Aussichtsloses Unterfangen: Barnaby Metschurat als Oliver Manlik (M.), der sein früheres Leben zurückbekommen will und versucht, die Kommissare Lannert (Richy Müller, l.) und Bootz (Felix Klare) dafür zu instrumentalisieren. Quelle: SWR/Benoît Linder

„Tatort“ aus Stuttgart: Ein Manager sieht rot

Er nennt es Wiedergutmachung, aber natürlich will er Rache. Oliver Manlik hat die letzten drei Jahre im amerikanischen Gefängnis verbracht, nicht gänzlich unschuldig zwar, aber als Bauernopfer: Der Manager (Barnaby Metschurat) hat bis zu seiner Verhaftung während eines Florida-Urlaubs für einen großen schwäbischen Automobilzulieferer gearbeitet. Als rauskam, dass die Firma in Indien in großem Stil bestochen hat, ist das Unternehmen in den USA verklagt worden. Und flugs wurde Manlik zum Sündenbock gemacht.

Ein Mann will in sein Leben zurück

Die Führungsspitze war fein raus, aber der Mitarbeiter steht nach seiner Rückkehr vor den Trümmern seiner Existenz: Der Job ist weg, die Ehe ist zerbrochen. Als die Personalchefin des Konzerns tot im Wald gefunden wird und eine Bombe unterm Auto des Vorstandsvorsitzenden explodiert, brauchen die Stuttgarter Kommissare Lannert und Bootz (Richy Müller, Felix Klare) nicht lange, um in Manliks Hotelzimmer aufzutauchen.

Der räumt zwar ein, vom Vorstandsvorsitzenden Bässler (Stephan Schaad) eine Ausgleichzahlung in Millionenhöhe gefordert zu haben, tischt ansonsten aber eine irre Geschichte auf: Der Konzernchef habe die Vorstandskollegin als Mitwisserin aus dem Weg geräumt und die Bombe selbst platziert, um seine Hände öffentlich in Unschuld waschen zu können. Als auch Manlik nur knapp einem Mordanschlag entkommt, fragen sich die Ermittler, ob seine Verschwörungstheorie womöglich stimmt.

Der Drehbuchautor verrät zu früh zu viel

Das Regiedebüt von Gerd Schneider, „Verfehlung“ (2015), war ein sehenswertes Drama über den Umgang der Kirche mit sexuellem Missbrauch. Zuletzt hat er für den SWR „Now or Never“ (2020) gedreht, eine toll gespielte Tragikomödie über einen nihilistischen Sterbehelfer, der mithilfe einer unheilbar kranken jungen Frau neuen Sinn im Dasein findet.

An diese Qualität kann „Der Welten Lohn“ nur bedingt anknüpfen. Durchgehend herausragend ist allerdings die sehr präsente Musik von Gary Marlowe, die ständig eine latente Bedrohung signalisiert. Da Drehbuchautor Boris Dennulat jedoch früh verrät, dass der von Barnaby Metschurat mit großem Engagement verkörperte Manlik die Bombe unter Bässlers Luxuslimousine platziert hat, bleibt bloß offen, ob er auch etwas mit dem Ableben der Personalchefin zu tun hat.

Wie in dem Stuttgart-Krimi „Der Mann, der lügt“ (2018) sind die beiden Ermittler im Grunde nur Nebenfiguren. In dem formidablen „Tatort“ ging es um einen Mann, der sich immer tiefer in ein Netz aus Lügen verstrickte und zunehmend verfiel; Manuel Rubey hat das ganz vorzüglich gespielt. Barnaby Metschurat ist ein völlig anderer Typ. Ihm fehlt nicht nur die Jungenhaftigkeit Rubeys, die unwillkürlich Sympathie für die Titelfigur weckte; er versucht auch gar nicht erst, Manlik als liebenswürdigen Menschen darzustellen. Die Empathie muss sich daher im Umweg über sein empörendes Schicksal einstellen, weshalb das Mitgefühl nicht von Herzen, sondern vom Kopf kommt.

Der traurigste Mietcontainer der Welt

Weil sich Schneider dessen wohl bewusst war, gibt es mehrfach kurze Einschübe, die Anteilnahme wecken sollen: Wenn Manlik seiner Frau Caroline (Isabelle Barth) begegnet, illustrieren kurze Momentaufnahmen seine Erinnerungen an bessere Zeiten. Treffendstes Bild für seine Situation ist ein Mietcontainer, in dem Caroline seine Sachen eingelagert hat: Hier hat er sein gesamtes früheres Leben vor sich; so nah und doch so fern.

Etwas befremdlich muten dagegen die Schreie an, mit denen Manlik zwischendurch seinem Zorn Luft macht, zumal sie nicht zu hören, sondern nur zu sehen sind. Diese Gefühlsausbrüche sind allerdings nachvollziehbarer als die unmotiviert eingestreuten Zeitlupenstudien.

Ähnlich polarisierend sind die Auftritte von Stephan Schaad. Er spielt solche Typen oft und unverwechselbar: Bässler ist arrogant bis zum Anschlag. Sicherlich gibt es Fossilien dieser Art, die über die Vollkasko-Mentalität ihrer Mitmenschen lamentieren („Schuld ist immer jemand da oben“), und Sätze wie „Wirtschaft ist Krieg“ fallen in solchen Kreisen garantiert ebenfalls; trotzdem wirkt die Figur überzeichnet.

Liest eigentlich kein TV-Kommissar Zeitung?

Dennulat war als Co-Autor an einigen sehenswerten Produktionen beteiligt, darunter an der ZDF-Serie „Wer rettet Dinah Foxx?“ (2011) oder an dem Gangsterfilm „Alle meine Jungs“ (2014), ein „Tatort“ aus Bremen. Sein Drehbuch zu „Der Welten Lohn“ hat allerdings hörbare Schwächen. So müssen Bootz und Lannert zu Beginn ein typisches Informationsgespräch führen, als der eine dem anderen erklärt, warum sich die US-Justiz für die Bestechungen eines deutschen Konzerns in Indien interessiert.

Natürlich gibt es Zuschauer, die das nicht wissen, aber es ist regelmäßig ernüchternd, dass TV-Kommissare offenbar keine Zeitung lesen.

Von Tilmann P. Gangloff/RND