Mittwoch , 28. Oktober 2020
Die Biochemikerin wurde gemeinsam mit den US-Amerikanern Edward B. Lewis und Eric Wieschaus für ihre Entdeckungen zur genetischen Steuerung der frühen Embryonalentwicklung mit dem Medizin-Nobelpreis geehrt. Quelle: Marijan Murat/dpa

Nobelpreisträgerin: „Die Frauenquote ist eigentlich ein Paradoxon“

Tübingen. Exzellente Kollegen, Kämpfe um Fördergelder, Umzüge: In der Spitzenforschung braucht es Ehrgeiz und mitunter Opferbereitschaft. Eine Frauenquote sei dagegen nicht nötig, findet die Tübinger Entwicklungsbiologin Christiane Nüsslein-Volhard (77). Vor 25 Jahren, am 9. Oktober 1995, wurde ihr als erster und bislang einziger deutscher Forscherin der Medizin-Nobelpreis zuerkannt.

Sie war Direktorin des Tübinger Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie. Ihre 2004 gegründete Stiftung fördert junge Wissenschaftlerinnen mit Kind. 2006 veröffentlichte Nüsslein-Volhard ein Kochbuch.

Gegen welche Probleme mussten Sie als Frau im Wissenschaftsbetrieb kämpfen?

Ich habe das Meiste persönlich genommen, statt mich als Frau schlecht behandelt zu fühlen. Wenn man dauernd darüber nachdenkt, dass man es schlechter hat als die anderen, kommt man auf keinen grünen Zweig. Wissenschaft ist ein sehr schwieriger Beruf. Die Anforderungen sind sehr hoch, die Kollegen sehr schlau. Wenn man selbst nicht so gut ist, muss das nicht daran liegen, dass man eine Frau ist und diskriminiert wird. Es kann sehr gut daran liegen, dass der oder die andere besser ist.

Diese Gefahr birgt eine Frauenquote

Hat sich das Image von Wissenschaftlerinnen im Lauf der Jahrzehnte geändert?

Ich denke schon. Sogar Feministinnen fanden es damals nicht gut, dass ich Wissenschaft gemacht und mich Männerregeln angepasst habe. Macht ausüben, Chefin werden wollen, Chefin sein. Heute wird dafür geworben, dass Frauen so etwas machen. Aber das ist nichts, wofür man unter Frauen Lob kriegt. Viele Frauen sagen, dass sie sich sowas lieber nicht antun. Die Frauenquote ist eigentlich ein Paradoxon.

Warum sind Sie gegen die Frauenquote?

Ich halte eine Quote für unwürdig. Man möchte nach seinen professionellen Leistungen beurteilt werden und nicht nach der Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse. Auch beruht die Unterrepräsentation von Frauen in bestimmten Berufen nicht auf Diskriminierung, sondern auf unterschiedlichen Interessen von Männern und Frauen. Keiner kommt auf die Idee, für bestimmte Berufe eine Männerquote zu erfinden. Eine Quote birgt zudem die Gefahr, dass Frauen Jobs kriegen, die sie nicht stemmen, und dass sie im zu anspruchsvollem Job unglücklich werden.

Unterschiedliche Arbeitsstile führen zu neuen Anregungen

Was wäre aus Ihrer Sicht eine bessere Lösung?

Ich bin für eine absolut gerechte Behandlung, basierend auf berufsbezogene Leistungen. Allerdings sollte weiter sehr darauf geachtet werden, dass es keine Diskriminierung gibt für Frauen, die es wollen und können. Die Zeiten ändern sich, und wenn mehr Frauen selbst berufstätige Mütter haben, werden sich auch mehr für eine Karriere entscheiden. Wenn eine Frau wegen ihrer Familie im Beruf zurücksteckt, ist das vielleicht schade, aber eine freie Entscheidung, die man respektieren muss.

Müssen Harvard und Oxford im Lebenslauf stehen, wenn man Spitzenwissenschaftler werden möchte?

Es muss nicht Harvard sein, aber ein Platz mit einer intellektuell hervorragenden Umgebung, die einen fördert und fordert. Man sollte nicht dorthin, wo es bequem ist und man von vornherein die Beste ist. Neulich kam bei einer Diskussion über Frauen in der Wissenschaft die Frage auf: Muss man unbedingt nach der Doktorarbeit das Labor wechseln? Wenn man Kinder und Familie hat, ist so ein Umzug ja blöd! Die Forschung leidet aber, wenn man nicht umzieht. Man muss unterschiedliche Stile kennenlernen, um neue Anregungen zu bekommen.

Menschen sind „erstaunlich schlecht“ informiert

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich erforsche, wie Fische zu ihren schönen Farbmustern kommen und wie diese sich während der Evolution entwickelt haben. Das ist noch sehr schlecht verstanden und es wird wenig daran geforscht, weil es eben nichts direkt in der Medizin Anwendbares bringt. Aber es ist unglaublich kompliziert und interessant.

Haben Popkultur und Aktualität das Ansehen von Naturwissenschaften verändert?

Das ist möglich. Die Leute interessieren sich ja für Naturthemen. Wegen des Coronavirus sind alle ganz eifrig dabei und wissen jetzt ganz viel über Viren, aber sie wissen leider nicht viel über, sagen wir mal, Bakterien und Fledermäuse. Mit der allgemeinen Bildung in Biologie hapert es bei uns. Es wird viel geredet über Umwelt, Insekten und Biodiversität, aber die Leute wissen erstaunlich schlecht Bescheid.

Neugier gleichstellen mit medizinischen Nutzen

Mit welchen Folgen?

Politiker kümmern sich darum, was den Menschen hier und jetzt dienlich ist. Gerade wird Corona-Forschung mit viel Geld gefördert. Dagegen macht die Grundlagenforschung in der Biologie, wie ich sie betreibe, nur fünf Prozent der Forschung überhaupt aus. Um Fördermittel zu bekommen, muss man ständig begründen, was die eigene Forschung für den Menschen nützt. Aber durch die Erforschung von interessanten Phänomenen in der Biologie wird man im Ganzen klüger und lernt die Natur besser zu verstehen. Leben ist das Faszinierendste, was es gibt, und unendlich komplex. Es ist falsch, sich nur auf das Anwendbare zu konzentrieren. Die meisten Erkenntnisse entstammen einer Neugier-getriebenen Forschung, die zunächst kein konkretes Ziel in einer Anwendung hat. Man sollte nicht nur auf die medizinische Nützlichkeit schauen.

RND/dpa