Mittwoch , 28. Oktober 2020
Die Idee von Tiktok, als weltweite Plattform unpolitisch zu sein, war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Quelle: imago images/Hollandse Hoogte

Tiktok: Schrill, bunt – und sehr mächtig

Nic Kaufmann hatte Langeweile, das war schon alles. Er war 17, neu in der Stadt, in München, kannte noch niemanden, und das Informatikstudium war auch noch nicht die Erfüllung. Er begann, die langen Tage mit dem Schauen von Tiktok-Videos zu füllen – bis er im Februar 2019 beschloss, selbst sein erstes Video zu drehen: Er selbst in der S-Bahn, dazu eine falsche Durchsage – “verpisst euch von der Tür” –, eine kleine Spielerei.

Eine Plattform, um Millionen von Menschen zu erreichen

“Als ich nach zwei Wochen wieder in meinen Account geschaut habe, konnte ich’s kaum glauben”, erzählt er. “Da hatten es 500 .000 Leute gesehen.”

Heute, gut eineinhalb Jahre später, ist der mittlerweile 19-Jährige, Sohn einer Inderin und eines Deutschen, der in Singapur aufgewachsen ist, einer der erfolgreichsten deutschen Tiktok-Stars. Drei Millionen Nutzer sehen sich regelmäßig seine Videos an, davon eine Million in den USA. 1,7 Millionen haben sich angesehen, wie er mit Kapuzenjacke einen Rapper imitiert, 2,9 Millionen Mal lief das Video mit seinen Kinderbildern weltweit auf den Handys, auf fünf Millionen Abrufe kommt das Video, in dem er deutschen Freunden sein pinkfarbenes indisches Hemd anzieht.

Wenn es schlecht läuft, erreicht er mit seinen Clips nur ein paar Hunderttausend Menschen. Sein erfolgreichster Clip kam auf 20 Millionen Klicks.

Das Rätsel um Trumps Konflikt mit Peking

Die Geschichte des 19-jährigen Münchners handelt davon, wie schnell man mit Tiktok ein Star werden kann. Sie erzählt auch viel über den Charakter dieser App, über dieses Meer aus Tanzvideos, Karaokeszenen, Schminktipps und Infohäppchen, dieses Festival der schnellen Schnitte, jungen Gesichter und technischen Effekte.

Nics Geschichte löst nur auch das größte Rätsel nicht: Ausgerechnet diese App ist dem amerikanischen Präsidenten so wichtig, dass er dafür einen weiteren Handelskonflikt mit China auf sich nimmt. Für dieses permanente digitale Bällebad für Pubertierende riskiert Donald Trump diese neuerliche Provokation Pekings?

Kränkung des US-Selbstbilds

Der Streit um Tiktok schwelt seit Wochen. Tiktok sei eine Gefahr für amerikanische Nutzer, erklärte Trump, weil China Zugriff auf seine Daten bekommen könne. Tiktok müsse amerikanisch werden – ansonsten werde er die App in den USA verbieten, drohte der Präsident. Jetzt, so scheint es, soll Tiktok tatsächlich in die USA umziehen.

Die Frage ist nur, ob China diesen Deal tatsächlich akzeptiert – und ob die Sorge um die Daten schon der wahre Grund ist.

Tiktok ist bislang jedenfalls auch eine dauernde Kränkung des amerikanischen Selbstbildes von der vorherrschenden Macht im Netz, von der grenzenlos erfolgreichen und innovativen Technologienation. Tiktok ist bislang chinesisch – und es ist derzeit die mit Abstand dynamischste Plattform überhaupt.

Die Idee der App

Erfunden hat sie vor gut zehn Jahren ein Chinese in den USA. Alex Zhu arbeitete für das deutsche Unternehmen SAP, als er im Zug beobachtete, wie junge Leute Musik hörten, die Lippen dazu bewegten und sich dabei filmten. Da kam Zhu, wie er später berichtete, die Idee für eine App, mit der Nutzer leicht Musik unter ihre Filme legen und sie hochladen konnten.

2014 bringt Zhu musical.ly heraus. Drei Jahre später verkauft er die Plattform an das chinesische Unternehmen Bytedance, das zu dieser Zeit bereits zwei eigene Apps betreibt: Douyin für den chinesischen Markt, Tiktok für den Rest der Welt.

Zahl der monatlichen Nutzer stieg seit 2018 um 800 Prozent

Im Januar 2018 startet Tiktok in der heutigen Form. Seitdem ist die Zahl der monatlich aktiven Nutzer in den USA um sagenhafte 800 Prozent gestiegen. Vor allem in der Pandemie wuchs Tiktok gewaltig, schneller als jedes andere Netzwerk. 700 Millionen Nutzer sind es jetzt weltweit, davon 100 Millionen in Europa. Zwei Milliarden Mal, so erklärte das sonst mit Zahlen sparsame Unternehmen in einem Verfahren um die Verbotsdrohung in den USA, wurde die App bisher heruntergeladen.

Aber noch wichtiger als die Zahl der Nutzer ist etwas anderes: ihr Alter. Tiktok macht auch dazu nur spärliche Angaben. Die größte Gruppe in den USA soll zwischen 16 und 24 sein. Ein beträchtlicher Teil ist jedoch jünger. Erlaubt ist die Nutzung erst ab 13, zu kontrollieren ist das jedoch schwer. Sicher ist nur: Tiktok verhält sich zu Facebook oder Twitter wie eine Teenagerparty zum Seniorennachmitag.

Die, denen die Zukunft gehört, sind bei Tiktok

Wäre Tiktok eine Person, dann hätte Adil Sbai ein ziemlich klares Bild von ihr: “Ausgeflippt angezogen, jung, ziemlich dynamisch, immer bereit zu tanzen, bunt, kreativ, mutig und auf jeden Fall divers.” Sbai, Mitte 30, gebürtiger Dortmunder, und sein Kollege Johannes Ruisinger, Augsburger, 30, gehören zu den besten Kennern der Plattform im deutschsprachigen Raum. Als sie im vergangenen Herbst auf Tiktok aufmerksam wurden, zweifelten auch sie zuerst an den fast unwirklich wirkenden Zahlen. “Wir haben das gecheckt – und gesehen, dass der Traffic echt ist.”

In ihrer Agentur und Datenanalyseplattform Wecreate beschäftigen sie heute 20 Mitarbeiter – und beraten und betreuen Unternehmen und Kreative auf Tiktok, darunter neben Nic Kaufmann auch jemanden wie “Herr Anwalt”, einen Juristen aus Unna, der es mit seinen kurzen rechtlichen Erklärvideos auf mehr als zwei Millionen Follower auf Tiktok und 400 000 auf In­­sta­gram brachte. Sbai hat mit Younes Zarou auch die “Tiktok-Bibel” geschrieben, inzwischen das deutsche Standardwerk über die eher geheimniskrämerische Plattform.

Wer auf Tiktok Menschen erreichen will, der muss vor allem, so erklären sie, den grundlegenden Unterschied zu anderen Plattformen und Netzwerken verstehen: Während man auf anderen Plattformen vor allem bestimmten Gruppen oder Personen folgt und das sieht und liest, was diese Posten, so funktioniert Tiktok über die “Für dich”-Seite: Auf der Basis der jeweiligen Vorlieben und momentaner Trends bestückt der Tiktok-Algorithmus diese “Für dich”-Seite – und bestimmt so darüber, was man zu sehen bekommt und was nicht.

Eine Million Klicks – auf Anhieb

Die Folge: Auf Tiktok kann man schneller bekannt werden als auf jeder anderen Plattform. “Du kannst auch ohne Follower mit einem einzigen kreativen Video eine Million Views erreichen“, sagt Ruisinger. Man braucht keinen großen Namen, um Erfolg zu haben – es reichen eine gute Idee und die Gunst des Algorithmus.

So ist Tiktok vor allem die Bühne der Aufsteiger, der Newcomer, die Unbekannte ganz groß rausbringen kann. Ein mächtiges, grellbuntes Versprechen. “Man kann auf Tiktok so schnell und organisch wachsen wie nie zuvor auf einer Multimediaplattform”, sagt Sbai.

Nur bedeutet dieser Mechanismus auch: Bei Tiktok sind die Stars trotz gewaltiger Zahlen immer ein bisschen kleiner als anderswo. Ihre Namen sind nicht egal. Aber sie sind austauschbarer als anderswo. Die Macht hat der Algorithmus. Er ist das gottgleiche Wesen, das über Ruhm und Erfolg bestimmt. Der stille Star im Hintergrund: Das ist er.

Doch was heißt das für die politischen Inhalte?

Tiktok muss ungenehme Inhalte gar nicht verbieten. Es reicht, wenn der Algorithmus sie nach hinten rückt. Dann sind sie zwar da. Es sieht sie nur kaum jemand.

Tiktok selbst gibt sich gern unpolitisch. Die Plattform sei ein „Ort der Unterhaltung, des kreativen Ausdrucks und für persönliche Verbindungen“, so sieht sich das Unternehmen selbst.

Dennoch eckte die Plattform zuletzt auch politisch immer wieder an. So entfernte Tiktok zwar explizit antisemitische Videos, tatsächlich finden sich hier auch weit weniger Hassbotschaften. Dafür ist aber eine Form des Spotts weit verbreitet, die auch schon mal in eine Verhöhnung der Opfer zum Beispiel des Holocaust umschlägt.

Tiktok wurde vor allem in den USA zu einer politischen Plattform

Ohnehin ist die Idee, als weltweite Plattform unpolitisch sein zu wollen, wohl von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das gilt ganz offensichtlich für die chinesische Tiktok-Schwester Douyin, die sich seit Langem den Zensurwünschen Pekings beugen muss.

Doch gerade auch in den USA ist Tiktok in den vergangenen Monaten viel stärker zur politischen Plattform geworden. Das begann zum Beispiel damit, dass sich Trump-Gegner im Frühjahr über Tiktok verabredeten, Plätze in seinen Veranstaltungen zu reservieren, dann aber nicht zu erscheinen, sodass er dann vor leeren Reihen stand. Black-Lives-Matter-Aktivisten posteten ihre Protestvideos, das Hashtag zählt bis jetzt 14,4 Milliarden Aufrufe. Tiktok habe für die Proteste eine ähnliche Funktion wie Twitter für den Arabischen Frühling, konstatierte die Agentur Reuters.

Tiktok wäre gern so politisch wie eine digitale Blumenwiese. Tatsächlich jedoch wurde es zuletzt zum Spielball geopolitischer Interessen. Vielleicht liegt es da nahe, dass China sich Zugriff auf die Daten verschafft?

Kein Beweis für Datenklau

Tiktok argumentiert, die Server lägen außerhalb Chinas. “Die Sorge, chinesische Behörden könnten theoretisch auf die Daten europäischer und amerikanischer Nutzer zugreifen, ist aus rein technischer Sicht zwar nachvollziehbar”, sagt der Datenexperte Johannes Ruisinger. “Es gibt aber andererseits auch keinen Beleg dafür, dass das wirklich geschieht und an den offiziellen Aussagen Tiktoks zu zweifeln ist.” Aus seiner Sicht sei Tiktok beim Daten- und Jugendschutz sogar besser aufgestellt als etwa In­s­ta­gram.

Umgekehrt dürften auch das Wissen und die Macht über den Tiktok-Algorithmus für amerikanische Unternehmen interessant sein. Doch genau diesen Transfer versucht Peking offenbar zu verhindern: Software-Algorithmen dürfen nur mit Genehmigung der Behörden ins Ausland verkauft werden, verfügte die Führung zuletzt. So bleibt im Detail weiter offen, wie viel der Tiktok-Seele tatsächlich in die USA wandert.

Nic Kaufmann jedenfalls, der deutsche Tiktok-Star, will noch ein oder zwei Jahre auf der Plattform weitermachen – „und dann vielleicht wieder zurück an die Uni, weiterstudieren“. Er würde dann da weitermachen, wo er sein Informatikstudium unterbrochen hat. So, als habe es Tiktok für ihn nie gegeben.

Von Thorsten Fuchs/RND