In drei je dreistündigen Episoden wird die Geschichte der Zwillinge Allyson und Tyler Ronan erzählt. Quelle: Hersteller

„Tell Me Why“ im Test: Packende Geschichte, interaktive Suche nach der Wahrheit

Mit „Life Is Strange“, dessen Nachfolger und dem Spin-off „Before the Storm“ hat sich das französische Studio Dontnod einen Ruf unter Fans geschichts- und entscheidungslastiger Spiele gemacht. Dass ihr jüngstes Werk nicht „Life Is Strange 3“ heißt, ist wohl eine Folge des Herausgeberwechsels von Square Enix hin zu Microsoft. Dabei wäre der alte Name passend gewesen, denn Dontnod bleibt sich mit „Tell Me Why“, so der neue Titel, absolut treu.

Als Zwillinge zurück in die traumatische Kindheit

In drei je dreistündigen Episoden wird die Geschichte der Zwillinge Allyson und Tyler Ronan erzählt, die nach zehnjähriger Trennung zusammenkommen, um ihr ehemaliges Haus in einem verschlafenen Ort in Alaska zum Verkauf vorzubereiten. Seit einem schrecklichen Vorfall in ihrer Kindheit haben beide es nicht mehr betreten: Tyler hatte einst seine labile Mutter hinter dem Haus in Notwehr getötet und kam in eine Jugendanstalt. Das Wiedersehen der Geschwister ist aber nur kurz erfreulich: Neue Indizien lassen darauf schließen, dass ihre Erinnerungen getrübt sind und sich jene schreckliche Nacht anders zutrug, als sie glauben. So beginnt die Suche nach der Wahrheit.

Doch gibt es diese „eine“ Wahrheit überhaupt? „Tell Me Why“ lässt Zweifel daran aufkommen – auch durch die Spielmechanik. Denn die Zwillinge verfügen über eine mentale Verbindung, die sie auch gemeinsame Erinnerungen visualisieren lässt. Gelegentlich muss der Spieler entscheiden, wessen Verstand er glaubt; was Folgen für den Verlauf der Geschichte hat. Das gilt auch für manche Dialog- und Handlungsoptionen. Am grundlegenden Storyverlauf ändern die zwar wenig, spürbarer ist dafür der Einfluss auf das Verhältnis der Geschwister, was zu zwei verschiedenen Enden führen kann.

Fokus auf Story – Rätsel weder abwechslungsreich noch anspruchsvoll

Spielmechanisch läuft „Tell Me Why“ wie schon „Life Is Strange“ allerdings auf Sparflamme: Das Erkunden der Schauplätze, das Interagieren mit Objekten und Figuren sowie das Lösen kleinerer Rätsel ist weder abwechslungsreich noch anspruchsvoll. Der Fokus ist erzählerischer Natur, und hier kann Dontnod sowohl atmosphärisch mit authentischen Szenarien und einem passgenauen Soundtrack als auch bei der Charakterzeichnung punkten.

Im Zentrum stehen Tyler und seine inneren wie äußeren Konflikte hinsichtlich seiner Identität als Transmann: Schon als Kind verstand er sich eher als Allysons Bruder denn als Schwester, nun kehrt er nach seiner Transition zurück in seine Heimat, in der dies auf wenig Verständnis stößt. Zugleich glaubt er, dass seine Mutter einst deswegen auf ihn losging, und wird deshalb von Schuldgefühlen verfolgt. Die Nebenfiguren sind ähnlich feinfühlig geschrieben.

Ergreifende Geschichte rund um die Themen Identität, Erinnerung, Freundschaft

Um Klischees zu vermeiden, arbeitete das Studio mit der Gay & Lesbian Alliance Against Defamation und der Huna Heritage Foundation zusammen, die sich für die indigene Kultur in Alaska einsetzt. Leider kommt Letzteres in „Tell Me Why“ zu kurz. Auch die Technik des Spiels ist nicht zeitgemäß. Da kann Dontnod mit dem Spiel kaum neue Impulse setzen und reizt auch das Erinnerungsfeature nicht aus. Immerhin wagt das Studio in einem Medium, das noch immer von Stereotypen dominiert wird, etwas Neues und liefert eine ergreifende Geschichte rund um die Themen Identität, Erinnerung, Freundschaft, Liebe und Familie.

„Tell Me Why“ ist für Xbox One und PC erhältlich, wurde von der USK ab 12 Jahren freigegeben und kostet ca. 30 Euro (10 pro Episode)

Von Christian Neffe/RND