Eine heiße Spur führt Nora Weiss (Anna Maria Mühe) in die Kirche – eine Szene aus "Solo für Weiss – Schlaflos". Quelle: Christine Schroeder/ZDF/dpa

Thriller „Solo für Weiss: Schlaflos“ mit Anna Maria Mühe: Bruce Willis‘ kleine Schwester

Die Frauenpower nimmt zu – auch in deutschen Fernsehkrimis, in denen immer öfter weibliche Ermittlerinnen das Sagen haben. Auf diesen Trend setzt auch das ZDF mit seiner Reihe „Solo für Weiss“, die allerdings nur einmal im Jahr einen Fall lösen darf.

Im Mittelpunkt steht die Kieler LKA-Zielfahnderin Nora Weiss (Anna Maria Mühe). Eine leicht autistische Frau, die sich um Dienstvorschriften wenig kümmert, für die Empathie nur ein Fremdwort ist und die so eiskalt agiert, dass es als Zuschauer recht schwerfällt, mit diesem menschlichen Eisblock mitzufiebern oder gar mitzuleiden.

Weiss tritt auf, als wäre sie die kleine Schwester von Bruce Willis

In ihrem aktuellen Fall „Schlaflos“, dem insgesamt fünften seit 2016, tritt Weiss auf, als wäre sie die kleine Schwester des „Stirb langsam“-Stars Bruce Willis. Ähnlich wie der schlaflose US-Cop schießt und prügelt sie sich durch die Geschichte. Verletzungen, seelischer oder auch physischer Natur, kümmern sie nicht – manchmal allerdings vollbringt sie zwischendurch kleine medizinische Wunder. Hauptsache, sie kann den schwer psychopathischen Oberschurken am Ende dingfest machen.

Mit all dem kann man als Krimi- und Thrillerfreund gut leben, zumindest wenn es halbwegs unterhaltsam ist. Doch steckt diese Geschichte voller Logikfehler und erzählerischen Sonderbarkeiten, gelegentlich wirkt das Geschehen sogar unfreiwillig komisch.

Dafür aber ist dieser Mumpitz so atemberaubend rasant von Regisseurin Maria von Heland inszeniert und geschnitten, dass man der Story vor allem in der zweiten Hälfte kaum noch folgen kann. Da sieht man beispielsweise in einer Szene, wie Weiss in einer Autobahntoilette ihre blutende Schusswunde versorgt, dann folgt ein Schnitt – und sofort danach ist sie mitten in einem Polizeieinsatz zu entdecken. Das bekommt nur Bruce Willis' kleine Schwester hin.

Langweilig ist „Schlaflos“ nicht

Langweilig ist „Schlaflos“ jedenfalls nicht, dafür viel zu viel in kürzester Zeit – allerdings auf humorlose Weise. Schon der Beginn hat es in sich.

Der schwedische Drogenhändler Jesper Alm (Anastasios Soulis) soll bei einer Polizeiaktion im Hafen festgenommen werden. Doch der Einsatz, bei dem sich der Einsatztrupp dümmer anstellt, als es die Polizei auch in Schleswig-Holstein erlaubt, geht jämmerlich schief. Alm kann nicht nur auf einem von ihm offenbar vorsorglich gut versteckten Motorrad fliehen, er erschießt auch noch eine von zwei jungen Frauen, die ihn aus bis zum Schluss rätselhaften Gründen begleiten. Die Tote ist die Tochter einer reichen Familie, die mit Noras Vater, dem Pastor Rainer Weiss (Rainer Bock), befreundet ist.

Das macht sogar Eiszapfen Weiss betroffen, zumindest ein kleines bisschen. Empathie ist halt nicht ihr Ding, wie sie kurze Zeit später gleich beweist, als sie während der Totenfeier ungerührt die Familie der Erschossenen zur Tat befragt.

Es tun sich Abgründe auf

Dabei tun sich Abgründe auf, wie man sie in Fernsehfilmen nur in wirklich wohlhabenden Familiendynastien findet. Zwischendurch wird Weiss' Vater mitsamt Haushälterin entführt, schwedische Operettennazis treten auf, und die Ermittlerin sperrt ihren Vorgesetzten (Hannes Hellmann) in die Asservatenkammer. Das sind nur drei von vielen wundersamen Dingen, die hier in nur 90 Minuten geschehen – und auf die man entweder mit Kopfschütteln oder mit Erheiterung reagiert.

Was sich die Drehbuchautoren Kathrin Richter und Jürgen Schlagenhof bei dieser unfassbar wilden Mixtur gedacht haben, bleibt ihr Geheimnis. Glaubhaft ist das alles auch nicht ansatzweise, aber dafür ist es gut gefilmt (Kamera: Cristian Pirjol).

So korrespondiert die Kälte der winterlichen Bilder exzellent mit der innerlichen Frostigkeit der Hauptdarstellerin. Dazu gibt es schöne Roadmovieszenen beim Ausflug des Filmteams nach Schweden – obwohl dieser Trip erzählerisch gänzlich überflüssig ist.

Von Ernst Corinth/RND