihre erste Frau Dede das Opfer, die bis dahin nur sechsmal zu sehen gewesen war. Mitnichten eine wichtige Figur also, außer vielleicht in Ihrem Leben, Jay. Friedlich eingeschlafen sei sie, hieß es. Also ein ähnliches Schicksal wie die Serie selbst, die in der zehnten Staffel ebenfalls eingeschlafen zu sein schien. Eine elfte Staffel erschien den Machern damals als unwahrscheinlich. Dann kam sie doch. Und wenn Manny seine Freundin jetzt als Videoregisseur zurückgewinnen möchte und Cam und Mitch mit einem High-Tech-Kühlschrank zu kämpfen haben, freut man sich doch über die Ehrenrunde. Man lacht auch wieder. Aus Treue, Nostalgie, oder weil es wirklich wieder komisch ist, dass weiß man nicht so genau.

Abschied ist immer traurig, aber die Kinder sind halt nun mal groß geworden, Haley hat jetzt selbst Zwillinge (mit Dylan, das war doch irgendwie von Anfang an klar, oder?), die dann auch – der Kreis schließt sich – von Cam in der finalen Folge von Staffel 10 mit dem “Circle of Life”-Gospel eingeführt wurden. Und sie glaubt schon lange nicht mehr daran, dass man den Handy-Akku durch heftiges Reiben am Kopf wieder aufladen kann (wie Alex ihr einst erfolgreich weismachte). Hoffen wir jedenfalls.

Cam und Mitch zieht es nach Missouri, Manny will zum Film. Und Phil und Claire kommen nicht so recht klar damit, Oma und Opa zu sein. Schalten wir also noch 18-Mal ein und dann ganz ab, bevor es gar keine moderne Familie mehr gibt und unsere Illusionen über den Bestand unserer eigenen Familie zerbrechen. Man weiß, dass man Sie alle vermissen wird. Weil Sie echt waren. Weil Sie uns gelehrt haben, uns nicht so ernst zu nehmen. Auch, weil Sie immer mal wieder schön gegen den Weltkaputtmacher Trump geschossen haben. Und: Cool sind Sie immer noch, Jay. Schließlich springen Sie bis heute wacker über Ihren Schatten. Und dass Sie jetzt in der elften Staffel von “Modern Family” sogar Spanisch lernen wollen, um mit Gloria den Sommer in Kolumbien verbringen zu können, dort wo Droge und Mord einander gute Nacht sagen, ehrt Sie besonders.

Hiermit nehmen wir Ihre Familie in unsere auf.

“Modern Family – elfte und letzte Staffel”, bei Sky, von Christopher Lloyd und Steve Levitan, mit Ed O’Neill (Jay Pritchett), Sofia Vergara (Gloria Pritchett-Delgado), Julie Bowen (Claire Dunphy), Ty Burrell (Phil Dunphy), Jesse Tyler Ferguson (Mitchell “Mitch” Pritchett), Eric Stonestreet (Cameron “Cam” Tucker), Sarah Hyland (Haley Dunphy), Ariel Winter (Alex Dunphy), Nolan Gould (Luke Dunphy), Rico Rodriguez (Manny Delgado), Aubrey Anderson-Emmons (Lily Tucker-Pritchett), Reid Ewing (Joe Pritchett), (ab 17. September, donnerstags, 21 Uhr, bei Sky)

Von Matthias Halbig/RND